24. Juli 1950: Brief an Alois Zimmer, Montabaur

Alois Zimmer (1896-1973), Dr. jur., 1945 Mitbegründer der CDU in Rheinland-Pfalz, dort 1951-1957 Innen- und Sozialminister, 1957-1965 MdB, langjähriges Bundesvorstandsmitglied der CDU.

Lieber Herr Zimmer!

Hier, wo man mehr Zeit zum ruhigen Nachdenken hat als in Bonn, geht mir die Zukunft unserer Partei sehr durch den Kopf. Ich finde, dass man zur Zeit unserer Partei fol­gende Mängel sehr anmerkt:

1. Sie ist sehr schnell aus verschiedenartigsten Elementen entstanden. Es schwindet die einheitliche weltanschauli­che Grundlage, jedenfalls tritt sie zurück.

2. Die politische Lage in Deutschland hat es mit sich gebracht, dass zunächst die einzelnen Landesparteien ent­standen sind und dass so - abgesehen vielleicht von der britischen Zone, aber auch dort ist es nicht so, wie es sein sollte - die Landesparteien eine zu große Selbständigkeit beanspruchen. Auf der gleichen Entwicklung beruht es, dass die Fraktionen in den Länderparlamenten eine zu selbständige Politik, sogar gegenüber ihren eigenen Lan­desparteien, treiben. Endlich marschiert die Bundestagsfraktion ganz selbständig. So bieten wir viel zu wenig das Bild einer großen, geschlossenen Partei, die weiß, was sie will, und die in den großen politischen Fragen einer ein­heitlichen Linie folgt.

Aus alledem ergibt sich folgendes:

Bei der Schaffung des Statuts und bei dem ganzen Aufbau der neuen Organisation wird eine stärkere Zusammen­fassung und Zentralisation unbedingt notwendig sein. Ich rede keinem „Führer" der Partei das Wort, wohl aber einem Führungsgremium der Gesamtpartei, das auf die Landesparteien und je nachdem auf die Landtagsfrak­tionen mit Nachdruck einwirken kann. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie gerade diesem Fragenkomplex bei der Beratung des Statuts Ihre besondere Aufmerksamkeit wid­men würden.

3. Wir haben alle möglichen Ausschüsse - Sozialaus­schüsse, Wirtschaftsausschüsse, die Junge Union, Frauen­ausschüsse -, die, wie mir scheint, in engere Verbindung mit der Gesamtleitung gebracht werden müssten mit der zukünftigen Parteizentrale. Wir erleben sonst, dass von irgendeiner Stelle eine Forderung aufgestellt wird, die nachher die ganze Partei in die peinlichste Situation bringt. Das Wesen dieser Sonderorganisationen, ihre Rechte und ihre Pflichten gegenüber der Gesamtpartei müsste wohl ebenfalls genauer umschrieben werden.

4. Ich bitte Sie, auch die Frage zu überlegen, was mit der Jungen Union geschehen soll? Sie scheint mir in vielen Gegenden überhaupt nicht existenzwert zu sein, während sie in anderen anscheinend lebendig ist und etwas be­deutet.

5. Auch die Frauenorganisationen scheinen mir einer Nachprüfung sehr zu bedürfen. Ich habe gerade von füh­renden CDU-Frauen sehr lebhafte Klagen gehört.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr

(Adenauer)

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 107-109.