22. Januar 1953: Schreiben an den CDU-Landesverband Berlin

Sehr geehrte Herren!

Für die mir zum Jahreswechsel übermittelten Wünsche danke ich dem Landesverband Berlin der Christlich-Demokratischen Union sehr herzlich und erwidere sie mit meinen Wünschen für ein erfolgreiches neues Jahr. Sie haben in Ihrem Schreiben an mich der vielfachen Hilfe gedacht, die Berlin in der Vergangenheit erhalten hat. Ich kann Ihnen erklären, dass der Bund auch in Zukunft Berlin jede überhaupt nur mögliche Unterstützung geben wird. Gerade jetzt hat die Bundesregierung besondere Maßnahmen beschlossen, um der Stadt bei der großen Flüchtlingslast zu helfen.

Der Bundesregierung wird vorgeworfen, dass sie nicht noch viel mehr für Berlin erreicht habe. Von einzelner, aber verantwortlicher Berliner Seite wird der Bundes­regierung sogar zur Last gelegt, sie habe mit den „Bonner Verträgen" die Lage Berlins verschuldet. Ich frage aber: Ist nicht gerade Berlin mehr als jede andere Stadt auf die Gemeinschaft der freien Völker angewiesen? Befreien wir Berlin aus der Isolierung, indem wir - durch Ablehnung der Verträge - ganz Deutschland isolieren?

Es ist klar, dass wir für Berlin noch nicht das erreicht haben, was erreicht werden muss, was wir mit aller Ener­gie zu erreichen uns bemühen und was wir auch schließ­lich erreichen werden. Aber das bisher Geleistete sollte doch nicht verkleinert und zerredet werden. Für vieles, was die Bundesregierung für Berlin unternimmt, z. B. die Beschaffung neuer Aufträge, brauchen wir die bereitwillige Mitarbeit Westdeutschlands. Wie kann die Bundesregie­rung aber an den Bürger Westdeutschlands appellieren, wenn sie von Berliner Seite nichts als Kritik, und zwar parteipolitisch interessierte Kritik zu hören bekommt? Wenn irgendwo, dann muss in Berlin die Parteipolitik schweigen. Nur das Ganze hat zu gelten, insbesondere in der heutigen schwierigen Zeit.

Ich bitte zu bedenken, dass wir Berlin überhaupt nur des­halb in dem bisherigen Umfang unterstützen konnten, weil wir im Bundesgebiet eine so erfolgreiche und gesunde wirtschaftliche Entwicklung genommen haben. Die eigene Kraft ist die Voraussetzung für jede Hilfe. Der wirtschaft­liche Aufstieg der Bundesrepublik in den letzten Jahren ist nur möglich gewesen, weil die Bundesregierung gradlinig und unbeirrt von allen Angriffen die von ihr für richtig gehaltene Wirtschafts- und Außenpolitik beibehalten hat. Mit dieser Politik hat sie sich im Ausland Vertrauen erwor­ben. Ich werde unberührt von allen Missdeutungen an der als richtig erkannten Linie festhalten.

Wir dürfen nicht vergessen, dass wir auch dankbar sein wollen für die großzügige Unterstützung, die Berlin durch unsere amerikanischen Freunde erfährt. Sie ist ein Beweis für die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik und den USA und gleichzeitig ein Anerkenntnis dafür, welche gute Verwendung die zur Verfügung gestellten Mittel gefunden haben. Es sollte dabei aber auch nicht vergessen werden, dass die amerika­nische Hilfe für Berlin nur unter der Bedingung gewährt wird, wenn sich der Bund hierfür verbürgt. Ich bin dankbar, von Ihnen zu hören, dass diese meine Auffassungen von den meisten Berlinern geteilt werden. Dasselbe habe ich im Oktober des vergangenen Jahres auf dem Bundesparteitag der CDU in Berlin, der mir noch in lebhafter Erinnerung ist, überzeugend erfahren.

Ich bin mit den besten Grüßen

gez. Adenauer

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 146-148.