9. Mai 1951: Schreiben an Pfarrer Hunold

Sehr geehrter Herr Pfarrer!

Ihren Brief vom 8.5. habe ich erhalten und habe ihn auch gelesen, weil ich aus dem Briefe entnommen habe, dass Sie ernst um die Probleme ringen. Ich glaube, dass meine Antwort, trotzdem sie kurz ist, erschöpfend ist.

Ich bin weder Militarist noch Kriegstreiber. Ich hasse den Krieg, wie ihn nur jemand hassen kann. Ich bin aber auch der Auffassung, dass wir, d. h. Deutschland und ganz Westeuropa, von Sowjetrussland verschlungen und ver­sklavt werden, dass das Christentum ausgerottet werden wird, wenn wir nicht Sowjetrussland die Überzeugung bei­bringen, dass ein Angriff auf Deutschland und Westeuropa für Russland selbst ein sehr großes Risiko bedeutet. Mit Worten kann man eine solche Überzeugung nicht in Russland hervorrufen. R., wie alle totalitären Staaten, hat Respekt vor der Macht, aber nicht vor Worten. Es ist daher nötig, dass eine sehr starke Macht in Westeuropa aufgebaut wird, dass der Russe die Gefahr erkennt, die er selbst ruft, wenn er zu Taten übergeht. Ich glaube nicht, dass man auf die Dauer Amerika und den anderen europ[äischen] Ländern wird zumuten können, hier die entsprechenden Truppen zu unterhalten, während Deutschland nichts tut. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Aufbau einer solchen Streitmacht, und allein der Aufbau einer solchen Streitmacht, den Frieden erhalten kann.

Mit freundlichen Grüßen

Adenauer

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 122f.