2. Oktober 1950: Schreiben an Franz Robert Ingrim, St. Niklausen bei Stans, Schweiz

Franz Robert Ingrim (1895-1964), Dr. jur., amerikanischer Publizist österreichischer Herkunft, 1938-1947 in der Emi­gration (Großbritannien, Kanada, USA), ab 1947 in der Schweiz wohnhaft, von dort aus an den außen- und sicher­heitspolitischen Diskussionen der Adenauerzeit beteiligt.

Sehr geehrter Herr Ingrim!

Ehe ich Ihnen für die Übersendung Ihres Buches „Bismarck selbst" dankte, wollte ich zuerst das Buch wenig­stens zum großen Teil gelesen haben. Das ist inzwischen geschehen. Ich danke Ihnen herzlich für die Zusendung dieses Buches und auch für das Schreiben dieses Buches, dem ich eine sehr große Verbreitung wünsche. Das Buch ist nicht nur der beste Beweis dafür, dass das Bild Bismarcks nach vielen Richtungen hin verzeichnet ist. Das Buch gibt auch jetzt noch sehr wertvolle Hinweise für unsere zukünftige Politik.

Sie wissen, dass ich z. Zt. große Vorbehalte gegen die Innenpolitik Bismarcks habe. Ich habe sie Ihnen auf dem Bürgenstock auseinandergesetzt, aber selbstverständlich hindert das mich nicht, das Große seines Geistes staunend anzuerkennen. Um so beschämter bin ich über die Wid­mung, die Sie mir in das Buch geschrieben haben, aber ich danke Ihnen auch hierfür als Zeichen einer freundschaftli­chen Gesinnung. Ich würde mich freuen, Sie bald wieder­zusehen, und bin mit vielen Grüßen

Ihr ergebener

(Adenauer)

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 112-114.