27. Mai 1950: Erklärung des Bundeskanzlers Adenauer über die westdeutschen Rundfunksender zum Pfingstaufmarsch der FDJ in Berlin (Ost)

Bundeskanzler Dr. Adenauer beabsichtigte, heute abend über die deutschen Rundfunksender zum Pfingstaufmarsch der FDJ in Berlin zu sprechen. Wegen seiner Erkrankung kann die Ansprache nicht stattfinden. Wir bringen die Ausführungen des Kanzlers im Wortlaut.

In diesen Tagen wird der Versuch unternommen, den Aufmarsch von Massen irregeleiteter deutscher Jugend im Osten Berlins zu einem weltpolitischen Ereignis zu stempeln. Eine durchsichtige Zweckpropaganda hat es erreicht, die Pfingsttage mit einer politischen Spannung zu erfüllen, die leider über das hinausgeht, was der Pfingstaufmarsch in Ostberlin wert ist.

Ich glaube nicht an die übertriebene Bedeutung dieses Ereignisses. Nur eines weiß ich, daß tausende deutscher Jugendlicher unter dem gleichen unseligen Zwang der vergangenen Zeit zu politischen Abenteurern gemacht werden sollen, die sie in Wirklichkeit gar nicht sind.

Was sich in den sowjetisch besetzten Gebieten unseres Vaterlandes abspielt, ist nichts weiter, als der großangelegte Versuch, die Menschen an legalisiertes Unrecht zu gewöhnen, sie den Brüdern und Schwestern im Westen zu entfremden und ihnen die organisierte Unfreiheit zu bringen.

Die deutsche Jugend aber, und ich glaube, auch gerade die der sowjetisch besetzten Zone, hat kein anderes Ziel und keinen anderen Willen, als in Einigkeit mit allen Deutschen ein Leben in Recht und Freiheit zu führen. Ihr Wille zur Einigkeit wird jedoch umgefälscht in eine Uniformität des Geistes und des Gewandes. Ihr Wille, Recht zu tun, wird gehindert durch falsche Gesetze, die gegen jedes Recht und jede Gerechtigkeit erlassen wurden von einer kleinen Gruppe, die fremde Befehle ausführt. Und ihr Wille zur Freiheit wird in einem Ausmaß geknechtet, der selbst unter dem Nationalsozialismus nicht alltäglich war.

Die gleichen Kräfte, die mit zynischem Hohnlächeln auch fünf Jahre nach dem Kriege noch deutsche Menschen gegen jedes Recht hinter Stacheldraht halten, jagen deutsche Jugend für falsche Ideale auf die Straße. Ihre politischen Abenteuer führen nur deshalb nicht zur Katastrophe, weil die freiheitliche Welt die Triebkräfte kennt, die hinter ihnen stehen.

Die deutsche Jugend des Westens dagegen, die in Freiheit aufwächst, die eingebettet ist in einen Rechtsstaat, will nichts wissen von der Uneinigkeit, die vom Osten in das deutsche Volk getragen werden soll. Sie denkt dabei an ihre Kameraden, die fünf Jahre nach dem Kriege noch hinter östlichem Stacheldraht gehalten werden, und sie fordert, daß Einigkeit und Recht und Freiheit wahrhaft auch denen zurückgegeben werden, die heute unter Zwang in Berlin für Uneinigkeit, Unrecht und Unfreiheit demonstrieren müssen.

Bis zu diesem Tage aber steht die deutsche Jugend, dort wo sie frei sein darf, zu den ewigen Gedanken von Einigkeit und Recht und Freiheit. Sie allein können die Grundlagen sein für eine Wiedergeburt des deutschen Volkes als geachtetes und gleichberechtigtes Glied unter den Völkern der Welt.

Quelle: Mitteilung an die Presse. Nr. 522/50. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Pressearchiv F 1/25.