28. Juli 1958: Brief an Dr. Otto Karrer, Luzern

 

In einem Interview forderte Papst Franziskus jüngst, eine Textstelle des Vater-Unser neu zu übersetzen. "Ein Vater tut so etwas nicht" sagte Franziskus. "Ein Vater hilft, sofort wieder aufzustehen. Es ist der Satan, der dich in Versuchung führt." Auch Adenauer schien die Bitte im Vater-unser-Gebet „… und führe uns nicht in Versuchung“ wenig verständlich und möglicherweise falsch übersetzt zu sein. Daher suchte er Rat bei Otto Karrer, einem früheren Jesuiten und katholischen Theologen (1888–1976), der von 1925 an als Religionswissenschaftler und Seelsorger in Luzern tätig war und sich in seinen Arbeiten mit Fragen der biblischen Theologie und der Ökumene befasste und so Einfluss auf die moderne katholische Theologie nahm.

 

Durch Reinhild Schlüter, Nachbarstochter in Rhöndorf, die von einem Vortrag Karrers im Sommersemester 1955 bei einer Una Sancta-Veranstaltung an der Universität München berichtete, der die Passage mit den Worten „… und in der Versuchung führe uns“ übersetzte, kamen Adenauer seine Zweifel wieder in Erinnerung. Er nahm dies am 28. Juli 1958 zum Anlass, persönlich bei Karrer nachzufragen. Denn auch der Kanzler war überzeugt, dass Gott nicht hinterlistig handele und die Menschen in Versuchung führe. Als Beleg nannte er den 1. Brief des Apostel Paulus an die Korinther, in dem es heißt: „Gott aber ist treu. Er wird Euch nicht über Eure Kraft versuchen lassen, sondern mit der Versuchung auch den guten Ausgang geben, daß Ihr sie bestehen könnt.“

 

Karrer verwies in seiner Antwort vom 31. Juli 1958 zur Interpretation der Vater-unser-Bitte auf den Korinther-Brief (1 Kor. 10, 13) und Jakobus (1, 13–15) hin. Im Korinther-Brief ist von der „Versuchung nicht über eure Kraft“ die Rede, der „Gott den guten Ausgang geben wird“. Bei Jakobus heißt es: „Niemand sage, wenn er versucht wird, daß er von Gott versucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht niemand. Sondern ein jeglicher wird versucht, wenn er von seiner eigenen Lust gereizt und gelockt wird. Darnach, wenn die Lust empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert sie den Tod“ (Schlachter Bibel, 1905). Somit falle auch Lichte auf die die Vater-unser-Bitte, argumentierte Karrer, „und führe uns nicht in Versuchung“ und führte weiter aus: Er „habe gelegentlich in Vorträgen die Erklärung berührt und in der Schweizerischen Kirchenzeitung 1956, Nr. 16, … über diese und ähnliche Stellen referiert, die vom Aramäischen her mit erheblicher Wahrscheinlichkeit zu korrigieren sind – mit Wahrscheinlichkeit, nicht strikter Gewißheit, weil uns kein ausdrücklicher aramäischer Text erhalten ist und man auf Rekonstruktion des Griechischen ins Aramäische angewiesen ist. Ich selbst bin nicht Orientalist, aber hatte einen ausgezeichneten Kenner des Aramäischen vor Augen, Ch. C. Torrey, dessen Aramaica zur Textverbesserung in der Zeitschrift für alttestamentliche Wissenschaft 1953, 228–247 stehen. Es handelt sich um eine Zusammenfassung seiner ,Documents of the primitive Church‘ 1941. In der Zeitschrift für alttest. Wissenschaft steht die Erklärung des Zeitwortes «hineinführen«, intransitiv «eingehen« mit dem abgeleiteten Sinn ,untergehen‘, ,in der Probe versagen‘. Was Frl. Reinhild Schlüter behielt, ist sachlich richtig, nur sollte die negative Fassung ,in der Versuchung nicht fallen lassen‘ bleiben (und so hatte ich es vorgetragen bzw. geschrieben – doch ist das nicht so wichtig, da es sinngemäß richtig bleibt)“ (Schreiben Karrer an Adenauer, in: StBKAH 10.08).

 

 

 

28. Juli 1958 (Rhöndorf): Schreiben Adenauer an Dr. Otto Karrer, Luzern

 

Sehr geehrter Herr Karrer!

 

Vor kurzem sagte mir die Tochter Reinhild meiner Nachbarin Frau Dr. Schlüter-Hermkes, daß Sie im Sommer 1955 in einem Nebensatz bemerkt hätten, die richtige Übersetzung der Vater unser-Bitte laute nicht: „und führe uns nicht in Versuchung“. Da diese Vater unser-Bitte mich immer sehr interessiert hat, weil sie mir wenig verständlich zu sein schien, bitte ich Sie, wenn Sie können, mir zur Klarheit zu verhelfen, ob es sich wirklich um eine falsche Übersetzung handelt und welche Übersetzung in Frage kommt.

Ich sprach vor kurzem mit einigen lutherischen Bischöfen über diese Frage, und einer von ihnen, Herr Bischof Lilje, Hannover, war der Auffassung, daß Luther falsch übersetzt habe. Volle Klarheit konnte aber keiner der Herren geben.

Für Ihre Deutung spricht m.E. die Stelle aus dem 1. Briefe des Apostel Paulus an die Korinther, in der es heißt: „Gott aber ist treu. Er wird Euch nicht über Eure Kraft versuchen lassen, sondern mit der Versuchung auch den guten Ausgang geben, daß Ihr sie bestehen könnt.“

Ich hoffe, Ihnen nicht lästige Arbeit mit meiner Frage zu machen, und danke Ihnen im voraus bestens.

 

Mit freundlichen Grüßen Ihr ergebener

 

(Adenauer)

 

Quelle: StBKAH 10.37, Durchschlag; Abdruck in: Adenauer, Briefe 1957–1959, S. 124; Kommentar S. 424f.

Literaturhinweis: Hans-Peter Mensing: Adenauer und der Protestantismus, in: Ulrich von Hehl (Hrsg.), Adenauer und die Kirchen, S. 43–60, hier S. 43f.

 

 

Hanns Jürgen Küsters