28. September 1950: Schreiben an Gustav Heinemann, Bonn

Gustav Heinemann (1898-1976), Dr. jur. et rer. pol., 1946-1949 Oberbürgermeister von Essen, 1947/48 Justiz­minister von Nordrhein-Westfalen, 1949/50 Bundesminister des Innern (als CDU-Politiker), 1966-1969 Bundesjustizminister (als SPD-Politiker), 1969-1974 Bundespräsi­dent.

Sehr geehrter Herr Heinemann!

Wie ich höre, finden noch fortgesetzt Besprechungen zwi­schen Ihnen und Ihnen nahestehenden evangelischen Per­sönlichkeiten über die zwischen uns bestehende Mei­nungsverschiedenheit statt. Es liegt mir deswegen daran, Ihnen ebenso, wie Sie das getan haben, meinen Stand­punkt schriftlich niederzulegen. Dabei lasse ich alles das weg aus Ihrer Niederschrift, was sich schon als überholt erwiesen hat, z. B. dass wir uns nicht anbieten dürften usw. Sie werden ja aus meinem gestrigen Vortrag im Kabinett entnommen haben, dass ein Anbieten auch von mir abso­lut abgelehnt wird und dass es sich lediglich um folgendes handelt: Es wird in absehbarer Zeit - es können bis dahin einige Wochen vergehen, es kann aber auch schon sehr bald kommen - an die Bundesregierung und Deutschland die offizielle Frage gestellt werden, ob es bereit sein wird, seine Menschenreserven und seine Materialreserven zum Schutze der westlichen Freiheit einer internationalen Armee zur Verfügung zu stellen, die allerdings unter Um­ständen die Aufgabe haben wird, einen sowjetrussischen Angriff abzuwehren.

Sie wollen den Frieden. Ich will den Frieden und will alles tun, damit der Frieden Deutschland und der Welt erhalten bleibt. Während Sie aber der Auffassung sind und für sich das Recht beanspruchen, diese Auffassung öffentlich zu vertreten, dass man, nach dem uns Gott das Schwert zweimal aus der Hand genommen hat, es nicht zum dritten Mal in die Hand nehmen dürfe, sondern geduldig abwarten müsse, was über uns verhängt werde, bin ich der Auf­fassung, dass der Frieden nur dadurch erhalten werden kann, dass man durch Aufbau und Bereitschaft einer entsprechenden Streitmacht dem allein als Angreifer in Betracht kommenden Staate, Sowjetrussland, vor Augen führt, dass ein Bruch des Friedens auch für ihn selbst ein sehr großes Risiko bedeutet.

Ich glaube, dass ich damit die Verschiedenheit unserer Standpunkte völlig klar wiedergegeben habe. Lassen Sie mich noch folgendes hinzusetzen. Ich hatte vorgehabt, Sie heute zu mir zu bitten, weil Sie ja auf eine Entscheidung über Ihr Rücktrittsgesuch drängen. Ich verstehe sehr, dass Sie aus dem jetzigen ungeklärten Zustand baldmöglichst herauskommen wollen. Nun bekomme ich heute früh die Nachricht von Herrn Kunze, dass er gestern mit Ihnen gesprochen hat, dass er jedoch heute zur Hochzeit seiner Tochter müsse und mir daher über die Besprechung mit Ihnen erst nächsten Montag berichten könne. Ich weiß nicht, ob es Ihnen recht ist, wenn wir bis dahin warten. Falls Sie schon früher eine entscheidende Aussprache haben wollen, stehe ich Ihnen natürlich zur Verfügung. Noch eins lassen Sie mich anfügen: In dem pro memoria, das Sie mir übergeben haben, nehmen Sie es als Ihr Recht in Anspruch, auch als Kabinettsmitglied Ihre oben wie­dergegebene Ansicht, mit der Sie, wie mir scheint, im Kabinett allein stehen, öffentlich zu vertreten. Davon kann natürlich keine Rede sein. In einer so entscheidenden Frage kann das Kabinett nur eine einheitliche Haltung einnehmen.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr ergebener

(Adenauer)

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 110-112.