29. Mai 1953: Schreiben an Dwight D. Eisenhower, Washington D.C.

Dwight D. Eisenhower (1890-1969), 1943-1945 Oberkom­mandierender der Invasionsstreitkräfte in Europa, 1945 Oberbefehlshaber der amerikanischen Besatzungstruppen in Deutschland, 1945-1947 Generalstabschef des Heeres, 1950-1952 Oberkommandierender der NATO-Streitkräfte, 1953-1961 Präsident der USA.

Sehr geehrter Herr Präsident,

in der gegenwärtigen Phase der Entwicklung des Ver­hältnisses zwischen den Westmächten und Sowjetrussland, die für das Schicksal Deutschlands von so entscheidender Bedeutung ist, liegt mir daran, erneut mit großem Nachdruck zu betonen, dass ich als verantwortlicher Leiter der Bundesregierung mich hinter die Politik stelle, die die amerikanische Regierung seit Ihrem Amtsantritt hinsicht­lich der Lösung des Ost-West-Konflikts verfolgt. Ich habe seinerzeit Ihrer Rede vom 16. April in vollem Umfange zugestimmt. Ich tue dies auch heute gleicherweise.

Wir werden positive Ergebnisse in der Auseinander­setzung mit Sowjetrussland nur erzielen, wenn wir selbst klar und eindeutig wissen, was wir wollen, und dies auch vor dem Beginn einer Verhandlung mit Sowjetrussland deutlich zum Ausdruck bringen. Als ich die Rede Premierministers Churchill vom 11. Mai las, war ich besorgt. Als ich am 14. und 15. Mai zu einem seit längerer Zeit geplan­ten Besuch in London war, habe ich in meinen öffentlichen Ausführungen ebenso wie in Gesprächen mit den führen­den britischen Persönlichkeiten die Einheit der West­alliierten und die Einheitlichkeit ihres Vorgehens als eine notwendige Voraussetzung einer erfolgreichen Lösung der westöstlichen Spannung hervorgehoben.

In meinen Gesprächen mit Premierminister Churchill gelangten wir ähnlich wie auch in unseren Gesprächen in Washington zu der Übereinstimmung, dass die Vertrags­werke und die darin enthaltenen gegenseitigen Verpflichtungen beobachtet und eingehalten werden müssen. Ich habe ferner der Auffassung Ausdruck gegeben, dass die Alliierten keine Regelung der Deutschlandfrage mit den Sowjets treffen sollten, ohne dass die Bundesregierung zu dieser Regelung gehört worden ist und ihre Zustimmung erklärt hat.

Angesichts der schicksalhaften Bedeutung einer Regelung der Deutschlandfrage für das deutsche Volk und für Europa möchte ich mir die Anregung erlauben, dass vor einem Treffen der Alliierten mit den Vertretern Sowjet­russlands eine Konferenz der westlichen alliierten und deutschen Außenminister-Stellvertreter stattfindet, in wel­cher eine Übereinstimmung des für die Lösung der Deutschlandfrage auf einer Viererkonferenz einzuschla­genden Weges erzielt werden sollte. Ich glaube, dass einer solchen Bitte die Berechtigung nicht versagt werden kann, wenn man an die Aufgaben denkt, die Deutschland inner­halb der westlichen Gemeinschaft gestellt sind.

Ich darf aber noch eine weitere Bitte aussprechen. Es würde im alliierten wie im deutschen Interesse erwünscht sein, wenn die Bundesrepublik am Verhandlungsort einer Viererkonferenz durch eine Persönlichkeit vertreten sein würde, die laufend und in vollem Umfange von den Delegationen der Westmächte über die Verhandlungen unterrichtet wird. Damit wäre eine schnelle Abstimmung der Auffassungen gewährleistet.

Ich füge diesem Brief ferner eine Skizze von Gedanken und Zielen bei, deren Beachtung mir vom deutschen Standpunkt für die Lösung des Deutschlandproblems wesentlich erscheint. Über die Punkte 1-[5] der Skizze bestand bereits anlässlich des Notenwechsels mit der sowjetischen Regierung vom vergangenen Jahr (vgl. Noten der westalliierten Regierungen vom 25.3.,13.5., 10.7. und 23.9.1952) Übereinstimmung zwischen der Bundesregierung und den drei westalliierten Regierungen.

Genehmigen Sie, Herr Präsident, den Ausdruck meiner ausgezeichneten Hochachtung.

(Adenauer)

Anlage zum Schreiben an Eisenhower: Memorandum über die Frage der Wiedervereinigung

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 149-151.