6. Februar 1963: Regierungserklärung von Bundeskanzler Adenauer in der 57. Sitzung des Deutschen Bundestages (Auszug)

Deutsch-französische Zusammenarbeit - Voraussetzung für die Einigung Europas

Ich kann nicht zu allen Ereignissen Stellung nehmen, die ich oben erwähnte. Das würde zu viel Zeit beanspruchen. Ich möchte aber einige Ausführungen machen zu dem bedeutsamen französisch-deutschen Vertrag, den der Präsident der Französischen Republik, Herr de Gaulle, ich, Premierminister Pompidou, der französische und der deutsche Außenminister am 22. Januar 1963 im Palais de l'Elysée unterzeichnet haben. Die Bundesregierung wird diesen Vertrag dem Hohen Hause in Kürze gemäß Artikel 59 des Grundgesetzes als Gesetzentwurf vorlegen. Wir werden dann Gelegenheit haben, ihn in aller Ausführlichkeit zu besprechen.

Sie kennen die traurige Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen während der letzten 400 Jahre. Sie wissen, daß die Gegensätze zwischen Frankreich und Deutschland immer wieder zu Spannungen und Kriegen führten, die vielen Millionen den Tod brachten und ganz Europa schädigten. Der französisch-deutschen Aussöhnung kommt eine besondere Bedeutung für beide Länder und für ganz Europa zu. Von sehr großer Bedeutung sind die Bestimmungen des Vertrages, die sich auf die Jugend beziehen. Sie sollen dafür sorgen, daß sich die deutsche und die französische Jugend kennen und verstehen lernt, daß sie sich einander näher kommt und daß die jungen Menschen bereit sind, bei dem Anderen das Verbindende und nicht das Trennende zu suchen. Enge Verbindungen zwischen den beiden Völkern sind wichtiger als alle formellen Vereinbarungen.

Sie wissen auch, meine Damen und Herren, daß ohne die Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland Europa nicht bestehen kann. Dieser Gedanke war es, der den von uns allen verehrten Robert Schuman bei der Planung der Montan-Union leitete. Die Zusammenarbeit zwischen diesen Völkern ist - lassen Sie mich das besonders betonen - kein Ersatz der europäischen Integration; sie ist eine ihrer wesentlichen Voraussetzungen. Wir haben auf dem Wege zu Europa manche Enttäuschungen erlebt; wir haben uns aber in der Vergangenheit, auch im vorigen Jahre, als wir dicht vor dem Abschluß der politischen Union standen, nicht entmutigen lassen und haben weiter an dem Werk gearbeitet, dabei auch Erfolge gehabt. Ich versichere Ihnen, daß wir auch in Zukunft weiter an Europa arbeiten werden trotz aller Hindernisse, trotz aller Schwierigkeiten. In der gemeinsamen Erklärung, die der Präsident der Französischen Republik und ich am 22. Januar dieses Jahres in Paris unterzeichnet haben, heißt es daher unter anderem: "in der Erkenntnis, daß die Verstärkung der Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern einen unerläßlichen Schritt auf dem Wege zu dem vereinigten Europa bedeutet, welches das Ziel beider Völker ist."

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 25 vom 7. Februar 1963, S. 213f.