7. Juni 1951: Schreiben an John J. McCloy, Frankfurt/Main

John J. McCloy (1895-1989), Dr. jur., amerikanischer Politiker, 1941-1945 Unterstaatssekretär im Kriegsministerium, 1947 Präsident der Weltbank, 1949-1952 Hoher Kommissar in Deutschland, 1953-1965 wieder in der Wirtschaft tätig, 1961 Leiter der zentralen Abrüstungsbehörde.

Lieber Herr McCloy,

ehe Sie nach Washington gehen, möchte ich mir erlauben, Ihnen nachfolgend privat und persönlich zu Ihrer Infor­mation einige Ausführungen über - wie mir scheint - sehr wesentliche Punkte zu übermitteln. Ich stelle Ihnen anheim, in geeigneter Weise diese Ausführungen zu ver­werten. Ich weiß, dass Sie bei der Art eines Teiles meiner Ausführungen diese nur in entsprechender Weise verwer­ten werden.

1) Das Verhältnis zu Frankreich

Nach wie vor betrachte ich trotz der Vorfälle der letzten Wochen und trotz der dadurch im Bundestag und in der deutschen Bevölkerung hervorgerufenen Erregung die Herstellung eines guten nachbarlichen Verhältnisses zwi­schen Frankreich und Deutschland als eine der wesentlichen Voraussetzungen für eine gute europäische Politik. Ich darf aber nicht verschweigen, dass Frankreich die Verfolgung dieser Politik mir sehr erschwert. Ich werde im folgenden darauf zurückkommen. Ich möchte hier aber dieses bemerken:

Herr Botschafter François-Poncet hat in einer Aussprache, die ich unlängst über das Verhalten der französischen Regierung mit ihm hatte, gesagt, dass man immer wieder befürchtet, dass vielleicht nach den nächsten Bundestags­wahlen ausgesprochene Nationalisten, z. B. Herr Schumacher, an die Regierung kommen und dass man deswegen gegenüber Deutschland Reserven habe und mangelndes Vertrauen. Ich habe Herrn Botschafter François-Poncet darauf erwidert, dass man gerade, wenn man eine solche Befürchtung habe, höchst unklug handele, wenn man der gegenwärtigen Bundesregierung Schwierigkeiten mache in ihren Bestrebungen. Wenn die gegenwärtige Bundes­regierung nicht bei Beginn der Wahlkampagne für die Bundestagswahl im Jahre 1953 auf einen vollen Erfolg ihrer außenpolitischen Zielsetzung hinweisen kann, dann besteht allerdings die Gefahr, dass die Wahlen ungünstig ausfallen. Umgekehrt, wenn sie überzeugend dartun kann, dass ihre Politik Erfolg gehabt hat, so ist gar kein Zweifel, dass auch die Regierungskoalition bei den Wahlen gut ab­schneiden wird. Die gegenwärtige Haltung französischer politischer Kreise leitet geradezu Wasser auf die Mühle der nationalistischen sozialdemokratischen Opposition. Sie liefert Herrn Dr. Schumacher gute Argumente für seine Ausführungen. Ich bitte Sie dringend, im Interesse des europäischen Gedankens, doch Ihre Anwesenheit in Washington dazu zu benutzen, um die maßgebenden ame­rikanischen Regierungsstellen davon zu überzeugen, dass sie immer und immer wieder die französische Regierung - gleichgültig, wie sie aussehen mag - darauf hinweisen müssen, dass die Herstellung eines guten nachbarlichen Verhältnisses zwischen Deutschland und Frankreich Grundbedingung auch für den Erfolg der amerikanischen Politik in Europa ist, und dass zur Herstellung eines sol­chen guten Verhältnisses beide Teile beitragen müssen. Ich gestatte mir, im folgenden Ihnen die Punkte aufzu­zählen, die gerade in der letzten Zeit die Atmosphäre so verschlechtert haben, weil ich glaube, dass eine Auf­zählung dieser Punkte die Veranlassung bieten kann, die französischen Regierungskreise von Washington aus ent­sprechend zu beeinflussen.

[...]

2) Gegen den illegalen Ost-Handel wird die Bundes­regierung mit aller Schärfe vorgehen, und ich persönlich werde laufend diese Frage kontrollieren. Wir erwägen zur Zeit, ob wir nicht einen Gesetzentwurf im Bundestag ein­bringen wollen, der sehr hohe Strafen auf eine Übertre­tung der maßgebenden Bestimmungen setzt.

3) Die Frage eines Verteidigungsbeitrages ist ja wohl die entscheidende Frage der nächsten Jahre. Ich beurteile die ganze Sachlage folgendermaßen.

Ich glaube nicht an eine unmittelbare Kriegsgefahr. Aber es kann jederzeit sich eine Lage entwickeln, die einen Krieg zum Ausbruch bringen kann. Die Entwicklung kann zwischen Sowjetrussland und den westalliierten Mächten, insbesondere den Vereinigten Staaten, an irgendeinem Punkte der Erde einsetzen. Es ist daher die größte Wach­samkeit, auch in Europa, geboten. Denn wenn Sowjet­russland das Gebiet der Bundesrepublik, seine Boden­schätze und seine Menschen in seine Hand bekommt, wird sein Kriegspotential und seine wirtschaftliche Macht außerordentlich gesteigert werden. Frankreich, Italien und die Benelux-Staaten werden alsdann sofort unter kommu­nistische Herrschaft geraten.

Sie kennen, sehr verehrter Herr McCloy, meine Ansichten über einen deutschen Verteidigungsbeitrag. Voraussetzung ist die Herstellung einer politischen Lage, die dem Deutschen Volke so einleuchtend ist, dass es sieht, worum es kämpft, d. h. Deutschland muss die Wiederherstellung seiner Souveränität bekommen. Ob die Westalliierten, wenn sie irgendwelche Vorbehalte glauben machen zu müssen, vielleicht dazu übergehen könnten, zwar diese Vorbehalte zu machen, aber trotzdem der Bundes­regierung die in diesen Vorbehalten liegenden Rechte zu­nächst zu übertragen, bitte ich zu überlegen. Ich glaube, dass die Mehrheit der deutschen Bevölkerung und die Mehrheit des Bundestages, wenn die politischen Voraus­setzungen gegeben sind, der Leistung eines Verteidigungs­beitrages zustimmen werden.

Ich bin aber der Auffassung, dass die Mächteverlagerung, die in Europa seit 1918 eingetreten ist, noch auf viele Jahrzehnte hindurch große Gefahren mit sich bringen wird. Diese Mächteverlagerungen lassen Sie mich stichwortweise in folgendem wiedergeben:

  • - Wegfall der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, dadurch Zersplitterung des ganzen Balkans und Osteuropas,
  • - Wegfall Deutschlands als Militärmacht,
  • - Absteigen Englands in seiner Stellung als Weltmacht und, damit Hand in Hand gehend, die starke Verringerung sei­ner Kraft zur See,
  • - die Krankheitserscheinungen in Frankreich, die sich seit 1918 ununterbrochen zeigen,
  • - das Vordringen Sowjetrusslands, einschließlich seiner Satellitenstaaten bis in das Herz Europas,
  • - der gegenwärtige Zustand der Bundesrepublik.

Dem steht gegenüber eine außerordentlich große Steige­rung des sowjetrussischen Machtbereiches und seines Einflusses.

Bei Beurteilung der sowjetrussischen Politik muss man m. E. davon ausgehen, dass Russland seit Hunderten von Jahren eine imperialistische Eroberungspolitik getrieben und den Panslawismus auf jede Art gefördert hat, dass die sowjetrussische Außenpolitik herkommensgemäß nach dem Westen geht, dass dieser Drang nach dem Westen im gesamten russischen Volke besteht und dass totalitäre Regierungen notgedrungen außenpolitische Erfolge mög­lichst großen Ausmaßes ihrer unterjochten Bevölkerung vorzeigen müssen, um durch Aufpeitschung nationalisti­scher Instinkte von inneren Schwierigkeiten abzulenken. Wir haben das ja alles in Deutschland unter Hitler selbst erlebt.

Ich bin weiter der Auffassung, dass die Lage, die vielleicht lange Jahre hindurch dauern wird, von Europa allein nicht gemeistert werden kann, dass es dazu der wirtschaftlichen Kraft Amerikas bedarf, dass aber auf die Dauer den Ver­einigten Staaten nicht wird zugemutet werden können, ständig Truppen in größerem Ausmaße in Europa zu unterhalten. Das Ziel der amerikanisch-europäischen Politik muss also sein, Europa, und insbesondere dabei Deutschland, durch wirtschaftliche Hilfe und durch Liefe­rung von Rüstungsmaterial in den Stand zu setzen, einen starken Damm gegen das vorwärtsdringende Sowjet­russland zu geben. Man würde m. E. der Lage nicht gerecht werden, wenn man alles nur unter den Aspekten der augenblicklichen Lage betrachten würde. Man muss davon ausgehen, dass die Ereignisse der letzten Jahrzehnte Russland außerordentlich gestärkt, Westeuropa außer­ordentlich geschwächt haben, und dass es notwendig ist, gegenüber Sowjetrussland einen dauernden Damm zu er­richten, weil sonst Sowjetrussland ganz Europa beherrschen wird und dann ein Endkampf zwischen den Vereinigten Staaten und Sowjetrussland unvermeidlich sein wird.

4) Zu der Frage des Verteidigungsbeitrages gehört auch der Komplex der Maßnahmen, die in der Bundesrepublik getroffen werden müssen, um dem deutschen Volk innere Festigkeit zu geben. Ich darf hier darauf hinweisen, dass das deutsche Volk, insbesondere die Bundesrepublik Deutschland, soziale Verpflichtungen hat wie kein anderes Land der Welt. Ob es sich diese Verpflichtungen durch eigene Schuld aufgebürdet hat oder nicht, spielt hierbei keine Rolle. Ich nenne hier die Sorge für die Vertriebenen und Ausgebombten, die Wohnungsfrage, alle die Fragen, die mit der Abtrennung der agrarischen Gebiete Deutschlands von den übervölkerten westlichen Teilen Deutschlands zusammenhängen. Über unsere Finanzlage, die ja bei der Frage des Verteidigungsbeitrages eine große Rolle spielt, haben Sie ein besonderes Memorandum bekommen, auf das ich Ihre Aufmerksamkeit besonders lenken möchte.

Erlauben Sie mir zum Schluss nochmals darauf hinzuwei­sen, dass man die Lage in Europa und die gesamte Weltlage m. E. unter einer längeren Sicht betrachten muss aus den oben von mir dargelegten Gründen, dass es sich nicht etwa um vorübergehende Spannungen zwischen Sowjetrussland und den Vereinigten Staaten handelt, sondern dass durch die beiden Kriege und ihre Folgen das ganze Gleichgewicht auf der Erde erschüttert ist, und dass es lan­ger und kluger Arbeit bedarf, um wieder ein Gleich­gewicht, das allein Frieden garantieren kann, herzustellen. Ich bitte, mich auch richtig zu verstehen, wenn ich sage, dass nach meiner Überzeugung das deutsche Volk trotz aller Vorkommnisse in den vergangenen Jahrzehnten wohl mehr als ein anderes europäisches Volk die Eigenschaften hat, die notwendig sind, um einen wirklichen Schutz­damm gegenüber Sowjetrussland zu bilden.

Ich wünsche Ihnen, sehr verehrter Herr McCloy, viel Glück und alles Gute für Ihren Aufenthalt in Washington.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr sehr ergebener

(Adenauer)

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 123-130.