4. Juli 1953: Schreiben an Dwight D. Eisenhower, Washington D.C.

Dwight D. Eisenhower (1890-1969), 1943-1945 Oberkom­mandierender der Invasionsstreitkräfte in Europa, 1945 Oberbefehlshaber der amerikanischen Besatzungstruppen in Deutschland, 1945-1947 Generalstabschef des Heeres, 1950-1952 Oberkommandierender der NATO-Streitkräfte, 1953-1961 Präsident der USA.

Sehr verehrter Herr Präsident,

in den letzten Monaten haben wir des öfteren über die Lage der Bevölkerung in der sowjetisch besetzten Zone gesprochen. Sie wissen daher, dass die Bundesregierung nicht nur mit größter Sorge den sich ständig steigernden politischen Druck verfolgt, dem die dort lebenden Deut­schen ausgesetzt sind. In zunehmendem Maße erfüllt dar­über hinaus die sich immer weiter verschlechternde Lebensmittelversorgung der sowjetisch besetzten Zone die Bundesregierung mit großer Besorgnis. Die Ereignisse vom 17. Juni 1953 in Berlin haben die Machthaber der Sowjetzone zwar gerade auf diesem Gebiet zur Ankün­digung gewisser Erleichterungen veranlasst, den uns vor­liegenden Nachrichten zufolge ist es aber überaus zwei­felhaft, ob die kommunistischen Machthaber diese Versprechungen wirklich erfüllen wollen oder auch erfül­len können. Daher muss die Lebensmittelversorgung der Sowjetzone nach wie vor als ausgesprochen gefährdet angesehen werden.

Die Bundesregierung hat zwar bedauerlicherweise keine Möglichkeit, den Menschen in der Sowjetzone den auf ihnen lastenden politischen Druck abzunehmen. Sie hält sich jedoch für verpflichtet, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um die Bevölkerung nach Möglichkeit wenigstens vor dem Hunger zu schützen.

Auch der Bundestag hat sich in den letzten Tagen mit die­ser Frage befasst und die Bundesregierung am 1. Juli in einer Entschließung ersucht, alle möglichen Maßnahmen zu treffen, um schnellstens eine ausreichende Versorgung der notleidenden Sowjetzone und Ost-Berlins mit Lebensmitteln sicherzustellen.

Die Bundesregierung beabsichtigt daher, in großem Um­fang Mittel für Lebensmittelsendungen in die sowjetisch besetzte Zone bereitzustellen. Damit diese Lebensmittel­lieferungen auch dem richtigen Zweck zugeführt werden, sollen die Kirchen und caritativen Verbände mit der Durchführung dieser Aktion betraut werden.

Ich würde es dankbar begrüßen, wenn auch die amerika­nische Regierung bereit sein würde, sich an dieser Hilfs­aktion, die im Interesse der ganzen westlichen Welt liegt, zu beteiligen.

Ich darf daher die Frage aufwerfen, ob Sie geneigt sein würden, mit den zuständigen amerikanischen Stellen in diesem Sinne Verbindung aufzunehmen.

Genehmigen Sie, Herr Präsident, den Ausdruck meiner ausgezeichnetsten Hochachtung.

(Adenauer)

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 153f.