2. Oktober 1953: Brief an Dannie N. Heineman, New York

Dannie N. Heineman (1872-1962), amerikanischer Industrieller deutsch-jüdischer Abstammung, 1905-1955 Generaldirek­tor des belgischen Elektrokonzerns Sofina (Société Financière de Transports et d'Entreprises Industrielles, einer über zahlreiche Länder gestreuten Beteiligungsgesellschaft großer Bankhäuser und Industrieunternehmen), 1907 erst­mals mit Adenauer zusammengetroffen, ihm dann bis zum Tode in enger Freundschaft verbunden.

Lieber Freund!

Herzlichen Dank für Ihren ausführlichen Brief vom 16. September, den ich auf Bühlerhöhe mit Muße lesen konnte. Ich danke Ihnen außerdem sehr für die interes­santen Ausschnitte.

Sie fragen, was ich am Montag morgen nach der Wahl gedacht habe. Nun, ehrlich gesagt, der Sieg war mir etwas zu groß. Wenn in einer Regierungskoalition eine Fraktion sehr groß und die anderen relativ sehr klein sind, gibt es immer Schwierigkeiten. Die Größe des Sieges darf auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es vielfach ein persön­licher Erfolg war und dass meine Partei nun viel Arbeit und Mühe darauf verwenden muss, dass sie den Boden, den sie jetzt gewonnen hat, auch für die nächsten Wahlen behält. Ein Mann, der plötzlich reich geworden ist, hat die Sorge, den Reichtum zu bewahren, eine Sorge, die er nicht hatte, als er nicht so reich war.

Die außenpolitische Situation ist durch die Haltung der Labour Party, die sehr geschickt in ihrer Entschließung Churchill an seiner verwundbarsten Stelle gepackt hat, nicht erleichtert worden.

Ich hatte im allgemeinen hier sehr schlechtes Wetter. Ich fahre morgen nach Bonn zurück. Wie ich höre, sind Sie für November hier angemeldet, dann werde ich Sie ja sicher sehen.

Ihre Idee des europäischen Passes halte ich für sehr gut. Sie haben sie mir schon seinerzeit entwickelt. Ich bemühe mich fortgesetzt, dieser Idee zum Durchbruch zu verhelfen. Frankreich hat sich jetzt wenigstens dazu verstanden, für das Visum, das zur Einreise nach Frankreich noch immer notwendig ist, keine Gebühren mehr zu erheben. Bisher war es das teuerste aller Visen.

Ihrer Frau und Ihnen recht herzliche Grüße

Ihr

A(denauer)

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 158-160.