12. November 1952: Schreiben an John J. McCloy, New York

John J. McCloy (1895-1989), Dr. jur., amerikanischer Politiker, 1941-1945 Unterstaatssekretär im Kriegsministerium, 1947 Präsident der Weltbank, 1949-1952 Hoher Kommissar in Deutschland, 1953-1965 wieder in der Wirtschaft tätig, 1961 Leiter der zentralen Abrüstungsbehörde.

Sehr verehrter, lieber Herr McCloy,

es war eine große Freude, Ihrem ausführlichen Brief vom 2. November, für den ich Ihnen sehr herzlich danke, zu entnehmen, dass es Ihnen, Ihrer lieben Gattin und den Kindern gut geht und dass Sie begonnen haben, sich Ihr Leben in den Vereinigten Staaten neu einzurichten. Ihre neue Tätigkeit in der Ford Foundation, die wahrscheinlich nur vorübergehenden Charakter haben wird, gibt Ihnen sicher eine gute Möglichkeit, Ihre großen Erfahrungen und Kenntnisse in den Dienst der Aufklärung der amerikanischen öffentlichen Meinung zu stellen.

Zu dem außerordentlich bedeutsamen Ereignis der Wahl General Eisenhowers zum Präsidenten der Vereinigten Staaten darf ich Sie beglückwünschen und Ihnen sagen, wie sehr ich mich darüber freue, dass mit General Eisenhower eine Persönlichkeit das schwere Amt der amerikanischen Präsidentschaft übernimmt, die wie wenige ande­re Europa und Deutschland gründlich kennt. Ich glaube, dass der kommende Präsident dazu berufen sein wird, die Bemühungen der europäischen Völker um die Schaffung einer echten europäischen Gemeinschaft nachhaltig zu fördern. Wie sehr diese Bemühungen einer tatkräftigen Förderung durch die Vereinigten Staaten bedürfen, haben gerade die letzten Monate gezeigt, in denen sich die Lage in Frankreich erheblich verschlechtert hat und in denen auch die Bereitschaft der anderen europäischen Völker für eine solche enge Zusammenarbeit hier und dort stark zu wünschen lässt. Selbstverständlich haben auch wir in Deutschland nach wie vor mit Kräften zu kämpfen, die sich gegen die Integrationsverträge stemmen; ich hoffe aber, dass der Bundestag noch Ende dieses Monats die Verträge ratifiziert, so dass, wie ich hoffe, in dieser Ent­scheidung die anderen Partner den nötigen Ansporn zu gleichem Handeln finden. Ich brauche nicht besonders zu betonen, dass positive Ereignisse hinsichtlich der europä­ischen Integration auch im Hinblick auf die kommenden Bundestagswahlen von großer Bedeutung sind, will die gegenwärtige Regierungskoalition vor den deutschen Wählern bestehen.

Ich habe mich auch sehr darüber gefreut, dass Sie nach wie vor an den Vorgängen in Deutschland so großes Interesse nehmen. Ihre Erklärungen zu der unerfreulichen An­gelegenheit Zinn haben hier gut gewirkt. Ich bin sicher, dass Sie auch in den Vereinigten Staaten viel dazu beitra­gen können, dass die Verhältnisse in Deutschland richtig bewertet werden und dass man Äußerungen von urteils­losen Generalen wie Ramcke nicht unverdient große Bedeutung zumisst, denn gerade die Äußerungen Ramckes sind von der deutschen öffentlichen Meinung einhellig scharf verurteilt worden.

Auch ich, lieber Herr McCloy, denke gern an die gemein­same schwere Arbeit in den vergangenen Jahren zurück. Gar oft habe ich in letzter Zeit die Aussprache mit Ihnen, Ihr gutes Urteil über Menschen und Dinge und nicht zuletzt Ihre tatkräftige Haltung vermisst. Im Stillen hege ich die Hoffnung, dass Sie innerhalb der kommenden ame­rikanischen Regierung ein Amt einnehmen mögen, das Sie bald wieder einmal nach Europa führt.

Lotte und die anderen Kinder erwidern mit Dank Ihre Grüße herzlich, desgleichen die Herren Hallstein, Lenz und Blankenhorn.

Ihnen und Ihrer verehrten Gattin die herzlichsten Grüße und Wünsche

Ihr

gez. Adenauer

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 143-145.