11. Mai 1957: Bericht zur politischen Lage vor dem Bundesparteivorstand der CDU in Hamburg (Planten un Blomen)

Meine Damen und Herren!

Der Bericht über die politische Lage steht natürlich auch unter dem Zeichen des kommenden Wahlkampfes. Darf ich zunächst feststellen, ob wir wirklich ganz unter uns sind und keine Photographen und niemand uns hören kann; denn nur dann kann man ruhig und offen miteinander sprechen. [...]

Die politische Lage werden wir, wie ich eben sagte, unter dem Gesichtspunkt des kommenden Wahlkampfes betrachten müssen. Hier möchte ich zunächst in Stichworten sagen: Das ganze Geschehen in der letzten Zeit wie europäische Verträge, NATO-Sitzung in Godesberg, Besuch des britischen Ministerpräsidenten in Bonn, das Schreiben oder der Aufruf der achtzehn Wissenschaftler und von Albert Schweitzer sowie die gestrige Sitzung des Bundestages, alles das steht in einem engeren Zusammenhang. Von heute ab sind es nicht einmal ganz vier Monate bis zur Bundestagswahl. Wenn sich nicht etwas Unvorhergesehenes ereignet, kann man davon ausgehen, dass sich der Bundestagswahlkampf in erster Linie abspielen wird im Zeichen der Außenpolitik, und zwar im Hinblick auf die atomare Aufrüstung. Nach dem ersten Auftreten der achtzehn Wissenschaftler war nach den Berichten, die wir von der ADK gehabt haben - die wahrscheinlich Hunderte von Versammlungen abgehalten haben mit Diskussionen usw. -, eine Wirkung dieser Erklärung der Wissenschaftler nicht vorhanden.

Das Bild hat sich aber schlagartig geändert durch den Aufruf von Albert Schweitzer. Albert Schweitzer ist für die allermeisten Deutschen ein Begriff, auch für die jungen Leute, man schätzt ihn sehr hoch, mit Recht; sie kennen die vielen Bücher, die über ihn geschrieben und in sehr vielen Exemplaren verbreitet worden sind. Was Albert Schweitzer gesagt hat, ist von einem Großteil der deutschen Bevölkerung als ein Evangelium hingenommen worden. Und dann hat Herr Ollenhauer in irgendeinem Interview sofort erklärt - ich weiß nicht, ob Sie es gelesen haben -, das wird unser Wahlschlager werden.

Ich gestehe Ihnen - deswegen habe ich eben gefragt, ob man hier unbehorcht sprechen könnte -, dass ich mit einer gewissen Besorgnis erfüllt war und vielleicht auch jetzt noch bin. Nach einer Rundfrage von Allensbach, die nicht veröffentlicht worden ist, haben 67 Prozent der Befragten sich gegen uns ausgesprochen. Die Frage lautete allerdings nicht so: Welche Partei ziehst du vor?, oder: Sind Sie mit der Politik einverstanden? - sondern die Frage lautete: Sollen die atomaren Proben eingestellt werden oder nicht?

(Bundesminister Prof. Erhard: Soll die Bundeswehr damit ausgerüstet werden? - das war die Frage!)

Ja, das war die Frage. Eine ähnliche Frage wurde im März des vergangenen Jahres gestellt. Meiner Erinnerung nach haben sich damals 36 Prozent der Befragten im Sinne dieser Frage, also gegen uns, ausgesprochen. Diesmal waren es 67 Prozent.

Meine Freunde! Ich muss Ihnen sagen, das war ein Schock, weil diese Frage nicht irgendwie rational, mit irgendeiner Überlegung, sondern einfach emotional beantwortet wurde. Und gegen solche Emotionen anzugehen, das ist außerordentlich schwer.

Der gestrige Tag, um das vorwegzunehmen, war nicht für die SPD, sondern es war für die Regierungskoalition ein wirklicher Erfolg; ich glaube, nach jeder Richtung hin kann man das sagen. Man sah es auch den Gesichtern der Sozialdemokraten an. [...]

Wenn auch der gestrige Tag wirklich ein Erfolg für uns gewesen ist, so glaube ich doch, weil es sich hier nicht um rationale, sondern um emotionale Dinge handelt, dass wir noch eine große Aufklärungsarbeit vor uns haben, und zwar ist uns ganz unerwartet dieses Los auferlegt worden durch Albert Schweitzer. Hätte er nicht gesprochen, dann wäre die Sache ganz anders gekommen. Aber nun hat er es getan. Es wird zwar bestritten, dass das, was er gesagt hat, richtig und zutreffend sei, aber was er sagt, wird von den Menschen hier in Deutschland als ein Evangelium betrachtet, und das wird einfach geglaubt. Und nun werden wir, obwohl wir in den vergangenen Jahren eine sehr gute Arbeit geleistet haben, und alles das, was wir auf dem Gebiete der atomaren Aufrüstung gesagt haben und was völlig zu verantworten ist, uns mit dieser Frage in den kommenden Monaten auseinanderzusetzen haben. Nun ist das Eigenartige dabei, dass die Frage der Ausrüstung der Deutschen mit atomaren Waffen noch gar nicht irgendwie spruchreif ist.

Es ist wohl gut, wenn ich in diesem Kreise, soweit meine Kenntnisse reichen, etwas über die atomaren Waffen sage. Es gibt große, es gibt kleinere. Man hat zuerst die großen Waffen die strategischen Waffen und die kleineren die taktischen Waffen genannt. Zu den kleineren gehört jetzt schon die Hiroshima-Bombe. Aber die Strategen sagen mit Recht, man kann auch die kleineren Bomben strategisch benutzen. Deshalb sollte man nicht mehr den Unterschied zwischen „strategisch" und „taktisch" machen, sondern nur noch zwischen großen und kleineren. Gerade auf dem Gebiete der Verkleinerung der Bomben ist man erst in den Versuchen. Erst wenn die Versuche zu einem wirklichen Ergebnis geführt haben, dann steht die Frage zur Entscheidung: Soll die Bundeswehr mit diesen kleineren atomarischen Waffen ausgerüstet werden oder nicht?

Zurzeit ist man in den Vereinigten Staaten dauernd damit beschäftigt, ein Geschütz von 17,5 cm für solche atomarischen Bomben zu konstruieren. Natürlich kann man auch Geschütze von 10 und 12 cm konstruieren, aber ob man Bomben mit einem so kleinen Durchmesser herstellen kann, die dann noch eine atomarische Wirkung haben, das ist die große Frage. Diese Frage ist überhaupt noch nicht gelöst. Der erste Versuch zu einer Lösung war die 28-cm-Kanone, von denen sechs, glaube ich, in der Bundesrepublik sind. Sie haben sich bei dem NATO-Manöver als völlig unmanövrierfähig erwiesen, weil sie viel zu schwer waren und kaum ihren Platz wechseln konnten, so dass sie eigentlich völlig abgeschrieben sind. Ob man in zwei oder drei Jahren eine zu verschießende Granate konstruiert hat, die die Konstruktion von kleineren Geschützen zulässt, damit sie den Truppen gegeben werden können, kann mit Sicherheit heute überhaupt noch kein Mensch sagen.

Ich darf noch einmal, damit Sie die Entwicklungsmöglichkeiten sehen, folgendes sagen. Es hat zuerst auf die Möglichkeit einer Kettenreaktion nuklearer Spaltungen Einstein aufmerksam gemacht, und zwar in einem Brief an Roosevelt; er hat aufgefordert, eine solche Bombe herzustellen im Kriege gegen Deutschland. Dann haben sich die Amerikaner daran begeben. Das Ergebnis dieses Briefes von Einstein war die Hiroshima-Bombe. Aber Einstein - und deswegen sage ich das - hat in demselben Brief, der abgedruckt ist und den jeder lesen kann, erklärt, diese Bombe würde so schwer und so groß sein, dass sie nicht einmal mit einem Flugzeug transportiert werden könnte, sondern nur mit einem Schiff. Wenn allerdings ein Schiff mit einer solchen Bombe in einen feindlichen Hafen gelange und die Bombe zur Explosion käme, würden der Hafen und alle Schiffe erledigt sein.

Man dachte also zu Anfang, man könne diese Kettenreaktion von nuklearen Spaltungen nur in einer Bombe erzeugen von einem Umfang, die nur durch ein Schiff transportiert werden könnte. Das hat sich im Laufe der Jahre geändert. Man transportiert sie heute mit Flugzeugen. Man kommt jetzt zu den Wasserstoffbomben, die auf einem ganz anderen physikalischen Prozess beruhen. Ich will es nicht auseinandersetzen, damit Sie nicht meinen, ich wollte mich mit fremden Federn schmücken, die mir nicht zustehen. Es genügt, wenn ich sage: auf einem ganz anderen Prozess. Soviel ich unterrichtet bin, sind auf dem Gebiete der Erzeugung atomarer Kraft, ganz allgemein ausgedrückt, noch große Überraschungen zu erwarten, so dass Atomphysiker schon jetzt das Uran als erledigt betrachten. Deswegen ist der Preis dafür außerordentlich stark gesunken. Wohin die Entwicklung gehen wird, kann kein Mensch sagen. Das ist auch gut so; denn wenn man das den Leuten sagt, verstärkt man noch die Furcht vor der ganzen Lage.

Das deutsche Volk ist eben nicht so wie die Engländer, denen ihre Regierung sagen konnte: Wir werden eine Wasserstoffbombe erzeugen, wir werden unsere ganze Rüstung darauf abstellen, ihr müsst euch sichern, so gut ihr könnt. Wir werden wohl dafür einiges tun, aber wir werden nur die Abschussstellen wirklich schützen. - Das hat das englische Volk ruhig hingenommen.

Ich komme nun zu einer weiteren Phase der Entwicklung; das ist die Entwicklung der Rakete. Die Rakete ist früher als Geschütz in großem Umfang verwendet worden. Sie ist erst ausgeschieden, als wir die gezogenen Kanonenrohre hatten. Noch im vorigen Jahrhundert haben die Inder bei einem Aufstand gegen die Engländer die Engländer mit Raketenwaffen geschlagen. Jetzt ist man zu den Raketen zurückgekehrt. Man will jetzt Raketen konstruieren, die eine Reichweite und eine Treffweite von etwa 6.000 km haben. Das ist ungefähr die Entfernung von Moskau nach Washington.

Ob man dazu kommt, kann kein Mensch sagen. Wie weit man auf diesem Gebiete ist, wissen wir nicht. Wir vermuten aber - die Amerikaner vermuten das auch -, dass die Russen auf dem Gebiete der Raketenkonstruktion weiter sind als die Amerikaner, weil sich damals die Russen die Deutschen geschnappt haben, die mit der Konstruktion von solchen Waffen beschäftigt waren. Diese Rakete ist zunächst nichts anderes als ein Abschussgerät; aber wenn es gelingt, Raketen mit atomaren Sprengköpfen zu konstruieren, die tatsächlich auf eine Entfernung von 6.000 km mit ziemlicher Sicherheit treffen, dann ist - wir müssen den Dingen ins Auge sehen - die Situation auch für die Vereinigten Staaten eine ganz andere, als sie jetzt ist. Die Vereinigten Staaten brauchen jetzt Europa zum Schutz der Vereinigten Staaten, darüber müssen wir uns völlig klar sein, und zwar insofern: Wenn das Kriegspotential der europäischen Länder und insbesondere der Bundesrepublik in die russische Hand kommt, dann werden sie mit den heutigen Waffen den Amerikanern gleichwertig sein. Wenn einmal die Konstruktion dieser Waffen so weit geht, dass sie von einem U-Boot oder von Russland aus Amerika direkt angreifen und treffen können, dann ist natürlich die Situation für die Vereinigten Staaten eine völlig andere, als sie jetzt ist.

Ich halte mich verpflichtet, Ihnen das so ausführlich zu sagen, damit Sie den ganzen Ernst der Situation erkennen und damit wir auch gemeinsam beraten, wie wir uns in dieser Situation verhalten sollen. Obwohl erst in zwei oder drei Jahren die Frage akut werden wird, ob unsere Truppen kleinere Raketen oder kleinere Geschütze für atomare Waffen bekommen, ist diese Frage in aller Mund. Sie wird bei der Bundestagswahl eine entscheidende Rolle spielen. Es hilft nichts, dass wir die Augen davor verschließen. Man muss den Teufel mit Beelzebub austreiben. Wir können aber heute noch nicht - und im Parteiausschuss überhaupt nicht - in diesem Kreise definitiv dazu Stellung nehmen; wir müssen das alles nur einmal überlegen. Wir müssen unseren Leuten sagen: Ob nun die Bundeswehr einmal atomar aufgerüstet wird oder nicht, das ändert an unserem Schicksal gar nichts, im Gegenteil, wenn sie nicht atomarisch aufgerüstet wird, dann ist damit die NATO erledigt. - Das habe ich auch den fünf Vertretern der achtzehn Atomphysiker, die ich eingeladen hatte zu einem Vortrag der Generale Heusinger und Speidel, klargemacht, dass innerhalb der NATO, wenn ein Teil von ihr - das würden die Deutschen sein - minderwertiger ausgerüstet ist, eine einheitliche Lenkung und Leitung überhaupt nicht mehr möglich ist, und dass selbstverständlich auch diese minderwertig ausgerüsteten Truppen, also die deutschen Soldaten, einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber den anderen bekämen.

In den anderen europäischen Ländern sind die Menschen ganz anders. Auch der französische Verteidigungsminister hat gestern erklärt: Die französische Armee muss diese Waffen haben. Der Niederländer, der Schwede, der Däne, der Norweger, alle haben es erklärt, und die Bevölkerung steht hinter ihnen. Bei uns ist es anders. Und das ist eben eine wirklich große Schuld der SPD; denn die Hoffnung für die Menschheit besteht doch lediglich in der kontrollierten allgemeinen Abrüstung. Wenn sie nicht kommt, dann wird die Menschheit einer sehr, sehr ernsten Zukunft entgegensehen. Wenn man nun in diesem Augenblick, wie das die Sozialdemokraten versuchen, Erklärungen im Bundestag abgeben lässt, dass die zwölf deutschen Divisionen nicht die vollwertigen modernsten Waffen bekommen sollen, dann zerstört man die NATO. Und das ist das Entscheidende. Das ist auch gestern den Sozialdemokraten sehr deutlich gesagt worden. Man mindert dadurch die Erkenntnis der Russen, dass es auch für sie notwendig ist, abzurüsten. Also die Aussichten einer Abrüstung werden durch diese Agitation der Sozialdemokratie schlechter, nicht besser. Sie sagen, einer muss anfangen. Das haben auch diese Atomwissenschaftler gesagt. Nun gut, die Atomwissenschaftler in allen Ehren, aber wer einigermaßen die Geschichte der russischen Expansionen studiert hat und die Tendenzen, die aus dem Ganzen sprechen, der wird mir darin Recht geben, dass man die Tendenz der Russen, abzurüsten, nicht dadurch stärkt, dass man Westeuropa einfach von Kampfmitteln entblößt.

Ich möchte Sie bitten, sich die Frage einmal durch den Kopf gehen zu lassen, welche Propaganda wir treiben müssen. Ich nehme an, auch an Sie wird diese ganze Situation, wie ich sie zu kennzeichnen versucht habe, etwas überraschend herantreten. Man muss darüber nachdenken. Wir werden nach meiner Meinung bei den Entschließungen des Parteitages nicht vorbeigehen können an den Beschlüssen, die gestern auf Verlangen der Koalition im Bundestag gefasst worden sind. Es wird also schon auf diesem Parteitag eine kleine Diskussion notwendig sein, wie sie gestaltet werden sollen. Es müsste auch überlegt werden, wer darüber reden soll. [...]

Ich kann nur immer wieder betonen, ich halte diese Situation, wie sie plötzlich gekommen ist, für sehr ernst. Wir werden uns alle Mühe geben müssen, um dagegen anzugehen. Wenn auch im Laufe der nächsten Monate manches von dem, was jetzt gesagt wird, wieder dem Gedächtnis entschwindet, glauben Sie mir, die Angst vor der Atombombe ist etwas Emotionales, und dieses Emotionalen Herr zu werden, nachdem das deutsche Volk diesen letzten Krieg hat über sich ergehen lassen müssen, wird sehr schwer sein. Das kann nicht dadurch erreicht werden, dass man sagt: Es geht uns gut, wir sorgen für Sicherheit, wir haben eine blühende Wirtschaft, wir helfen der Landwirtschaft usw. - Dadurch bekommen wir das nicht aus der Welt. Es gibt Leute, die auf dem Standpunkt stehen: Lieber rot als tot. - Das sprechen Leute aus - ich nenne absichtlich keine Namen -, von denen man das niemals für möglich gehalten hätte; denen sitzt augenblicklich die Furcht im Nacken. Sie sagen, wir wollen lieber Jahre der Unfreiheit über uns ergehen lassen, als dass wir und unsere Kinder und Kindeskinder ausgerottet werden. Das Unsinnige dabei ist, dass durch eine freiwillige Unterwerfung des deutschen Volkes, durch eine Preisgabe Europas, die Auseinandersetzung zwischen den Vereinigten Staaten und Sowjetrussland gar nicht aus der Welt geschafft wird. Der Spannungsherd zwischen den Vereinigten Staaten und Sowjetrussland kann nur dadurch aus der Welt geschafft werden, dass die Russen durch ihre innere Entwicklung zu der Überzeugung kommen: Wir können die Sache nicht durchhalten - nach meiner Überzeugung können sie sie auch nicht durchhalten -, oder aber wir müssen eine Verständigung zwischen den Vereinigten Staaten und uns suchen.

Nun gibt es bei führenden Leuten in europäischen Ländern Tendenzen, die dahin gehen, dass sie sagen: Wir vertrauen zwar dem jetzigen amerikanischen Präsidenten und der jetzigen amerikanischen Regierung, wer aber wird nach drei Jahren Präsident sein, was für eine Regierung wird dann sein, und es ist unmöglich, dass wir das Wohl und Wehe unseres ganzen Volkes davon abhängig machen, was in Amerika geschieht oder geschehen wird. Das war einer der Hauptgesichtspunkte bei den Engländern, als sie sich entschlossen, die Wasserstoffbombe weiter zu betreiben und diese Versuche auf den Weihnachtsinseln durchzuführen. In Großbritannien ist dieser Zug, selbständig zu werden, also unabhängig in der Richtung von Amerika zu sein, sehr gefördert worden durch die Erfahrungen, die Großbritannien nach seiner Meinung mit der amerikanischen Politik im Nahen Osten gemacht hat. Diese Politik hat in England verheerend gewirkt und hat das Vertrauen der Briten zu den Amerikanern, das bis dahin außerordentlich groß war, stark erschüttert. Ob es sich wiederherstellen lässt, steht heute dahin. Sie werden gelesen haben, dass Macmillan eine sehr schwere Situation wegen der ägyptischen Vorgänge im Parlament haben wird. Das ist ein Moment, das auch von uns erwogen werden muss, wenn wir politische Entschlüsse fassen.

Ich bitte Sie, meine Damen und Herren, aus meinem absichtlich kurz gehaltenen Vortrag zu ersehen, dass die außenpolitische Situation in der Welt sehr gefährlich ist, dass sie allen innenpolitischen Problemen dabei voransteht, insbesondere was ihre Wirkung auf das Denken und Fühlen breiter Volksmassen angeht. Was die Sozialdemokraten in der Agitation tun werden, liegt klar zutage; sie werden sagen: Das ist sehr billig. Die Situation ist zwar schlecht, aber einer muss anfangen und ein Beispiel geben, und das muss die Bundesrepublik sein. Deswegen muss sie beschließen: Keine atomarischen Waffen für die Bundeswehr. - Ob dabei die NATO in die Binsen geht - sie waren von Anfang an gegen die NATO -, ist ihnen ganz gleichgültig. Das ist kein Argument, wenn sie sagen, einer muss anfangen. Die achtzehn Atomwissenschaftler haben dasselbe gesagt: Deutschland soll anfangen. - Das ist das Lächerlichste vom Lächerlichen - sagen Sie das den Atomwissenschaftlern nicht wörtlich wieder; durch die Blume habe ich es ihnen selbst gesagt -, weil es nämlich an der ganzen Situation überhaupt nichts ändert. Aber das wird die Taktik der Sozialdemokraten sein, auf die wir uns nun einstellen müssen. Im Übrigen können wir alle mit unserer Arbeit sehr zufrieden sein. Wir haben wirklich etwas geschaffen, seitdem wir vor vier Jahren in Hamburg waren. Wir haben etwas geleistet; wir haben einen großen Aufschwung genommen an politischem Ansehen und an politischem Einfluss, an wirtschaftlichem Ansehen und an wirtschaftlichem Einfluss. Auch auf dem Gebiete des Wohnungsbaues haben wir Kolossales geleistet, so dass wir in der Lage sind, einen großartigen Propagandakampf zu führen. Nun ist diese leidige Geschichte dazwischen gekommen, von der ich eben sprach.

Was nun die Aussichten der Londoner Konferenz angeht, so werden diese verschieden beurteilt. Sie wissen, dass ich in der vergangenen Woche einige Tage mit Macmillan und dem britischen Außenminister zusammen war. Die Engländer beurteilen die Aussichten sehr pessimistisch; die Amerikaner beurteilen sie optimistisch. Es spielt eine gewisse Rolle dabei, dass Eisenhower - Sie wissen, dass er nicht wiedergewählt werden kann - eingehen möchte in die amerikanische Geschichte als der Präsident, der in dieser entscheidenden Sache der allgemeinen Abrüstung wenigstens einen Anfangserfolg davongetragen hat. Auf der anderen Seite sind die Briten kolossal verstimmt. Ich habe es eben ausgeführt. Wir wissen nicht, was dabei herauskommen wird. Wir können nach meiner Meinung nur hoffen - das habe ich Dulles und Macmillan gesagt -, dass die Abrüstungskonferenz über unsere Wahlen hinaus andauert und dass sie nicht kurz vorher zu Bruch geht. Das wäre natürlich eine sehr unangenehme Sache. Wenn ich in zehn Tagen nach Amerika reise, werde ich das Dulles und Eisenhower sagen. Noch ein Wort zu Macmillan. Unser Verhältnis zu England ist durch den Aufenthalt Macmillans ganz ausgezeichnet geworden. Vielleicht ist es zu erreichen, dass die Londoner Konferenz mit gewissen Pausen hinausgezogen wird über den 15. September. Also, da werde ich alles tun, was ich kann, um das zu erreichen. Das wird vielleicht auch den Atomschreck bei unseren Leuten im Lande wenigstens etwas mildern; es wird ihn nicht beseitigen. Darüber müssen wir uns klar sein. Ich fürchte, dass dieser Atomschreck etwas auf die Frauen wirkt. Der Hauptteil unserer Wähler besteht aus Frauen, so dass eine solche Sache uns besonders schlimm treffen kann.

Es tut mir sehr leid, meine Damen und Herren, dass ich nicht mit freundlicheren Gesprächen hier beginnen kann, aber man muss die Dinge sehen, wie sie sind; denn sonst kommt man nicht zu vernünftigen Überlegungen darüber, was man nun machen soll. Seitdem die achtzehn deutschen Atomphysiker ihren Aufruf an die Öffentlichkeit gerichtet haben, haben die deutschen Zeitungen behauptet, ich hätte diese Herren Gott weiß wie behandelt. Ich habe gestern eine Erklärung abgegeben - und da konnte von den Sozialdemokraten keiner mehr etwas sagen. Ich habe die Herren von vornherein, auch schon in Eichholz, sehr vorsichtig behandelt. Einer von ihnen hat mir nachher gesagt: Hätten wir doch früher mit Ihnen über die Sache gesprochen. - Sie waren aufgefordert, zu mir zu kommen, aber das haben sie nicht getan, damit die Sache nicht politisch aussehe. Ich habe zur Vorbereitung dieses Gespräches und zur Vorbereitung für die Verhandlung versucht, mir Material zu verschaffen über die Auswirkung der Versuchsbomben und der großen Bomben. Aber ein solch heilloses Durcheinander, wie ich es da angetroffen habe, hätte ich wirklich nicht für möglich gehalten; von den Herren hatte jeder seine eigene Meinung.

Deswegen begrüße ich es sehr, dass wir einen Ausschuss eingesetzt haben, der wenigstens versucht, das Material zu sammeln. Ich habe weiter eingeleitet, dass ich in Amerika mit dem besten Kenner dieser Frage der Abwehr ein längeres Gespräch haben werde, damit ich von diesem Mann etwas höre. Es gibt Amerikaner, die sagen, es ist alles Quatsch und dummes Zeug, was geschrieben wird. Andere sagen wieder, wenn man hundert Meter hochsteige, werde man kosmischen Strahlen ausgesetzt, die im Grunde genommen viel gefährlicher seien als die Strahlen, die von einer Atombombenexplosion kommen, wenn man nicht unmittelbar mit der Nase an der Bombe ist. Wieder andere sagen, es ist unberechenbar, man weiß es nicht genau usw. usw. Jedenfalls werden wir versuchen müssen, da Aufklärung hineinzubringen. Es scheint so, als ob maßlos übertrieben werde. Ich kann nur sagen, es scheint so. Aber wir müssen versuchen, unsere Bevölkerung darüber aufzuklären. Das werden wir von Amts wegen tun müssen. Ich sehe Herrn Kollegen Schröder dabei an, weil wir die Schutzmaßnahmen versprochen haben. Um Schutzmaßnahmen vorzubereiten, muss man wissen, welche Gefahren drohen. Ich gestehe Ihnen offen, das Bisherige genügt nicht. Wir müssen mehr aufklären. Man muss dankbar sein für jeden Rat, der einem hier gegeben wird.

Quelle: Sitzung des Bundesparteivorstands der CDU am 11.5.1957. Maschinenschriftliches Wortprotokoll (Durchdruck).