19. Februar 1954: Schreiben an Erich Ollenhauer, Bonn

Erich Ollenhauer (1901-1963), 1928-1933 Vorsitzender des Verbandes der Sozialistischen Arbeiterjugend Deutschlands, nach 1933 in der Emigration, 1946-1952 stellvertretender Vorsitzender der SPD, 1952-1963 deren Vorsitzender, 1949 Mitglied des Parlamentarischen Rates, 1949-1963 MdB (ab 1952 Fraktionsvorsitzender).

Sehr geehrter Herr Ollenhauer!

Zu unser aller schmerzlichem Bedauern hat uns die Ber­liner Konferenz, obwohl man sie nicht als einen völligen Fehlschlag bezeichnen kann, ihrem eigentlichen Ziel, näm­lich der Wiedervereinigung Deutschlands, nicht direkt näher gebracht. Nachdem die Erwartungen, die sich bei vielen an diese Konferenz geknüpft haben, nicht erfüllt worden sind, ist nach meiner Meinung eine neue Lage ent­standen. Das Verhalten Sowjetrusslands in der Deutschlandfrage zeigt, dass die Sowjets zur Zeit nicht bereit sind, die Teilung Deutschlands zu beseitigen. Auch die Haltung der Sowjets in der Österreich-Frage beweist, dass sie zur Zeit an dem bestehenden Zustand nichts ändern wollen.

Angesichts dieser Lage würde ich es im Interesse einer Außenpolitik, die den Lebensnotwendigkeiten des deut­schen Volkes gerecht wird, begrüßen, wenn auch Ihre Fraktion ihre Stellung zu den außenpolitischen Fragen überprüfen und im Lichte der jetzt gewonnenen Erfah­rungen zu Folgerungen kommen würde, die in der Rich­tung der von der Bundesregierung betriebenen Außen­politik liegen.

Zu einer Rücksprache hierüber stehe ich Ihnen zu einem zu vereinbarenden Zeitpunkt gern zur Verfügung.

Mit besten Grüßen

Ihr ergebener

(Adenauer)

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 167-170.