16. August 1961: Brief an Axel Springer, Hamburg

Sehr geehrter Herr Springer,

ich fürchte, Sie beurteilen die Lage nicht richtig. Was jetzt um Berlin geschehen ist, ist der allererste Anfang einer Reihe weiterer Maßnahmen gegen uns bis zur unmittelbaren Kriegsdrohung. Wenn die Dinge wirklich ernst werden, wohin wird sich dann die Nervosität der Deutschen und der Presse noch steigern? Ich stehe Ihnen gern zu einer mündlichen Aussprache am Donnerstag zur Verfügung.

Ich finde heutige "Bild"-Zeitung unmöglich, insbesondere "Adenauer schimpft auf Willy Brandt". Ich habe auf die Beschimpfungen Brandts in Nürnberg* vom vergangenen Samstag sehr maßvoll in Regensburg geantwortet.** Brandt hat in beleidigendster Weise unsere Partei und die Bundesregierung angegriffen zu einer Zeit, als ihm genau bekannt war, daß eine Aktion gegen Berlin beabsichtigt sei.

Ich lege auf eine Besprechung mit Ihnen größten Wert.***

Adenauer

* Willy Brandt beim Deutschlandtreffen der SPD am 12.8.1961 in Nürnberg: "Die gegenwärtige Regierung hat unserem Volk jahrelang ein falsches Bild von der Weltlage vermittelt. Sie hat uns jahrelang erzählt: noch nie sei die Lage so ernst gewesen, und es hat häufig nicht gestimmt. Heute stehen wir vor der ernstesten Krise unserer Nachkriegsgeschichte, und der Bundeskanzler verniedlicht diese Dinge. Und das geschieht damals wie heute aus innenpolitischen, parteiegoistischen Gründen. Das ist unerträglich. Das ist unverantwortlich. Damit muß Schluß gemacht werden"; Wortlaut: Sozialdemokratische Partei Deutschlands (Hrsg.), Tatsachen - Argumente, Nr. 21 (August 1961), S. 4-11.
** Am 14.8.1961 auf einer Wahlkundgebung der CSU in Regensburg: "... wenn einer mit der größten Rücksicht behandelt worden ist von seinem politischen Gegner, dann ist das der Herr Brandt alias Frahm"; Wortlaut: Konrad Adenauer. Reden 1917-1967. Stuttgart 1975, S. 413-423, hier S. 417.
*** Die Unterredung kam am 17.8.1961 (ab 12 Uhr) zustande, im Beisein von Hans Globke, Heinrich Krone und Adam Vollhardt. Zur Aufzeichnung Vollhardts ...

Quelle: Original des Fernschreibens in Unternehmensarchiv Axel Springer AG, NL Axel Springer, mit ms. Briefkopf "Bundeskanzler K. Adenauer", ohne Grußformel; StBKAH 10.09, Abschrift. Abgedruckt in: Adenauer. Briefe 1959-1961 (Rhöndorfer Ausgabe). Hg. von Rudolf Morsey und Hans-Peter Schwarz. Bearb. von Hans Peter Mensing. Paderborn 2004, S. 312, Anm. S. 541f.