26. Oktober 1950: Erklärung des Bundeskanzlers Adenauer in der 94. Sitzung des Deutschen Bundestages zum Gedenktag für die deutschen Kriegsgefangenen

Meine Damen und meine Herren!

Der heutige Tag und diese Sitzung des Bundestags, der Vertretung des deutschen Volkes, ist dem Gedenken derjenigen geweiht, der Männer, der Frauen, der Kinder, die noch nicht zu uns zurückgekehrt sind. Im gesamten Gebiet der Bundesrepublik wird sich das deutsche Volk zu Kundgebungen der Trauer und des Protestes zusammenfinden und seiner Verbundenheit mit diesen unseren Landsleuten und mit ihren Angehörigen in Deutschland Ausdruck geben.

Ich darf zunächst an dieser Stelle danken, daß die Vereinigten Staaten von Nordamerika und daß England in eine Nachprüfung der Verurteilungen eingetreten sind. Ich darf von dieser Stelle aus an die französische Regierung und an das französische Volk die ebenso dringende wie herzliche Bitte richten, die Verfahren, die sie gegen frühere deutsche Soldaten eingeleitet haben, in gerechter Weise möglichst bald zu Ende zu führen. Aber, meine Damen und Herren, lassen Sie mich hier auch ein Wort der Anerkennung dafür sagen, daß Jugoslawien den größten Teil der Zurückgehaltenen zurückgesandt hat und daß wir wohl hoffen dürfen, daß aus Jugoslawien der Rest der Deutschen, die zurückgehalten worden sind, ebenfalls heimkehren wird.

Entsetzlich aber, meine Damen und Herren, ist das Schicksal der Deutschen, der früheren Angehörigen der Wehrmacht, der verschleppten Männer, Frauen und Kinder, die in Sowjetrußland noch zurückgehalten werden. Wir haben sehr sorgfältig alles uns zur Verfügung stehende Material geprüft, und wir kommen nach unserer gewissenhaft und sorgfältig angestellten Prüfung zu dem Ergebnis, daß dort noch viele Hunderttausende zurückgehalten werden -ein furchtbares Los für diese armen Menschen, ein furchtbares Los auch für ihre Angehörigen bei uns, die nun seit langer Zeit ohne jede Nachricht sind, die nicht wissen, was mit ihren Männern, ihren Vätern, ihren Brüdern, ihren Schwestern dort in Sowjetrußland geschieht.

Bundesregierung und Bundestag haben in diesem Kampf um Gerechtigkeit und Menschlichkeit wiederholt an die Weltöffentlichkeit appelliert. Das deutsche Volk hat mit Dankbarkeit davon Kenntnis genommen, daß die Regierungen der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Frankreichs die Bemühungen um die Freilassung der in der Sowjetunion zurückgehaltenen Deutschen in jeder Weise unterstützt haben. Es ist Ihnen bekannt, daß für die Bundesregierung zur Zeit Bundestagsabgeordnete tätig sind, um auch bei der UNO diese Bestrebungen auf Freilassung zu unterstützen.

Wir glauben, daß man zunächst an Sowjetrußland von seiten der UNO das Ansinnen stellen sollte, daß eine Kommission der UNO nach der Sowjetunion reist, um dort festzustellen, wie es mit den Deutschen, den früheren Kriegsgefangenen und den Verschleppten, aussieht. Wir sind bereit, derselben Kommission der UNO das ganze Material, das wir im Besitz haben, zur Verfügung zu stellen, damit sie auch hier nachprüfen kann, ob die Beschwerden, die wir haben, berechtigt sind oder nicht. Wir können unser Material nicht der Öffentlichkeit geben, weil dann erfahrungsgemäß Repressalien in Sowjetrußland ausgeübt werden, vor denen wir unsere Leute bewahren müssen.

Meine Damen und Herren! Das Schreckliche ist, wie ich glaube, für jeden irgendwie menschlich Empfindenden, daß diese Zurückhaltung vorgenommen wird nicht etwa im Kriege, nicht etwa in der Errregung des Kampfes, nicht etwa in einem noch nicht abgeebbten Rachegefühl nach Abbruch des Krieges. Sie wissen, daß die bedingungslose Kapitulation im Mai 1945 erfolgt ist, und jetzt schreiben wir Oktober 1950. Das sind fünfeinhalb Jahre nach dieser bedingungslosen Kapitulation. Jede Entschuldigung für ein solches Verfahren fehlt. Es ist keine Gefährdung für die Sowjetunion und für Polen damit verbunden. Ich habe eben schon hervorgehoben, daß auch das vielleicht im ersten Jahre verständliche Gefühl der Erregung und der Rache jetzt nach fünfeinhalb Jahren nicht mehr bestehen kann und herrschen darf. Nein, meine Damen und Herren, es handelt sich hier um eine Maßnahme kalter Grausamkeit,

(Lebhafte Zustimmung.)

durch die über vielleicht eine Million Deutsche in Sowjetrußland, aber über eine ganze Anzahl von Millionen der Angehörigen in Deutschland Schmerz und Kummer und Trostlosigkeit und Hoffnungslosigkeit verhängt ist. Ich weiß nicht, meine Damen und Herren, ob in der Geschichte jemals mit einer solchen kalten Herzlosigkeit ein Verdikt des Elends und des Unglücks über Millionen von Menschen gefällt worden ist. Die Geschichte wird auch darüber einst zu richten haben.

Wir, meine Damen und Herren vom Bundestag, Sie und die Bundesregierung, müssen Hand in Hand auch in Zukunft alles tun, was in unserer Kraft steht, um die Rückkehr zu ermöglichen, und wir müssen den Angehörigen der Zurückgehaltenen an diesem Tage, aber auch weiter unsere herzlichste und innigste Teilnahme aussprechen und versuchen, ihnen zu helfen, wo wir helfen können. Ich glaube, meine Damen und Herren, das ganze deutsche Volk diesseits und jenseits des Eisernen Vorhanges ist sich in der Verurteilung dieser Grausamkeit einig,

(Zustimmung.)

ist sich einig darin, daß wir mit ganzer Kraft uns dafür einsetzen müssen, daß die Rückkehr bald ermöglicht wird, ist sich auch einig darin, daß die ganze zivilisierte Welt uns in diesem Bestreben unterstützen muß.

(Anhaltender lebhafter Beifall im ganzen Hause.)

Quelle. Stenogr. Berichte 1. Deutscher Bundestag. Bd. 5, S. 3495f.