1. Dezember 1951: Brief an Dannie N. Heineman, Brüssel

Dannie N. Heineman (1872-1962), amerikanischer Industrieller deutsch-jüdischer Abstammung, 1905-1955 Generaldirek­tor des belgischen Elektrokonzerns Sofina (Société Financière de Transports et d'Entreprises Industrielles, einer über zahlreiche Länder gestreuten Beteiligungsgesellschaft großer Bankhäuser und Industrieunternehmen), 1907 erst­mals mit Adenauer zusammengetroffen, ihm dann bis zum Tode in enger Freundschaft verbunden.

Sehr verehrter, lieber Herr Heineman!

Es war eine Freude, Sie vor wenigen Tagen bei mir zu sehen und mit Ihnen über alle die uns gemeinsam bewe­genden Probleme zu sprechen. Inzwischen habe ich Näheres über die Konferenz der Atlantikpakt-Staaten in Rom und die große Rede erfahren, die General Eisenhower bei diesem Anlass gehalten hat. Ich habe mich über den Inhalt dieser Rede, in der der General sich so zustim­mend zu dem Plan der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft geäußert hat, von Herzen gefreut. Ich bin sicher, dass sie ihren Eindruck auf die in Rom anwesenden Vertreter der europäischen Staaten nicht verfehlt hat.

Diese Pläne werden nur dann verwirklicht werden, wenn die Vereinigten Staaten ihre große Autorität einsetzen und die Staatsmänner Europas immer wieder mit Nachdruck an die Notwendigkeit erinnern, den beschrittenen Weg bis ans Ende zu gehen.

Die Bundesregierung wird ihre bisherige Linie in der Europa-Politik, hinsichtlich des Schuman-Planes und der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft unbeirrt und mit aller Zähigkeit einhalten, weil sie davon überzeugt ist, dass Europa nur durch den Zusammenschluss vor der Gefahr eines neuen Krieges bewahrt werden kann.

Ich hoffe sehr, dass wir uns in der kommenden Woche in London wiedersehen.

Mit freundlichen Grüßen und besten Wünschen

Ihr ergebener

(Adenauer)

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 130f.