6. September 1954: Brief an Ria Reiners, Mönchengladbach

Ria Reiners (1912-1998; Tochter Adenauers), seit 1937 mit dem Fabrikanten Dr.-Ing. Walter Reiners (1908-1980) ver­heiratet.

Liebes Töchterchen!

Nun stehen auch wir vor der Abreise: heute Nachmittag geht's los. Morgen fängt der Betrieb in Bonn an, und dann wird eine Flut von Arbeit, Besprechungen und Konferen­zen hereinbrechen; übrigens muss ich Freitag nach Lübeck, Samstag nach Kiel.

Senator [W]iley hat mich über den Abschied von Dir hin­weggebracht (es ist mir ernst, das Zusammensein mit Dir war sehr schön). Er kam in mein Zimmer mit ausge­streckten Armen und „Du, Du liegst mir im Herzen" singend. Das Zusammensein mit ihm war politisch sehr wert­voll, es hat offenbar Conant sehr beeindruckt. Später kam Hoyer Millar drei Stunden, es war eine gute Aussprache, er brachte eine schriftliche Botschaft von Churchill. Der Freitag war ganz besetzt mit Fernseh- u. anderen Interviews. Es geht doch nichts über geruhsame Ferien.

Paul und ich haben aber doch allmählich die gewohnten Spaziergänge wieder aufgenommen. Ich weiß, wie glück­lich Du bist, wieder bei Mann und Kind bzw. Kindern zu sein; denn die beiden sollen ja diese Woche wieder ein­treffen. Dann geht überall das alte Leben wieder los. Am Freitag kam übrigens Konrad mit Frau u. Kindern für 2 Stunden gut erholt herein. Der Trost-Engel lässt vielmals grüßen, er tröstet wirklich.

Dir nochmals sehr herzlichen Dank für das so wohltuende Beisammensein. Euch allen, besonders Dir u. Walter, herz­lichste Grüße und auf baldiges Wiedersehen!

Dein Vater

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 174.