22. März 1967: Schreiben an Bundeskanzler Dr. Kurt Georg Kiesinger, Bonn

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler!

Als Staatspräsident de Gaulle im vergangenen Sommer hier in Bonn war, hat er, wie er das immer zu tun pflegt, in meinem Arbeitsraum mich aufgesucht.

Ich habe ihm im Laufe der längeren Unterredung gesagt, bei uns würde im Herbst eine Änderung der Regierung eintreten. Es würde dann auch der Außenminister Schröder nicht mehr Außenminister bleiben. Die Grundhaltung des neuen Kabinetts werde eine Änderung in der Haltung gegenüber Frankreich bringen, sie werde den Freundschaftsvertrag mit Leben erfüllen. Seine Aufgabe werde es dann sein, die Politische Union Westeuropas herbeizuführen. Frankreich müsse darangehen, wir gingen mit. Er hat meinen Ausführungen nicht ausdrücklich zugestimmt, aber erkennen lassen, daß sie ihn beeindruckten. Als der Termin für meine Spanienreise festgesetzt werden sollte, beabsichtigte ich, auf dieser Reise den Rückweg über Paris zu nehmen, um mit General de Gaulle zu sprechen. Ich habe ihm das mitgeteilt. Er hat einen Termin mit mir vereinbart.

Ich war dann, wie Sie wissen werden, auf dem Rückflug von Madrid in Paris. Ich habe dort eine einstündige Unterredung unter vier Augen mit Herrn de Gaulle gehabt und nach dem Frühstück auch noch eine kurze Aussprache in einem etwas größeren Kreise. Bei der Aussprache unter vier Augen habe ich ihm nochmals, und zwar sehr ernst und sehr nachdrücklich, gesagt, daß nunmehr die Politische Union kommen müsse. Wenn nicht alle Sechs mittun sollten, dann sollten eben diejenigen vorangehen, die bereit dazu sind, die anderen würden schon nachkommen. Bei der letzten Verhandlung über den Plan Fouchet II über die Europäische Politische Union habe man in der Außenministerkonferenz der Sechs nicht abgestimmt, sondern zum Schluß festgestellt, wer, wenn abgestimmt würde, dafür und wer dagegen sei. Dabei habe sich herausgestellt, daß vier, nämlich Frankreich, Deutschland, Italien und Luxemburg, dafür stimmen würden, zwei - Holland und Belgien - dagegen. Eine Abstimmung sei aber nicht erfolgt, und man könne jederzeit diesen Plan Fouchet II wieder aus der Schublade holen und zur Debatte und Abstimmung stellen. General de Gaulle war dieser Vorgang unbekannt.

In der Zwischenzeit waren die Memoiren des Herrn Spaak erschienen, der damals auf der Außenministerkonferenz erklärt hatte, daß er nicht für Fouchet II sei. In seinen Memoiren schreibt Spaak, daß diese, seine Stellungnahme ein sehr schwerer politischer Fehler von ihm gewesen sei.

Man könnte also annehmen, daß Belgien sich nunmehr, wenn es nochmal vor die Frage gestellt würde, eines Besseren besinnen werde. Nach der Parlamentswahl in Frankreich habe ich dem General Glück zu der vom französischen Volke getroffenen Entscheidung gewünscht und auch gesagt, daß durch diese Entscheidung, die seine Politik erneut bestätigt habe, die Gewähr gegeben sei, daß er seine hohen Aufgaben zum Wohle Frankreichs und Europas fortführen könne und daß sich die Beziehungen zwischen unseren beiden Völkern im Geiste der Zusammenarbeit und des Vertrauens weiter entwickeln können.

Nach einigen Tagen habe ich von Herrn de Gaulle folgendes Telegramm bekommen:

"Je vous remercie, monsieur le chancelier, de votre aimable message du 14 mars. Soyez certain, que parmi les devoirs qui m'incombent, aucun ne m'est plus précieux que la poursuite de la grande oeuvre européenne, à laquelle vous avez donne une impulsion décisive et dont l'entente entre nos deux pays est un élément fondamental. Je vous adresse mes voeux très chaleureux de bonheur et de bonne santé et prie de croire, monsieur le chancelier, à ma haute et amicale considération.

C. de Gaulle"

Ich glaube, Ihnen diese Mitteilung schon in Ihren kurzen Urlaubstagen schicken zu sollen, weil Sie dort eher dazu kommen werden, sich die Situation durch den Kopf gehen zu lassen.

Ich wünsche Ihnen und Ihrer Frau frohe Ostern und bin mit besten Grüßen
Ihr ergebener
Adenauer

Quelle: Original in ACDP, NL Kiesinger, I-226-001; StBKAH II/51, Durchschlag. Abgedruckt in: Begegnungen mit Kurt Georg Kiesinger, S. 380-382; Adenauer. Die letzten Lebensjahre 1965-1967. Briefe und Aufzeichnungen, Gespräche, Interviews und Reden (Rhöndorfer Ausgabe). Bd. II: September 1965 - April 1967. Hg. von Rudolf Morsey und Hans-Peter Schwarz. Bearb. von Hans Peter Mensing. Paderborn 2009, S. 419-421.