4. Oktober 1954: Schreiben an Sir Winston L. S. Churchill, London

Sir Winston L. S. Churchill (1874-1965), 1940-1945 und 1951-1955 britischer Premierminister, 1945-1951 Opposi­tionsführer im Unterhaus.

Sehr verehrter Sir Winston,

bei meiner Rückkehr nach Bonn darf ich Ihnen meine große Befriedigung über den Verlauf der Neunmächte­konferenz zum Ausdruck bringen, die auf Grund Ihrer Initiative zusammengetreten ist. Ich halte es für das wich­tigste Ergebnis dieser Konferenz, dass sie die große Un­sicherheit beseitigt hat, die innerhalb der Gemeinschaft der freien Völker seit der Entscheidung der französischen Nationalversammlung vom 30. August und der Aufgabe des Vertrages über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft entstanden ist. Auf der Neunmächtekonferenz in London ist die so stark gefährdete Einheit der westlichen Welt wiederhergestellt worden.

Für die Bundesrepublik bedeutet diese Konferenz zugleich einen entscheidenden Schritt vorwärts auf dem Wege zur Wiederherstellung ihrer Souveränität und ihrer Aufnahme in die beiden großen Vertragssysteme der westlichen Welt, den Pakt von Brüssel und die nordatlantische Orga­nisation. Damit wird, sobald die Verträge ratifiziert sind, die Bundesrepublik Deutschland ihren Platz als ein gleichverpflichteter und gleichberechtigter Partner innerhalb der freien Welt finden.

Lassen Sie mich, verehrter Sir Winston, Ihnen in dieser Stunde, in der wir hoffen können, dass der europäische Zusammenschluss nun endlich zu einer Realität wird, auf­richtig danken für die so ausgezeichneten und freund­lichen Ratschläge, die Sie mir in diesen Wochen gegeben haben, und für den historischen Entschluss der britischen Regierung, ihre Truppen auf dem Kontinent zu belassen. Er hat für diese glückliche Wende die entscheidenden Voraussetzungen geschaffen.

Mit aufrichtigen Grüßen

Ihr sehr ergebener

(Adenauer)

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 177-179.