6. Dezember 1951: Schreiben des Bundeskanzlers Konrad Adenauer an den Vorsitzenden der Konferenz jüdischer Ansprüche gegenüber Deutschland, Nahum Goldmann

Nahum Goldmann (1894-1982), 1949-1977 Präsident des Jüdischen Weltkongresses, ab 1951 zugleich Vorsitzender der von ihm gegründeten Claims Conference, maßgeblich am Zustandekommen des Luxemburger Wiedergutmachungs-Abkommens der Bundesrepublik mit Israel (10. August 1952) beteiligt, 1956-1968 Präsident der Zionistischen Welt­organisation.

Sehr geehrter Herr Dr. Goldmann!

Unter Bezugnahme auf die Erklärung, die die Bundesregierung am 27.9.1951 im Bundestag abgab und in der sie sich bereit erklärte, mit Vertretern des jüdischen Volkes und Israel Verhandlungen wegen der Wiedergutmachung der unter dem nazistischen Regime entstandenen Schäden aufzunehmen, möchte ich Ihnen mitteilen, dass die Bundesregierung den Zeitpunkt für gekommen erachtet, in dem solche Verhandlungen beginnen sollten. Ich bitte Sie, in Ihrer Eigenschaft der Conference of Jewish Claims against Germany, sowohl dieser Konferenz als auch der Regierung Israels von dieser Bereitschaft Kenntnis zu geben.

Ich möchte dazu bemerken, dass die Bundesregierung in dem Problem der Wiedergutmachung vor allem auch eine moralische Verpflichtung sieht und es für eine Ehrenpflicht des deutschen Volkes hält, das Möglichste zu tun, um das an dem jüdischen Volk begangene Unrecht wiedergutzumachen. Die Bundesregierung wird in diesem Zusammenhang die Möglichkeit begrüßen, durch Warenlieferungen zu dem Aufbau des Staates Israel einen Beitrag zu leisten. Die Bundesregierung ist bereit, bei diesen Verhandlungen die Ansprüche, die die Regierung des Staates Israel in ihrer Note vom 12.3.1951 gestellt hat, zur Grundlage der Besprechungen zu machen.

Mit vorzüglicher Hochachtung
Ihr ergebener
gez. Adenauer

Quelle: Adenauer, Konrad: Erinnerungen 1953-1955. Stuttgart 1966, S. 138f.