20. Januar 1963: Erklärung von Bundeskanzler Adenauer bei seiner Ankunft am Flughafen Orly

Meine verehrten Damen und Herren!

Ich komme zum 18. Male, so ist mir von meinen Herren gesagt worden, nach Paris. Aber der Anlaß zu dieser Reise nach Paris ist ein besonderer. Wir wollen ja in den nächsten Tagen den Vertrag zwischen Frankreich und Deutschland unterzeichnen, der sich in seinen Elementen langsam entwickelt hat und der jetzt vollendet werden soll. Das ist ein weltgeschichtliches Ereignis. Ich möchte den Wert sehr nachdrücklich betonen: Es ist ein weltgeschichtliches, ein historisches Ereignis. Wenn wir unsere Zeitungen zur Hand nehmen, so sehen wir die großen Balkenüberschriften über alles, was jetzt gewesen, und was jetzt ist. Nun, es gibt überall Schwierigkeiten in der Welt. Sie werden so oder so sich lösen. Aber heute, in diesem Vertrage, wird eine Periode des Streites, der Gegensätze und der Kriege, eine Periode, die über 400 Jahre gedauert hat, beendet, und zwar für immer beendet.

Das Besondere dieses Vertrages wird sein, daß er nicht akute Schwierigkeiten, Differenzen oder dergleichen zu Ende führt und sie aus dem Wege räumt, sondern das Besondere ist, daß er Vorsorge dafür trifft, daß niemals wieder solche Spannungen entstehen können, und zwar durch die gemeinsame Arbeit der beiden Völker, eine Arbeit des französischen Volkes mit dem deutschen Volke für eine unbegrenzte Zukunft. Es handelt sich nicht in erster Linie um eine Arbeit zwischen zwei Regierungen in der Zukunft, sondern um eine Arbeit zwischen den beiden Völkern in der Zukunft. Der Besuch des deutschen Bundespräsidenten Lübke im Jahre 1961, der Besuch des Staatspräsidenten de Gaulle in Deutschland und mein Besuch in Frankreich im Sommer 1962 haben bewiesen, daß beide Völker das bejahen, was geplant war und was jetzt vollendet werden soll.

Ich möchte heute abend ein besonders herzliches Wort auch an Ihren Herrn Staatspräsidenten de Gaulle richten. Er ist das, was so selten ist. Er hat einen geschichtlichen Sinn. Er überschaut weite Vergangenheiten und er überschaut zukünftige Räume. Er hat erkannt, was Frankreich und Deutschland für Europa, für die Welt, für das französische und das deutsche Volk bedeuten. Die Folgen dieser engen Verbundenheit zwischen den beiden Völkern, die mitten in Europa als Nachbarn liegen, sind auch für die beiden Völker nicht so leicht, weil sie große Verantwortung von ihnen verlangen werden, eine Verantwortung nicht nur für das Wohlergehen des französischen und des deutschen Volkes, sondern auch eine Verantwortung für Europa und für den Frieden in der Welt. Und ich weiß, daß die beiden Völker bereit sind, diese Verantwortung zu übernehmen, und daß sie ihr entsprechend handeln werden.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 14 vom 23. Januar 1963, S. 109.