11. Dezember 1952: Schreiben an Erich Ollenhauer, Bonn

Erich Ollenhauer (1901-1963), 1928-1933 Vorsitzender des Verbandes der Sozialistischen Arbeiterjugend Deutschlands, nach 1933 in der Emigration, 1946-1952 stellvertretender Vorsitzender der SPD, 1952-1963 deren Vorsitzender, 1949 Mitglied des Parlamentarischen Rates, 1949-1963 MdB (ab 1952 Fraktionsvorsitzender).

Sehr geehrter Herr Ollenhauer!

Die Vorkommnisse der letzten Zeit erfüllen wie viele an­dere so auch mich mit ernster Sorge. Insbesondere lassen mich sowohl der Verlauf der Bundestagssitzungen der ver­gangenen Woche wie die sich daran anschließenden Erörterungen über das Bundesverfassungsgericht befürchten, dass nichtdemokratische Kreise daraus Nahrung für ihre oppositionelle Haltung gegenüber dem demokrati­schen Gedanken ziehen. Sie wissen, dass ich grundsätzlich die Auffassung vertrete, das demokratische System könne sich auch in Deutschland nur dann bewähren, wenn nicht nur die Regierung, sondern auch die Opposition sich auf eine der großen demokratischen Parteien stützen können. Es scheint mir jedoch notwendig und möglich, dass das Verhältnis von Regierung und Opposition nicht durch unnötige Schärfen beeinflusst wird. Es ist meiner Auf­fassung nach aber auch darüber hinaus erforderlich, dass in großen nationalen Fragen, insbesondere in Spannungs­zeiten, Regierung und Opposition das gemeinsame über­parteiliche Interesse nicht aus dem Auge verlieren. Ich würde es begrüßen, wenn wir uns über diese Fragen ein­mal aussprechen könnten, und schlage im Falle Ihrer Zustimmung zu der von mir angeregten Unterredung die baldige Vereinbarung eines Termins vor, der etwa im Laufe der nächsten Woche stattfinden könnte.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Ihr ergebener

(Adenauer)

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 145f.