29. Oktober 1957: Regierungserklärung des Bundeskanzlers in der 3. Sitzung des Deutschen Bundestages

Das deutsche Volk hat in der Bundestagswahl am 15. September dieses Jahres die Grundsätze, nach denen die damalige Mehrheit des Bundestages und die vom Vertrauen dieser Mehrheit getragene Bundesregierung die Politik geführt hat, mit klarer Mehrheit gebilligt. Den uns dadurch erteilten Auftrag werden wir durchführen, die Koalition im Bundestag und die neue Bundesregierung, die soeben den Eid auf das Grundgesetz abgelegt hat. Ich hoffe, daß in entscheidenden Fragen, die das Wohl und Wehe des gesamten Volkes berühren, namentlich auch in Fragen der Außenpolitik, eine gemeinsame Arbeit mit den in der Opposition stehenden Fraktionen sich ermöglichen läßt, weil doch wohl nach unserer aller Überzeugung das Wohl des gesamten Volkes über dem Nutzen einer Partei steht.

Vor schwierigen Situationen - Der Wille der Wähler

Die kommenden vier Jahre werden voraussichtlich auf politischem, insbesondere außenpolitischem, wie auf wirtschaftlichem Gebiete schwierige Situationen bringen. Ich will nicht in Schwarz malen und insbesondere ausdrücklich betonen, daß ich an die Erhaltung des Friedens glaube. Aber es wird Störungen geben, größeren oder geringeren Ausmaßes, und es wird der ganzen Einigkeit, Geschlossenheit und Stärke des Westens bedürfen, um diese Störungen sich nicht zu gefährlichen Differenzen auswachsen zu lassen.

Ein wohl für jeden erkennbares Symptom der Lage ist das Raketenwettrennen zwischen Sowjetrußland und den Vereinigten Staaten - auch bei dem Entsenden des Erdsatelliten durch Sowjetrußland ist zunächst das Funktionieren der Rakete, die ihn in seine Höhe getragen hat, das Wichtige. Ich hoffe, daß bei dieser Entwicklung, bei diesen Vorgängen, die Verpönung des Wortes von der Stärke des Westens, zu der wir auch beitragen müssen, endlich verstummt.

Die klare Mehrheit der Wähler, die sich bei der Bundestagswahl am 15. September, die, wie ich nochmals betonen möchte, sich durch alle Schichten und Berufe, durch alle Lebensalter hindurchzog, hat bewiesen, daß die Wähler, auch wenn sie nicht alle sogenannten Feinheiten der Politik beherrschen, doch eine klare Erkenntnis des Wesentlichen haben. Sie haben sich gegen die Allmacht des Staates, gegen Kollektivismus ausgesprochen, sie haben sich ausgesprochen für das gesunde Prinzip, daß ein Volk, solange eine unmittelbare Bedrohung seiner Freiheit besteht, alle Vorkehrungen treffen muß, damit es seine Freiheit und Unabhängigkeit behält.

Die Mehrheit des 15. September wollte auch eine Politik des Maßhaltens in der Wirtschaftspolitik. Niemand in der Welt kann behaupten, daß es dem deutschen Arbeiter schlecht gehe. Im Gegenteil! In meiner Gegenwart hat ein Arbeitnehmer in Recklinghausen, der dort eine Versammlung leitete, unter großem Beifall der hauptsächlich aus Arbeitnehmern bestehenden Versammlung in seiner Ansprache erklärt, es sei dem deutschen Arbeiter noch niemals so gut gegangen wie jetzt, sie wollten keine Störungen der wirtschaftlichen Lage.

Ich hoffe, daß die gröbste, aber notwendige Arbeit nun hinter uns liegt, daß wir in den kommenden vier Jahren in einem vernünftigen Tempo arbeiten können, daß wir den Perfektionismus aus unseren Stuben und Sälen verbannen. Ich hoffe auch, daß der Andrang der Interessenten und mancher Interessentenverbände auf Sie, meine Damen und Herren, und auf uns nachläßt. Es wird das nur dem allgemeinen Besten dienen, es wird allen, auch den Interessenten selbst, zugute kommen.

Die neue Bundesregierung wird - wie die vorangegangene - getragen sein von der Koalition der CDU/CSU und der DP. Die CDU/CSU hat eindrucksvoller noch als im vergangenen Bundestag wieder die absolute Mehrheit erhalten. Wir freuen uns aber, daß unsere Freunde und Partner aus der DP, mit denen wir schon acht Jahre zusammengearbeitet und mit denen wir uns über das Regierungsprogramm der kommenden vier Jahre voll verständigt haben, mit uns die Verantwortung teilen. Die Bundesregierung weiß, daß ihr mit dem Vertrauensbeweis, den ihr die Mehrheit des deutschen Volkes auf Grund der bisherigen Politik gegeben hat, eine schwere Verantwortung auferlegt worden ist. Es ist daher notwendig, daß wir uns, soweit das möglich ist, zu Beginn unserer neuen Arbeit Rechenschaft darüber ablegen, wo die Schwerpunkte unserer künftigen Arbeit liegen müssen.

Die Änderungen in der Organisation der Regierung

Ich möchte aber zuvor einige Ausführungen über Änderungen in der Organisation der Bundesregierung machen. Die Notwendigkeit der organisatorischen Änderungen ergab sich zwangsläufig aus Änderungen des Arbeitsstoffes, sie ergab sich ferner aus den Erfahrungen, die wir in den vergangenen acht Jahren überhaupt gemacht hatten.

Meines Erachtens muß ein Bundesministerium für den Bundesminister nicht nur klar überschaubar sein, er muß auch das Ministerium mit seiner Auffassung erfüllen; er trägt gegenüber dem Bundeskanzler die Verantwortung. Er muß ferner die Zeit haben, seine Auffassungen nicht nur vor dem Kabinett, dem Parlament und dessen Ausschüssen, auch vor der Öffentlichkeit zu vertreten. Es gehört nicht zu seinen Obliegenheiten, die Bundesregierung auf jeder Tagung von Verbänden, oft nur rein repräsentativ, zu vertreten. Hinzu kommt, daß er wegen der immer engeren Beziehungen der europäischen und der nichteuropäischen Staaten untereinander häufiger als früher Auslandsreisen machen muß. Ich halte aber auch die nahezu regelmäßige Anwesenheit der Bundesminister in den Kabinettssitzungen für notwendig. Die Kabinettssitzungen müssen die zentrale Stätte für die nichtpolitische und für die politische Tätigkeit der Bundesregierung bleiben.

Wenn Sie, meine Damen und Herren, mir in dieser Auffassung von der Stellung und den Pflichten eines Bundesministers folgen, so werden Sie mir darin beipflichten, daß die Bundesministerien einen bestimmten Umfang nicht überschreiten dürfen.

Ein weiteres Moment gehört in diese Ausführungen über die Organisation hinein. Die Zuständigkeiten eines Ministeriums berühren vielfach die Zuständigkeiten eines anderen. Das läßt sich nicht vermeiden, denn die zu ordnenden Tatbestände fragen nun einmal nicht nach der Zuständigkeit eines Ministeriums; aber Überschneidungen der Zuständigkeiten, die Doppelarbeit und Reibungen verursachen, sollten bei der Organisation der Bundesregierung auf Grund der bisher gemachten Erfahrungen vermieden werden.

Erlauben Sie mir hier eine vielleicht etwas freimütige Kritik, ich will aber nur eine allgemeine Bemerkung machen. Zu meinem Erstaunen habe ich noch nie einen Minister gefunden, der gern und freudig aus seinem Geschäftsbereich an einen anderen Minister etwas abgibt. Ich gebe wirklich gern Arbeit ab, wenn ich annehmen kann, daß ein anderer sie verständig, wenn auch in anderer Weise wie ich, macht. Aber ein Ministerium ist wie ein Tintenfisch, das sicher oft gegen die Absichten seines Ministers seine Polypenarme ausstreckt, um immer mehr zu bekommen. Ich habe mir erlaubt, diese langen Ausführungen zu machen, weil eine gute Grundorganisation notwendig für eine gute, reibungslose und sparsame Arbeit ist. Ich habe nicht die Überzeugung, daß ich jetzt schon überall das Richtige getroffen habe, und ich muß mir vorbehalten, notfalls weitere organisatorische Änderungen vorzunehmen.

Änderungen im einzelnen

Einige der vorgenommenen organisatorischen Änderungen möchte ich Ihnen darlegen. Zweifellos sind die überlastetsten Ministerien das Außenministerium, das Innenministerium, das Finanzministerium und das Wirtschaftsministerium. Es besteht auch nicht viel Aussicht, daß in den kommenden Jahren ihre Arbeit geringer wird.

Beim Außenministerium kann man nur helfen durch eine Vermehrung der leitenden Stellen im Amte selbst. Man kann es ferner dadurch, daß man den an sich verständlichen Grundsatz, der insbesondere von der Bürokratie des Auswärtigen Amtes vertreten wird - alle Verhandlungen mit ausländischen Stellen müssen durch oder über das Auswärtige Amt gehen -, nicht zu dogmatisch auffaßt.

Die Arbeitslast des Innenministeriums macht mir ernstlich Sorge. Obwohl es einen guten Minister und zwei gute Staatssekretäre hat, wird es in den kommenden vier Jahren eine so große Aufgabe zu bewältigen haben, daß es schwer sein wird, sie zu bewältigen. Eine kleine Entlastung wird es dadurch erfahren, daß die Sorge für die Jugend von ihm auf das Familienministerium übertragen wird. Dieses Arbeitsgebiet gehört auch organisch zu diesem Ministerium.

Außerordentlich stark belastet sind das Finanzministerium und das Wirtschaftsministerium. Zu den großen Arbeiten des Finanzministeriums tritt diesmal noch hinzu eine echte Steuer- und Finanzreform. Unter einer echten Reform verstehe ich nicht das Einschieben des einen oder anderen Paragraphen litera X, Y in ein vorhandenes Gesetz. Meines Erachtens muß auf Grund der Entwicklung seit 1949, auf Grund der gemachten Erfahrungen, auch auf Grund der Erfahrungen, die wir mit unseren Steuergesetzen auf wirtschaftlichem und soziologischem Gebiet gemacht haben, eine sehr gründliche und in die Tiefe gehende Nachprüfung stattfinden, durch die der Finanzminister und sein Ministerium stark in Anspruch genommen werden.

Auch das Wirtschaftsministerium wird in einzelnen Teilen stark überlastet sein. Die Aufrechterhaltung der Höhe der Zahl der Beschäftigten, die durch unüberlegte Lohnforderungen auf das schwerste beeinträchtigt werden kann, erfordert viel Kraft. Das gleiche gilt von dem Kampf um den Angriff auf das Preisniveau, dessen Erhöhung für alle Beteiligten schwere Nachteile bringen kann.

Hinzu kommt eine neue Aufgabe, die für die Zukunft unseres Volkes entscheidend ist, ich meine das Überführen und Hineinführen der deutschen Wirtschaft in die europäische Wirtschaft, entsprechend den römischen Verträgen, und die Schaffung einer Freihandelszone. Ich brauche Ihnen gegenüber wohl kein Wort darüber zu verlieren, wie schwer und wie verantwortungsvoll gerade diese Aufgabe ist. Man hat mir nahegelegt, für diese Aufgabe einen besonderen Europaminister zu bestellen. Der zuerst bestechende Gedanke ist nicht gut. Die deutsche Wirtschaft muß in die europäische hineingeführt werden, das kann nur der für das Geschick der deutschen Wirtschaft in erster Linie verantwortliche Mann, der Wirtschaftsminister. Es handelt sich dabei gleichzeitig um eine Aufgabe der Europa-Politik.

Wie sollten wir Luft schaffen für ein gutes Funktionieren des Finanzministeriums und des Wirtschaftsministeriums? Ich habe zuerst die Verwaltung des wirtschaftlichen Besitzes des Bundes, die zum Teil beim Finanzministerium, zum Teil beim Wirtschaftsministerium war, von diesen abgetrennt und dem zu einem Ministerium für den wirtschaftlichen Besitz des Bundes erweiterten ERP-Ministerium übertragen. Diese Übertragung erschien mir auch wegen der finanziellen und wirtschaftlichen Bedeutung des Bundesbesitzes notwendig. Das Finanzministerium wird ferner eine erhebliche Vereinfachung seiner Arbeit vorzunehmen haben. Sie wird das Verantwortungsgefühl den Ressortministern auch auf finanziellem Gebiete stärker zum Bewußtsein bringen und zu einer reibungsloseren Abwicklung der Regierungsgeschäfte beitragen. Auch die Bauabteilung wird vom Finanzministerium auf dieses Ministerium übergehen.

Im Wirtschaftsministerium ist eine erhebliche Änderung der Organisation geplant, insbesondere damit es seiner europäischen Aufgabe gerecht werden kann.

Auf organisatorischem Gebiete möchte ich noch besonders darauf hinweisen, daß das Arbeitsministerium einen anderen Namen: "Ministerium für Arbeit und Sozialordnung" und damit eine erhebliche Erweiterung seines Aufgabenbereichs erhalten hat. Die soziologische Struktur hat sich infolge des Verlustes zweier Kriege und der neueren Wirtschaftsmethoden und technischen Fortschritte stark geändert. Weite Schichten der Bevölkerung, die der Mittelklasse angehören, bedürfen der Sorge des Staates, sie sind hinter anderen Schichten zurückgeblieben. Wir brauchen aus staatspolitischen und aus kulturpolitischen Gründen unbedingt eine gesündere mittlere Schicht. Wir wollen nicht, daß schließlich bei immer größerer Konzentration der Wirtschaft zu Großbetrieben das Volk aus einer kleinen Schicht von Herrschern über die Wirtschaft und einer großen Masse von Abhängigen besteht. Wir brauchen unabhängige mittlere und kleine Existenzen in Handwerk, Handel und Gewerbe - dafür soll das Wirtschaftsministerium sorgen; wir brauchen das gleiche in der Landwirtschaft - für sie soll der Landwirtschaftsminister sorgen. Wir brauchen die anderen freien Berufe, wir brauchen die Anerkennung und den Aufstieg von Angestellten in den Großbetrieben. Die Wahrung ihrer Interessen und die Sorge für sie fällt in den Bereich dieses erweiterten Ministeriums.

Die vor uns liegende Arbeit ist sehr groß. Aus den einzelnen Ministerien, von Verbänden, von Einzelpersonen sind mir sehr zahlreiche Hinweise auf die Bedeutung der Lösung dieses oder jenes Problems zugegangen. Ich danke für das dadurch bekundete Interesse, aber es ist mir unmöglich, auch nur annähernd alle uns drückenden Fragen und Probleme zu erwähnen; ich muß mich vielmehr darauf beschränken, auf Schwerpunkte unserer kommenden Tätigkeit hinzuweisen.

Schaffung von Kapital - Streuung des Besitzes

Mit an erster Stelle nenne ich die Schaffung von Kapital und die Streuung des Besitzes. Schaffung von Kapital ist notwendig, um die Produktivität unserer Wirtschaft zu steigern und sie krisenfest zu machen. Streuung von Besitz in weitem Umfang ist nötig, um einer möglichst großen Zahl von Staatsbürgern Selbstgefühl, das Gefühl der Zugehörigkeit zum Volksganzen zu geben.

Ohne größere Spartätigkeit sind beide Ziele nicht zu erreichen; nur Arbeit und Sparen schafft Kapital und begründet und vermehrt den Besitz. Sparen ist in gleicher Weise wirtschaftlich und ethisch notwendig. Wir wollen aber nicht nur zu einem Feldzug für das Sparen aufrufen, wir wollen das Sparen durch gesetzgeberische Maßnahmen auch lohnend machen. Die Durchführung des Familienheimgesetzes und die Einführung der Volksaktie, die sich nicht etwa nur auf Betriebe, die dem Bund gehören, erstrecken soll, sind einige der geeigneten Mittel, um die Spartätigkeit anzuregen.

Preise und Währung - Gesamtwohl oberstes Gebot

Die Bundesregierung erwartet von der Wirtschaft, daß sie den Wettbewerb bejaht und mit ihr gemeinsam bemüht ist, das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen zu einer wirksamen Hilfe für den Verbraucher werden zu lassen. Wettbewerb und freie Preisbildung haben sich bisher stets als bester Schutz für den Verbraucher erwiesen. Für die Interessen der Verbraucher zu kämpfen ist die Bundesregierung fest entschlossen. Sie schenkt deshalb der Entwicklung der Preise die allergrößte Aufmerksamkeit. Das Preisniveau ist für die Stabilität unserer Währung, für unsere Möglichkeiten zum Export und damit nicht zuletzt für die Aufrechterhaltung unseres hohen Beschäftigungsstandes von entscheidender Bedeutung. Übersehen wir nicht die Warnzeichen, die sich in unserer Wirtschaft hier und da zeigen. Sie steht auf einer viel zu schwachen Kapitalgrundlage, um einem Sturm gewachsen zu sein. Kommt es einmal zu Zusammenbrüchen, dann werden beide Teile, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, darunter leiden.

Die Freiheit der Sozialpartner bei der Gestaltung der Lohn- und Arbeitszeitfragen hat ihre Grenze in dem für das Allgemeinwohl wirtschaftlich Tragbaren. Weder dürfen sich die Sozialpartner bedenkenlos auf Kosten der Konsumenten verständigen, noch dürfen sie in einem gut gehenden Wirtschaftszweig Vereinbarungen treffen, die schwächere Bereiche der Wirtschaft in ernste Schwierigkeiten oder gar zum Erliegen bringen. Das Gesamtwohl des deutschen Volkes muß immer oberstes Gebot auch für Unternehmer und Arbeitnehmer sein. Lohnerhöhungen, Arbeitszeitverkürzungen und Erhöhung des Sozialproduktes müssen miteinander verbunden bleiben, wenn nicht alle, auch Unternehmer und Arbeitnehmer, Schaden leiden sollen.

Auf diese Zusammenhänge hinzuweisen, auf ihre Beachtung hinzuwirken, ist eine ernste Aufgabe der Bundesregierung. Arbeitszeitverkürzung und gleichzeitige Lohnerhöhung können eine untragbare Verminderung des Sozialproduktes bedeuten.

Sonntag, Tag der Besinnung - Fortführung der Sozialreform

Es liegt mir besonders am Herzen, noch auf folgendes hinzuweisen: Der Sinn und die Erfüllung des Lebens liegen nicht im übersteigerten Lebensstandard und übertriebenen Luxus, nicht in Hast und Jagd nach dem Geld und materiellem Genuß. Der Mensch, seine seelischen Werte, seine Gesundheit und seine Familie müssen in den Mittelpunkt der Betrachtungsweise gestellt werden. Es ist daher erforderlich, daß der Sonntag wieder ein Tag der Besinnung wird, ein Tag, an dem die geistigen und körperlichen Kräfte wieder erneuert werden, ein Tag auch, an dem die Familie zusammenfindet. So verstanden, wird die Bundesregierung Maßnahmen treffen, um jeder nicht zwingend notwendigen Sonntagsarbeit entgegenzuwirken.

Die Sozialreform wird fortgeführt werden. In erster Linie wird neben der Korrektur etwa zutage tretender Mängel in der bisherigen Gesetzgebung eine Neuordnung der Krankenversicherung und der Unfallversicherung in Frage kommen. Die Sozialreform wird sich jedoch nicht in einer Neuordnung der Rentenversicherung und dem Ausbau solidarischer Sicherungseinrichtungen erschöpfen können. Es ist an der Zeit, Folgerungen aus der veränderten gesellschaftlichen Struktur unseres Volkes zu ziehen. Wir können zu unserer Freude feststellen, daß weite Teile der Bevölkerung, die bisher kaum das Existenzminimum erreichten, in höhere Einkommensschichten aufgestiegen sind und damit weitgehend für sich selbst sorgen können. Die Bundesregierung ist entschlossen, den Gedanken der Selbsthilfe und privaten Initiative in jeder Weise zu fördern und das Abgleiten in einen totalen Versorgungsstaat, der früher oder später den Wohlstand vernichten würde, zu verhindern.

Die Bundesregierung wird mithelfen bei einer sinnvollen Gestaltung der Freizeit. Es wird dabei auch daran zu denken sein, daß eine Ausdehnung der Freizeit den Begabten zu einer Ausdehnung ihrer Kenntnisse und zum sozialen Aufstieg verhelfen könnte. Die Bundesregierung wird ferner, wenn genügende Erfahrungen über die Auswirkungen des in der vergangenen Legislaturperiode verabschiedeten Gesetzes über Lohnfortzahlung im Krankheitsfall vorliegen, etwaige Mängel dieses Gesetzes beseitigen.

Abschluß der Strafrechtsreform - Neues Aktienrecht

Auf dem Gebiete des Rechtswesens steht in der kommenden Legislaturperiode an erster Stelle der Abschluß der großen Strafrechtsreform. Sie soll das in seinem Kern 100 Jahre alte Strafgesetzbuch durch ein neues Strafrecht ablösen, das der seither eingetretenen Entwicklung und den Aufgaben unserer Zeit gerecht wird. Ferner ist - wie bereits erwähnt - eine Revision des Aktienrechts und des Urheberrechts in Aussicht genommen. Als vordringlich sieht die Bundesregierung auch die baldige Verabschiedung der einheitlichen Rechtsanwaltsordnung und der Notarordnung an. Dem Auftrag des Grundgesetzes folgend wird die Bundesregierung auch das deutsche Richtergesetz demnächst vorlegen. Des weiteren scheint es dringend notwendig, den Schutz der Persönlichkeit gegen Eingriffe in die Privatsphäre und gegen Ehrverletzungen zu verbessern.

Wir hoffen, daß in dieser Legislaturperiode die bundeseinheitliche Verwaltungsgerichtsordnung und das Gesetz zur Neuordnung der Finanzgerichtsbarkeit verabschiedet werden kann. Eine Reform des Aktienrechts ist erforderlich. Wenn wir neue Gesellschaftsschichten am Kapitalmarkt interessieren wollen, dann muß die Ertragslage der Gesellschaften auch der breiten Öffentlichkeit verständlich gemacht und der Einfluß der Eigentümer, der Aktionäre, auf die Verwaltung und die Gewinnverwendung vergrößert werden.

Vertiefte Zusammenarbeit mit den Bundesländern

Bei ihren Arbeiten erwartet die Bundesregierung eine verständnisvolle Unterstützung durch die Bundesländer. Es kommt darauf an, das Spannungsverhältnis zwischen dem Bund und seinen Gliedern fruchtbar zu machen. In regelmäßigen Besprechungen mit den Chefs der Länderregierungen hoffe ich, die Zusammenarbeit weiter zu vertiefen. Durch persönliche Fühlungnahme lassen sich erfahrungsgemäß auch schwierige Probleme lösen. Der ständigen Verbindung zu den Bundesländern und zum Bundesrat dient das Bundesratsministerium. Ausdrücklich möchte ich in diesem Zusammenhang auch sagen, daß die Bundesregierung in der kommunalen Selbstverwaltung das Fundament des demokratischen Staatsaufbaues sieht. Es wird eine ihrer vornehmsten Aufgaben sein, zur Förderung der Gemeinden beizutragen.

Pflege der Landwirtschaft - Erhaltung des Dorfes

Die Landwirtschaft wird noch auf Jahre hinaus der Hilfe bedürfen. Die Grundlinien, die im Landwirtschaftsgesetz und im Grünen Plan festgelegt sind, haben sich als richtig erwiesen. Die strukturelle Umwandlung der Landwirtschaft ist eine Aufgabe, die Zeit erfordert. Auch die Ungeduldigsten unter den Landwirten müssen sich das klarmachen. Sie sollten dem Landwirtschaftsminister und der Bundesregierung zeigen, auf welchen Gebieten eine bessere und schnellere Arbeit geleistet werden kann; wir wären für guten Rat dankbar. Kritik um der Kritik willen dagegen nützt niemandem, sondern schadet nur. Eine Zusammenarbeit zwischen der Bundesregierung und den bäuerlichen Vereinigungen ist nötig, um einen störungsfreien Übergang in den Gemeinsamen Markt zu sichern. Die Landwirtschaft braucht Kapital. Ich habe schon über die Notwendigkeit der Regelung des Kapitalmarktes gesprochen. Ich hatte dabei auch vornehmlich die Interessen der Landwirtschaft im Auge.

In stärkerem Maße als bisher muß für die Erleichterung der Arbeit der Landfrau Sorge getragen werden. Wenn wir die Menschen im Dorfe festhalten wollen, so ist das sicher eine Voraussetzung dafür. Es wäre weiter dringend wünschenswert, daß die Industrie kleinere Zubringerbetriebe in manchen Gegenden errichtet, in denen die Arbeitskraft des Bauern nicht genügend von ihm verwertet werden kann. Das "Dorf" muß aus allgemeinen Staatsgründen so gestaltet werden, daß die Menschen, die dort geboren sind, im allgemeinen auch dort ihren Lebensunterhalt verdienen, daß sie aber auch Erholung und Abwechslung finden können, sonst werden die Dörfer menschenleer werden und die Menschen sich immer mehr in den Städten zusammenballen. Hier liegt eine staatspolitische Aufgabe ersten Ranges. Die sittlichen Kräfte der Familie sind entscheidend für Gegenwart und Zukunft eines Volkes. Was einem Kinde in der Jugend in der Familie nicht geboten worden ist, bleibt ein dauernder Verlust für das Kind während seines ganzen Lebens. Die Bundesregierung wird alles tun, um die Familie gegen schädigende äußere Einflüsse zu schützen und insbesondere der kinderreichen Familie nach Möglichkeit zu helfen.

Atomkernenergie und Wasserkraft

Das Ministerium für den friedlichen Ausbau und die Verwendung der Atomkernenergie erhält zusätzlich zu diesem Aufgabenkreis die Wasserwirtschaft. Die Bedeutung der Wasserwirtschaft wird in der öffentlichen Meinung nicht genügend gewürdigt. Es handelt sich hier um die Fortsetzung der ausgezeichneten Arbeit, die seinerzeit von dem früheren Bundesminister Kraft begonnen worden ist. Diese Arbeit ist in gleicher Weise von lebenswichtiger Bedeutung für die Wirtschaft, einschließlich der Landwirtschaft, wie für den Verkehr und für die Menschen selbst. Ich kann wegen der Kürze der Zeit Ihnen hier keine Einzelheiten wiedergeben und muß mich beschränken zu erklären, daß durch die rasende Zunahme des Verbrauchs an Wasser durch die Industrie bei der gleichzeitig damit verbundenen Verschmutzung des Wassers eine gefährliche Lage entstanden ist.

Die Atomkernenergie wird sich im Laufe der Jahre als gleichberechtigter und gleichwertiger Energiefaktor neben Kohle, Wasserkraft und Öl stellen, vielleicht den einen oder anderen Energieträger überflügeln. Diese Entwicklung soll von dem Ministerium gefördert werden, weil der ständig steigende Bedarf an Kraft und Wärme die Nutzbarmachung neuer Energiequellen fordert. Es ist auch begrüßenswert, daß der Wettbewerb unter den Energiequellen durch diese neue gesteigert wird. Endlich gestattet sie, vielleicht schon in relativ kurzer Zeit, Energie auch preiswert in verkehrsfernen Gebieten zu erzeugen. Dadurch würde sie helfen können, wenigstens kleinere Industrien in diesen verkehrsfernen Gebieten anzusiedeln, ein Ziel, das wir unbedingt erstreben müssen.

Eine enge Verbindung zwischen dem Ministerium, das die Entwicklung der Atomkernenergie zu pflegen hat, und dem Wirtschaftsministerium, dem die Sorge für die elektrische Energie aus Kohle, Wasser und Öl obliegt, ist selbstverständlich notwendig.

Soziales Mietrecht - Sorge für die Vertriebenen

In den kommenden Jahren wird auch die Frage der Überführung der Wohnungswirtschaft in die Marktwirtschaft akut werden. In dem Maße, in dem die Wohnungsnot beseitigt wird, kann die Wohnraumbewirtschaftung fallen. Ein soziales Mietrecht muß den Schutz berechtigter sozialer Belange gewährleisten. Die Sorge für die Vertriebenen, die Flüchtlinge und die Kriegsgeschädigten ist für die Bundesregierung nicht nur eine soziale Verpflichtung, sondern eine Forderung der nationalen Ehre. Unter dem Fortfall einer Partei, die sich zum Ziel gesetzt hatte, vornehmlich für die Vertriebenen und Flüchtlinge einzutreten, darf die Sorge für diesen Kreis von Personen, der sich durch die Flüchtlinge aus der Sowjetzone noch ständig vergrößert, nicht nachlassen. Wir werden versuchen, Wege zu finden, um die im Lastenausgleichsgesetz vorgesehenen Wartezeiten erheblich abzukürzen.

Das Ziel der Verkehrspolitik

Das Ziel der Verkehrspolitik der Bundesregierung ist, den Eisenbahn-, Straßen- und Binnenschiffahrtsverkehr sowie den See- und Luftverkehr so zu ordnen, daß der größte volkswirtschaftliche Nutzen mit möglichst geringem Kostenaufwand erreicht wird. Wir werden auch künftig die Angleichung der Wettbewerbsbedingungen der Verkehrsträger sowie eine zweckmäßige Arbeitsregelung und möglichst enge Zusammenarbeit zwischen ihnen fördern.

Die Bundesregierung wird weiterhin bemüht sein, die Deutsche Bundesbahn von Subventionen unabhängiger zu machen und sie vor unwirtschaftlichem Substanzverzehr zu bewahren. An den gemeinwirtschaftlichen Aufgaben der Bundesbahn wird grundsätzlich festzuhalten sein.

Das Bestreben der Seehäfen, der Seeschiffahrt, der Binnenschiffahrt und der zivilen Luftfahrt, sich der Entwicklung des modernen Verkehrs anzupassen, findet auch künftig unsere volle Unterstützung.

Die Sorge um die Sicherheit auf den Straßen mit ihrem ständig wachsenden Kraftwagenverkehr bleibt das dringendste Anliegen unserer Verkehrspolitik. Die Bundesmittel für den Straßenbau werden wir von Jahr zu Jahr steigern müssen, um die im Straßenausbauplan vorgesehenen Bauarbeiten finanzieren zu können. Die Bundesregierung kennt die Verkehrsnot der Städte und Gemeinden und wird daher die Straßenbaumittel so einsetzen, daß ein in allen Teilen leistungsfähiges Gesamtnetz entsteht. Wir werden uns bei diesen Maßnahmen in besonderem Maße von der Sorge um die Fußgänger leiten lassen, obgleich die Fußgänger sich noch nicht zu einem Verbande zusammengeschlossen haben, der ihre Rechte wahrt.

Investitionsmittel für die Bundespost

Die Deutsche Bundespost braucht für den Ausbau und die technische Fortentwicklung ihrer Einrichtungen - insbesondere ihres Nachrichtennetzes - sehr bedeutende Investitionsmittel. Wir hoffen durch wirtschafts- und finanzpolitische Maßnahmen dazu beitragen zu können, daß diese Mittel der Bundespost zur Verfügung gestellt werden.

Lassen Sie mich nun, meine Damen und Herren, Ihnen einiges zur außenpolitischen Situation der Bundesrepublik und den daraus zu ziehenden Folgerungen sagen. In den vergangenen vier Jahren hat die Bundesrepublik ihre Souveränität zurückgewonnen. Damit ist ihre außenpolitische Bedeutung, aber auch ihre Verantwortung von Jahr zu Jahr größer geworden. Obwohl wir nicht zu den Großmächten gehören, sind die Haltung der Bundesrepublik und ihre außenpolitischen Entscheidungen vielfach von solchem Gewicht, daß wir diese Entscheidungen nur nach sehr sorgfältigen Überlegungen im Rahmen der Politik der freien westlichen Völker treffen dürfen. Um ein realistisches Bild der außenpolitischen Lage der Bundesrepublik zu zeichnen, ist es notwendig, es in den umfassenden Rahmen der weltpolitischen Situation zu stellen,

Die aggressive Macht der Sowjetunion

Die Sowjetunion feiert in diesem Jahre ihr 40jähriges Bestehen. Es kann nach allen uns zugegangenen Berichten und Veröffentlichungen kein Zweifel darüber herrschen, daß es dem sowjet-russischen Totalitarismus gelungen ist, einer Bevölkerung von rd. 200 Millionen Menschen den eigenen Willen, das Vertrauen zur eigenen Kraft zu nehmen und sie zu einer Masse zu machen, die sich von diktatorischen Kräften beliebig formen und verwenden läßt. Vierzig Jahre der Gewaltherrschaft haben im russischen Volk die Fähigkeit einer eigenen Willensbildung zerstört; es ist den Machthabern im Kreml gelungen, diese riesigen Volksmassen auf Ziele auszurichten, die ebensosehr der kommunistischen Ideologie wie dem Panslawismus angehören. Das ist eine sehr ernste Tatsache, an der wir nicht vorbeigehen können.

Seit 1945 hat die Sowjetunion in den osteuropäischen Staaten 100 Millionen Menschen gewaltsam unterworfen, und sie arbeitet mit Zähigkeit daran, auch diese Menschen in den gleichen Zustand völliger geistiger, militärischer und wirtschaftlicher Entschlußlosigkeit zu versetzen. Das vergangene Jahr hat durch die Vorgänge in Polen und den heroischen, aber erfolglosen Freiheitskampf in Ungarn gezeigt, daß in diesem Teil des sowjetischen Machtbereiches zwar noch Menschen leben, für die die Begriffe Freiheit und Selbständigkeit eine lebendige Bedeutung besitzen. Es scheint aber der Sowjetunion gelungen zu sein, ihre Macht auch im osteuropäischen Raum erneut fest zu stabilisieren.

Sie benutzt alle sich irgendwo auf der Welt zeigenden Spannungsherde zur Vergrößerung ihrer Macht und zur Ablenkung der Aufmerksamkeit des Auslandes. Sie hat alles getan, um die Krise im Vorderen Orient zu verschärfen, um damit die Welt unter den Druck einer direkten Kriegsbedrohung zu setzen. Sie hat während der Suez-Krise im Herbst 1956 zum ersten Male seit dem zweiten Weltkrieg ihren ehemaligen Verbündeten Großbritannien und Frankreich unverblümt mit dem Einsatz atomarer Waffen gedroht und damit ihren Anspruch angemeldet, bei allen auf der Welt entstehenden Internationalen Konflikten mit dem vollen Einsatz machtpolitischer Mittel ein entscheidendes Wort mitzusprechen.

Die Ost-West-Spannung verschärft

Betrachtet man die Vorgänge der letzten Jahre, so geht daraus für den aufmerksamen Beobachter der Entwicklung klar hervor, daß die Sowjetunion nach wie vor die allein entscheidende politische und militärische aggressive Macht im gesamten Ostraum ist. Die inneren Machtkämpfe in der führenden Schicht ändern daran bis auf weiteres nichts. Diesem festgefügten Block im Osten steht die westliche freie demokratische Welt in ihrem Kampf um die Erhaltung der staatlichen und individuellen Freiheit gegenüber. Die Spannung zwischen diesen beiden Lagern hat sich in den letzten Jahren nicht vermindert, sondern verschärft. Es gibt kaum ein internationales Problem von Bedeutung, das nicht von dieser West-Ost-Spannung überschattet wird. Die westliche Welt ist, gemessen an ihrer Menschenzahl, ihrer geistigen Entwicklung, ihrem militärischen und wirtschaftlichen Potential dem ihr gegenüberstehenden Ostblock erheblich überlegen.

Voraussetzung für die Aufrechterhaltung und für das Wirksamwerden dieser Überlegenheit ist allerdings die Zusammenfassung aller Kräfte der freien Welt unter einer energischen und gleichzeitig ruhigen und weisen Führung. Diese Führung kann und muß nach den gegebenen Verhältnissen in den Händen der Vereinigten Staaten als der weitaus stärksten Macht des Westens liegen. Es bedarf daher bei allen Völkern, die das Ideal der Freiheit zur Grundlage ihrer Politik und ihres individuellen Lebens gemacht haben, eines großen Maßes an Selbstbeschränkung des nationalen Egoismus, einer tiefen Einsicht in die Notwendigkeit einer einheitlichen westlichen Politik und des Willens zu großen Opfern.

Hoffnungsvolle Zeichen - Stärkerer Zusammenschluß der freien Welt

Es fehlt aber, das möchte ich hier betonen, nachdem ich Ihnen das sehr ernste Bild der außenpolitischen Lage gegeben habe, nicht auch an hoffnungsvollen Zeichen. Die Einheit Europas hat durch die Gründung der Westeuropäischen Union, durch den wirtschaftlichen Zusammenschluß in der Montan-Union, durch die Unterzeichnung der Verträge über Euratom und über den Gemeinsamen Markt und durch die Bestrebungen für die Bildung der großen europäischen Freihandelszone erhebliche Fortschritte gemacht. Darüber hinaus sind im atlantischen Defensiv-Bündnis unter der Führung der Vereinigten Staaten 15 Nationen zusammengeschlossen, die auf militärischem Gebiet zu einer weitgehenden Einheit gelangt sind und deren gemeinsames Denken in politischen Fragen ebenfalls große Fortschritte aufweist.

Wenn ich trotzdem heute meine Stimme mahnend erhebe, in dieser Entwicklung ohne Zögern mit größter Energie und Zielstrebigkeit fortzuschreiten, dann tue ich das, weil ich von der Sorge erfüllt bin, daß die freien Völker dieser Welt ihre Freiheit verlieren würden, wenn sie den jetzigen Zustand in der Welt als eine nicht zu ändernde Tatsache hinnehmen und in eine Periode der Schwäche und der Uneinheitlichkeit gegenüber der einheitlichen, bedenkenlosen und in reinem Machtstreben befangenen Politik des Ostens abgleiten würden. Ich begrüße und unterstütze daher mit Bereitwilligkeit alle Maßnahmen, die zu einer engeren politischen Zusammenarbeit der freien Völker führen, weil diese Zusammenarbeit uns stärkt, den Gegner aber entmutigt und friedenswillig macht. Mit großer Freude erfüllt mich die bevorstehende Zusammenkunft der Regierungschefs der NATO-Länder in Paris. Ich bin überzeugt, daß diese Zusammenkunft ein großer Erfolg der Völker der freien Welt werden wird.

Raketen und Satelliten

Die absolute Notwendigkeit gemeinsamen Handelns im Westen wird uns aber noch durch ein anderes Phänomen vorgeschrieben, das erst im letzten Jahrzehnt unserer Geschichte entstanden ist. Im Gegensatz zu früheren Geschichtsperioden, in denen die Politik sich der technischen Entwicklung bediente, treibt heute in rasendem Tempo die Technik die Politiker in entscheidendem Maße zu Entschlüssen.

Die Meldung über den Abschuß einer weitreichenden Rakete oder die Entsendung eines künstlichen Erdtrabanten durch die Sowjetunion beeinflußt das Denken der Völker und die politischen Entschlüsse der Regierungen in starkem Maße. Dieser gefahrvolle Zustand kann nur überwunden werden, wenn die westliche Welt immer wieder alle nur denkbaren Anstrengungen macht, um zu keinem Zeitpunkt in der Zukunft in der technischen Entwicklung durch die totalitären Staaten überflügelt zu werden, und wenn es gelingt, unter den Völkern und Regierungen des Westens eine klare, konsequente gemeinsame Politik zu entwickeln, in die sich die waffentechnischen Fortschritte einordnen lassen. Das ist eine schwere Aufgabe, die zu bewältigen es aller Anspannung der geistigen und seelischen Kräfte bedarf.

Wiederherstellung der staatlichen Einheit - Entspannung und Abrüstung

Ich glaube, daß die deutsche außenpolitische Situation nur verstanden werden kann, wenn man sie in diesem Rahmen sieht. Das gilt in erster Linie für die Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands. Wir alle leben in Westdeutschland unter der Bedrückung, daß 18 Millionen Menschen in der sowjetisch besetzten Zone und in Ost-Berlin nicht nur durch eine willkürliche Grenzziehung von uns abgetrennt sind, sondern, was weit schlimmer ist, unter einem entwürdigenden unmenschlichen System der Willens- und Freiheitsberaubung leben. Die Haltung der Sowjetunion in den vergangenen Jahren hat nicht die geringsten Anzeichen dafür erkennen lassen, daß man im Kreml bereit sei, diesen Deutschen die Freiheit zurückzugeben. Die deutsche Bundesregierung hält an der Auffassung fest, daß sie allein als Sprecherin der 18 Millionen Deutschen in der Sowjetzone legitimiert ist und daß die Wiederherstellung der deutschen Einheit eine Verpflichtung der vier Großmächte ist, aus der sie von dem deutschen Volke nicht entlassen werden können, eine Verpflichtung, die noch im Jahre 1955 auch von Sowjet-Rußland sowohl in Genf als mir gegenüber in Moskau ausdrücklich anerkannt worden ist.

Es ist unsere Überzeugung, daß nur die Befreiung der sowjetisch besetzten Gebiete Deutschlands von der bedrückenden Gewaltherrschaft auf lange Sicht gesehen Europa Frieden und Freiheit bringen kann. Voraussetzung für diese Befreiung und die Einlösung der Viermächteverpflichtung Gesamtdeutschland gegenüber ist eine allmähliche Minderung und schließlich Beseitigung der west-östlichen Spannung. Die Bundesregierung hat daher die Bemühungen der Westmächte, mit der Sowjetunion zu einem Abrüstungsabkommen zu gelangen, mit aller Intensität unterstützt. Es ist tief zu bedauern, daß sich die Sowjetunion nicht entschließen konnte, die außerordentlich großzügigen und weitgehenden Vorschläge für ein umfassendes Abrüstungsabkommen, die von den Westmächten auf der Konferenz in London gemacht wurden, anzunehmen oder mit annehmbaren Gegenvorschlägen zu beantworten. Wir geben aber die Hoffnung nicht auf, daß das Ziel einer allgemein kontrollierten Abrüstung durch Stetigkeit, Konsequenz und Verhandlungsbereitschaft in den kommenden Jahren erreicht wird.

Ich stütze diese Hoffnungen auf die Überlegung, daß es der westlichen Welt gelingen müßte, die Sowjetunion davon zu überzeugen, daß sie - und ganz besonders auch wir Deutschen - nicht die Absicht haben, ihr mit Waffengewalt oder mit politischem Druck die eigenen politischen und wirtschaftlichen Auffassungen aufzuzwingen, ebensowenig wie die westliche Welt sich jemals dazu verstehen kann, dem militärischen, politischen und propagandistischen Druck der Sowjetunion nachzugeben. Wenn die Sowjetregierung sich von ihrem völlig unbegründeten Mißtrauen gegenüber dem Westen befreien könnte, und wenn sie sieht, daß ihr Streben nach Beherrschung der Welt unrealistisch ist, wird es möglich sein, auf der Welt einen Zustand zu schaffen, der es allen Völkern erlaubt, frei von fremder Unterdrückung und frei von Lebensangst zu existieren.

Das Verhältnis zu Osteuropa - Jugoslawien

Obwohl die Sowjetunion die entscheidende Macht des Ostens ist, so hat die Bundesregierung nicht versäumt, ihre Aufmerksamkeit auch ihrem Verhältnis zu den übrigen ost-europäischen Staaten zuzuwenden. Der Warenaustausch zwischen der Bundesrepublik und diesen Staaten ist in den Jahren von 1953 bis 1956 um 195 v. H. gestiegen, und die ersten acht Monate des Jahres 1957 haben eine weitere Steigerung um 21 v. H. gebracht. Ich möchte an dieser Stelle mit allem Nachdruck erklären, daß wir entschlossen sind, auch mit den ost-europäischen Völkern für alle Zukunft in guten nachbarlichen Beziehungen zu leben, und die Fragen, die noch zwischen uns offen sind, nur auf friedliche, gerechte und menschliche Weise zu lösen.

In diesem Zusammenhang erlauben Sie mir ein Wort über Jugoslawien. Die Vorgänge, die zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen geführt haben, sind in unserer Note vom 19. Oktober dieses Jahres ausführlich dargelegt, und ich brauche sie deshalb nicht zu wiederholen. Ich möchte nur auf eines hinweisen: Nicht formalistisches oder juristisches Denken hat uns zu diesem Schritt veranlaßt. Entscheidend war für uns, daß durch die diplomatische Anerkennung der DDR durch Jugoslawien ein Lebensinteresse unserer auswärtigen Politik berührt wurde, nämlich der auch im Grundgesetz verankerte Anspruch, daß die deutsche Bundesregierung allein legitimiert ist, die deutschen Interessen im Ausland zu vertreten, da nur sie eine demokratisch gewählte Volksvertretung und Regierung besitzt. Jugoslawien hatte diesem unseren Standpunkt bei den zurückliegenden Vertragsverhandlungen nicht widersprochen. Ein Aufgeben dieses Prinzips hätte zu sehr schwerwiegenden und gerade die Wiedervereinigung Deutschlands stark belastenden Folgerungen führen können.

Verpflichtungen gegenüber der NATO werden voll erfüllt

Ich darf mit Genugtuung feststellen, daß wir den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Jugoslawien unter dem zustimmenden Verständnis der gesamten freien Welt unternommen haben. Es hat sich bei diesem Vorgang innerhalb der NATO gezeigt, daß über die militärische Einheit hinaus auch die gemeinsame außenpolitische Übereinstimmung in allen wichtigen Fragen innerhalb der NATO besteht. Ich habe bereits erklärt, und ich möchte diese Erklärung an dieser Stelle bei der Darlegung unserer Außenpolitik nochmals wiederholen, daß die Bundesregierung entschlossen ist, alle Verpflichtungen aus ihrer Mitgliedschaft im Atlantischen Bündnis voll zu erfüllen, sowohl was den Umfang ihres Beitrages als auch was die Termine, die für die Leistungen dieses Beitrages festgesetzt wurden, angeht.

Jeder einzelne in Deutschland muß sich darüber Rechenschaft ablegen, daß ihm die Sicherung der Bundesrepublik, Europas und der westlichen Welt große finanzielle und auch persönliche Belastungen auferlegt. Erst wenn eine Vereinbarung über eine kontrollierte Abrüstung unter den Großmächten vorliegt und funktioniert, kann man daran denken, diese Lasten zu erleichtern und die enormen Aufwendungen an menschlicher Kraft, Material und Geld für die allgemeine Wohlfahrt der Völker zu nutzen. Wir können zu unserer Freude und Genugtuung feststellen, daß unsere Truppen von der Bevölkerung überall mit großer Freundlichkeit und Herzlichkeit empfangen werden.

Freundschaftliche Beziehungen zu den westlichen Nachbarstaaten - Nahost, Asien und Afrika

Wie ich eingangs meiner außenpolitischen Ausführungen bereits erwähnte, hat sich die politische und wirtschaftliche Stellung der Bundesrepublik in den vergangenen Jahren erheblich gefestigt. Unsere konsequente Politik im Rahmen der westlichen Allianz und im Rahmen der europäischen Einigungsbestrebungen, die wir nach wie vor mit allen unseren Kräften fördern wollen, hat dazu geführt, daß die Bundesrepublik Deutschland nicht nur auf vertraglicher und juristischer Basis, sondern in der lebendigen Wirklichkeit wieder ein bedeutungsvoller Faktor im Kreise der Völker geworden ist. Zu dieser Entwicklung haben auch nicht weniger unsere guten Beziehungen zu allen Regierungen geführt, mit denen wir nicht im Rahmen von Allianzen, sondern im bilateralen Verhältnis stehen.

Unsere Beziehungen zu den Vereinigten Staaten von Amerika, zu Großbritannien, Frankreich und Italien ebenso wie zu den Benelux-Staaten und allen westlichen Nachbarstaaten sind nicht nur eng, sondern freundschaftlich. Wir pflegen darüber hinaus enge politische und wirtschaftliche Kontakte mit südamerikanischen und asiatischen Staaten. Auch unsere Beziehungen zu den Staaten des nahöstlichen Raumes sind gut. In den letzten Jahren hat sich in diesem Raume eine krisenhafte Situation entwickelt. Wir waren und werden auch in Zukunft bestrebt sein, alle Entwicklungen zu unterstützen, die eine Befriedigung im Nahen Osten herbeiführen können. Wir werden jeden Schritt vermeiden, der zu einer Verschärfung der Krise beitragen könnte.

Die Bundesrepublik hat sowohl im Mittleren wie im Fernen Osten als auch in Afrika mit allen Staaten gute wirtschaftliche Verbindungen, die sie auf der Basis politischer Beziehungen und gegenseitigen Vertrauens ausbauen wird. Wir sind uns dabei der Verpflichtung voll bewußt, den entwicklungsfähigen Ländern überall dort materielle und kulturelle Hilfe zu leisten, wo der Wille zur Freiheit und Selbständigkeit lebendig ist. Wir müssen uns darüber klar sein, daß wir für diese Politik Opfer zu bringen haben, die sich vielleicht erst in einer ferneren Zukunft als fruchtbar erweisen, die aber notwendig sind, weil nur die Hebung des Lebensstandards auf der ganzen Welt das Fundament für ein friedliches Miteinanderleben der Völker bildet.

Ich möchte bei dieser Gelegenheit mit Dankbarkeit feststellen, daß nicht nur die mit uns verbündeten Staaten, sondern die vielen anderen mit uns befreundeten Nationen gerade auch dem besonderen Anliegen der deutschen Politik, der Frage der deutschen Einheit, energische Unterstützung haben zuteil werden lassen. Wenn wir feststellen müssen, daß unsere Bemühungen mit den Regierungen, die von der Sowjetunion abhängig sind, zu einem Ausgleich der Interessen zu kommen, bisher erfolglos waren, so dürfen wir doch mit tiefer Befriedigung sagen, daß wir uns, was die westlichen Völker anbelangt, mit ihnen auf allen für Deutschland lebenswichtigen Gebieten in vollem Einklang befinden. Ich bitte das Hohe Haus, diese Feststellung in ihrer ganzen Bedeutung zu würdigen. Obwohl es mir im Rahmen dieser Ausführungen nicht möglich ist, im einzelnen den sichtbaren Ausdruck dieser Übereinstimmung zu belegen, so möchte ich doch die in letzter Vergangenheit mit Belgien getroffenen Vereinbarungen in gleicher Weise erwähnen wie den Abschluß unseres Vertrages mit Österreich.

Die Rückkehr der Saar auf Grund freundschaftlicher Vereinbarungen mit Frankreich ist ein uns alle beglückender Beweis für die Freundschaft, die zwischen Frankreich und Deutschland besteht. Ich bin überzeugt, daß es uns in freundschaftlichem Geiste gelingen wird, bald auch die noch ausstehenden Grenzvereinbarungen mit den Niederlanden zu treffen.

Mitarbeit an der politischen Willensbildung der freien Welt - Für Erhaltung des Weltfriedens

Unsere im Lager der freien Welt gestärkte politische Stellung legt uns aber auch die Verpflichtung auf, an der politischen Willensbildung dieses Teiles der Welt mitzuarbeiten. Wir haben darauf hinzuwirken, daß die westliche Politik sich durch Klarheit und Konsequenz auszeichnet. Ich verstehe darunter eine Politik der realistischen Betrachtungsweise der weltpolitischen Vorgänge, ich verstehe darunter eine Politik der Wachsamkeit und des Vertrauens zur eigenen Stärke. Ich verstehe darunter eine Politik des Schutzes der Selbständigkeit aller die Freiheit liebenden Völker. Die westliche Welt ist stark genug, um sich jedem politischen oder militärischen Druck entgegenzustellen, solange sie ihre Einigkeit bewahrt. Sie wird aber niemals, davon bin ich fest überzeugt, und darauf wird die Außenpolitik der Bundesregierung ausgerichtet sein, ihre eigene Stärke mißbrauchen, denn sie hat nirgendwo auf der Welt den Wunsch, die Freiheit anderer Völker zu unterdrücken und ihnen das Recht einzuschränken, ihr staatliches Leben nach den Wünschen des Volkes zu gestalten.

Kein Volk sollte danach streben, über andere Völker Herrschaft auszuüben und sie unter Druck und Angst vor Katastrophen ihr Leben fristen zu lassen. Die Aufgabe jedes einzelnen, die Aufgabe der Parlamente und der Regierungen ist es vielmehr, den Völkern eine ruhige und stetige Entwicklung frei von Furcht und Schrecken zu gewährleisten. Die deutsche Bundesregierung wird unter meiner Führung diesen menschlichen und politischen Richtlinien folgen und damit ihre ganze Kraft dem höchsten Ziel politischer Arbeit widmen, nämlich: der Erhaltung des Weltfriedens.

SED-Regime nicht legitimiert - Hilfe für die Deutschen in den getrennten Gebieten

Ich habe die große nationale Aufgabe der deutschen Wiedervereinigung in meinen Ausführungen zur außenpolitischen Lage geschildert und betont, daß die vier früheren Besatzungsmächte die Pflicht haben, die Teilung Deutschlands zu beenden. Die Sowjetunion - das müssen wir nochmals mit tiefem Bedauern feststellen - versucht immer wieder, sich ihrer Pflicht zur Wiederherstellung der deutschen Einheit zu entziehen, indem sie auf das demokratisch nicht legitimierte SED-Regime als Verhandlungspartner hinweist. Es wird die Aufgabe der neuen Bundesregierung sein, weiterhin im In- und Ausland an der Festigung der erfreulich gewachsenen Erkenntnis zu arbeiten, daß ohne die Wiedervereinigung Deutschlands der Frieden Europas und der Welt nicht gesichert ist, daß 18 Millionen Deutsche, die ihre Freiheit haben wollen, um eines der wichtigsten Menschenrechte gebracht worden sind.

Die Entwicklung in den getrennten Teilen Deutschlands werden wir weiter aufmerksam beobachten, um die Öffentlichkeit des In- und Auslandes über die Verhältnisse zu unterrichten, unter denen unsere Landsleute dort leben müssen. Die Bevölkerung der Bundesrepublik wird damit in ihrem Verantwortungsgefühl für die Deutschen jenseits der Zonengrenze gestärkt werden und - das ist meine zuversichtliche Hoffnung - wie bisher ihre dankenswerte Hilfsbereitschaft in den zahllosen Fällen seelischer und materieller Not bekunden. Dabei denkt die Bundesregierung auch an diejenigen Deutschen, die jenseits der Oder-Neiße-Linie wohnen. Was in ihrer Macht steht, wird die Bundesregierung tun, um den von uns getrennt lebenden Landsleuten trotz der widrigen Umstände das Aushalten in der angestammten Heimat zu erleichtern.

Die Bundesregierung wird sich besonders darum bemühen, daß die Deutschen das Bewußtsein ihrer Zusammengehörigkeit erhalten und festigen. Neben der brieflichen Verbindung ist die persönliche Begegnung zwischen den Deutschen der getrennten Landesteile von großer Bedeutung. Die Besuchsreisen der Landsleute aus Mitteldeutschland werden weiter gefördert werden, und die Bundesregierung glaubt dabei der großzügigen Unterstützung der gesamten Bevölkerung, der Länder, Gemeinden und Hilfsorganisationen wie bisher sicher zu sein. Je besser die menschlichen Beziehungen zu unseren Landsleuten jenseits der Zonengrenze sind, um so leichter wird es uns werden, auch die bedrohte Einheit unseres kulturellen Lebens trotz vieler Verbote und Verkehrsbehinderungen der anderen Seite zu erhalten.

Ich möchte auch derer gedenken, die noch heute zu Tausenden unschuldig in den Gefängnissen und Zuchthäusern der Sowjetzone in Haft sind. Die Bundesregierung fordert erneut die Freilassung dieser Menschen und deren Rückkehr zu ihren Angehörigen, die sich oft in größter seelischer und materieller Not befinden.

Berlin als künftige Hauptstadt Deutschlands

Ein wichtiges Bindeglied zur mittel- und ostdeutschen Bevölkerung ist Berlin. Ich habe schon früher erklärt, daß Berlin sich auf die Bundesrepublik verlassen kann, und darf hier erneut feststellen, daß die Bundesregierung auch künftig ihre Verpflichtungen gegenüber dieser Stadt und ihrer tapferen Bevölkerung nach besten Kräften weiter erfüllen wird, um Berlin in den Stand zu setzen, den Aufgaben als künftige Hauptstadt Deutschlands gerecht zu werden.

Die Zonenrandgebiete sind durch die Abtrennung vom mitteldeutschen Raum häufig in eine schwierige wirtschaftliche, soziale und kulturelle Lage geraten. Die jährlichen Förderungsprogramme des Bundes haben zwar zu einer fühlbaren Erleichterung geführt. Die Bundesregierung wird aber gemeinsam mit den betroffenen Ländern die wirtschaftliche und kulturelle Förderung dieser Gebiete fortsetzen.

Politik verlangt Klarheit in der Erkenntnis der Ziele. Sie muß realistisch sein, d. h. die Möglichkeiten erkennen, sie muß mutig sein, um die auf ihrem Wege sich zeigenden Hindernisse zu überwinden. Vor allem aber verlangt politische Arbeit Ruhe, Geduld und Stetigkeit. Nur wenn diese Voraussetzungen vorliegen, kann man auf Erfolg rechnen. Wir bitten das Hohe Haus um seine Hilfe.

Quelle: Regierungserklärung vom 29. Oktober 1957, abgegeben von Bundeskanzler Dr. Adenauer vor dem Deutschen Bundestag. Hg. vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Bonn 1957.