6. No­vember 1920: Aufzeichnung von Johann Hamspohn über eine Unterredung des französischen Bot­schafters Laurent mit Adenauer und Hamspohn in Berlin

Vorbemerkung

Ich kenne den Botschafter aus früherer Zeit. Im Jahre 1909 wurde auf meine Veranlassung von den ersten Pariser Banken eine Gesellschaft für elektrische Unternehmungen, la Société Centrale pour l'Industrie Electrique, gegründet. An dieser Gesellschaft beteiligten sich außer den genannten Banken die Société Financière de Transports et d'Entreprises Industrielles in Brüssel und die Gesellschaft für elektrische Unternehmungen in Berlin. Charles Laurent, der frühere Ministerialdirektor im französischen Finanzministerium, später Vertreter Frankreichs bei der Dette Ottomane, wurde uns von dem damaligen Finanzminister als geeigneter Präsident empfohlen. Ich wurde Mitglied des Conseil d'Administration. Am 1. Montag eines jeden Monats fand eine Sitzung des Conseils statt, an der ich in allen wichtigen Fällen teilnahm. Dadurch entstand zwischen Laurent und mir ein lebhafter Verkehr, der freundschaftliche Formen angenommen hatte. Durch den Krieg kamen wir auseinander.

Nachdem Laurent einige Zeit in Berlin als Botschafter tätig gewesen war, ließ er mich durch unseren gemeinschaftlichen Freund, Dannie Heinemann in Brüssel, bitten, ihn zu besuchen. Dies geschah Mitte September. Laurent empfing mich am 27. September. Er sagte mir, daß er während des Krieges viel ausgestanden und einen Sohn verloren habe. Er habe sich jedoch aus seiner feindlichen zu einer versöhnlichen Stimmung gegen Deutschland durchgerungen und wolle nach Kräften an dem Wiederaufbau der wirtschaft­lichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern mitwirken. Ich möge ihm dazu behilflich sein. Ich sei der einzige Deutsche, den er genau kenne und der sein volles Vertrauen genieße. Ich möge ihm Personen zuführen, die in Deutschland eine führende Stellung einnähmen und deren Rat ihm für den angestrebten Zweck nützlich sein könnte.

Ich sagte darauf, „donc, Excellence, vous désirez que je sois votre aide de camp". - „Non, M. Hamspohn", erwiderte er, „mon quartier général." Kurz nachher ging Laurent auf einige Zeit nach Paris und ließ mich nach seiner Rückkehr wieder zu einer Besprechung bitten, die am 21. Oktober stattfand. Ich nannte dem Botschafter einige maßgebende Personen und bemerkte dann, ich würde ihm empfehlen, die Bekanntschaft des Oberbürgermeisters von Köln, Dr. Adenauer, zu machen, der, als ein ausgezeichneter Kenner der deutschen Verhältnisse im allgemeinen und der westdeutschen im besonde­ren, ihm wertvolle Mitteilungen machen könne.

Der Botschafter ersuchte mich, Dr. Adenauer zu bitten, bei seiner nächsten Anwesenheit in Berlin ihm Gelegenheit zu einer Aussprache zu geben. Als Dr. Adenauer vorigen Mittwoch den 4. November dienstlich nach Berlin gekommen war, benachrichtigte ich demnach den Botschafter und teilte ihm mit, daß Dr. A. Freitag und Sonnabendnachmittag zu seiner Verfügung sein könnte.

Der Botschafter lud uns, Dr. Adenauer und mich, darauf in einem liebens­würdigen Schreiben ein, auf der Botschaft Sonnabend 1 Uhr mit ihm zu speisen.

Wir nahmen diese Einladung an und wurden von Laurent in Gegenwart seines Botschaftsrats Saint Quentin in tadelloser und sehr freundlicher Weise in den Prunkräumen auf der I. Etage des Botschaftspalais begrüßt.

Bei Tisch wurden gleichgültige Reden geführt. Nach Beendigung der Mahlzeit begaben wir uns in den Empfangssaal, und es begann nun die beabsichtigte Besprechung. Der Botschafter sprach französisch, Dr. Adenauer deutsch. Der Botschaftsrat übersetzte die Ausführungen Adenauers ins Französische, ich die Ausführungen Laurents ins Deutsche.

Dr. Adenauer eröffnete die Diskussion, indem er erklärte, er sei bereit, die von dem Botschafter an ihn zu stellenden Fragen in aller Offenheit zu beantworten, bei Fragen, die er nicht beantworten wolle, werde er das offen erklären.

Der Botschafter nahm diese Erklärung zustimmend entgegen und fragte zu­nächst, wie Dr. Adenauer sich die Möglichkeit einer wirtschaftlichen An­näherung zwischen Frankreich und Deutschland denke.

Dr. A. erwiderte, daß er in eine sachliche Erörterung der zu ergreifenden Maßnahmen wegen mangelnder Kompetenz nicht eintreten könne. Er glaube aber sagen zu dürfen, daß die gewünschte Annäherung sich wohl nicht früher durchführen lasse, als bis die politische Atmosphäre sich gebessert habe. In Deutschland habe vor dem Kriege, den niemand gewünscht, keinerlei Ab­neigung gegen die Franzosen bestanden; auch während des Krieges habe sich diese Stimmung wenig geändert, die Bravour der französischen Armee sei anerkannt worden. Der Vertrag von Versailles habe jedoch eine Änderung gebracht, und das Verhalten der französischen Besatzung steigere namentlich im Rheinland die Mißstimmung von Tag zu Tag gegen Frankreich.

Er spreche nicht aus eigener persönlicher Erfahrung, sondern schöpfe seine Kenntnis aus den Mitteilungen seiner Kollegen, der Oberbürgermeister des von den Franzosen besetzten Gebietes. Abgesehen von den schwarzen Trup­pen kämen wenig Klagen über das Verhalten der französischen Offiziere und auch selbst der Mannschaften, aber die Einmischung französischer Befehls­haber in die Zivilverwaltung sei unerträglich und stände in einem schroffen Gegensatz zu dem Verhalten der englischen Behörden in Köln, wo er mit denselben im besten Einvernehmen stände. Nicht nur die Franzosen, auch die Deutschen könnten von den Engländern in der Behandlung fremder Völker vieles lernen. Niemals machten die Engländer auch nur den leisesten Versuch, auf die Zivilverwaltung Einfluß zu gewinnen, und es bilde sich zwischen den englischen und deutschen Behörden ein durchaus gutes Ver­hältnis heraus. Das heutige Verfahren der Franzosen stände in einem merk­würdigen Gegensatz zu dem großzügigen Auftreten Napoleons I. während der damaligen 18-jährigen französischen Besetzung der Rheinlande. Er habe vor einiger Zeit zufällig in den Kölner Archiven jener Zeit eklatante Beweise für die Großzügigkeit und staatsmännische Weisheit Napoleons I. gefunden, die es erklärlich machten, warum die Franzosen sich damals große Sym­pathien in den Rheinlanden erworben hätten.

Der Botschafter nahm diese Mitteilungen ohne Kritik entgegen, sagte dann aber, es bestehe in Frankreich noch immer die Furcht vor einer militärischen Erhebung in Deutschland.

Dr. Adenauer führte aus, daß an eine solche nicht zu denken sei, denn Deutschland sei zu sehr heruntergekommen. Fünf Jahre habe es während des Krieges gehungert, im sechsten Jahre sei die Not aufs höchste gestiegen, jedes Jahr vermehre die Not um ein Vielfaches. Man dürfe sich von dem Zustande des deutschen Volkes keine Meinung bilden nach dem äußeren Glanz, den man in Berlin finde. Die Schieber in den Autos und die Luxushotels seien kein Maßstab. In der schlimmsten Lage befinde sich die Mittelklasse, beson­ders die Familien pensionierter Beamter und kleine Rentner, die außerstande wären, ihr Einkommen mit den enormen Preisen der Lebensmittel und Kleider in Einklang zu bringen. Das Volk müsse Nahrung und Kleidung haben. Die Entente hätte gleich nach dem Waffenstillstand Deutschland mit den notwendigen Subsistenzmitteln versehen müssen, dann wäre von vorn­herein eine versöhnliche Stimmung entstanden. Es sei aber mißlich, von einem verelendeten Volke Entschädigungsleistungen zu verlangen. Wenn die bisherige Drangsalierung des deutschen Volkes fortdauere, so werde immer mehr in Deutschland die jetzt herrschende Meinung gefestigt, daß Frankreich den Untergang Deutschlands wolle, und es werde eine Erbitterung erzeugt, die in 10, 20 oder 30 Jahren zu einem Revanchekriegsversuch führen müsse, woran jetzt, abgesehen von einem kleinen Häuflein auf der äußersten Rech­ten Stehender, in Deutschland niemand denke, selbst nicht um Elsaß-Lothringens willen.

Der Botschafter meinte dagegen, daß Frankreich nicht die Absicht habe, noch die Absicht haben könne, Deutschland zu vernichten. Ein Volk von 60 Mil­lionen mit solchen nationalen Werten wie das deutsche könne ohne die größte Schädigung Frankreichs und ganz Europas nicht vernichtet werden. In Frankreich glaube man jedoch, daß Deutschland nicht gewillt sei, an die Wiederherstellung Frankreichs heranzugehen. Er gebe zu, daß man gegen­wärtig von Deutschland keine Bezahlungen verlangen könne, aber doch Naturalleistungen, wie Kohlen, Ziegelsteine, Holz und Arbeit. Wenn man das Staatsbudget mit den ungeheuren Defizits sich ansähe und keine Maß­nahmen getroffen würden für die Einziehung der großen auf dem Papier stehenden Steuern, so könne das kein Vertrauen erwecken.

Dr. Adenauer wiederholte, daß zuerst die Ernährung und Bekleidung des deutschen Volkes sichergestellt werden müsse, bevor man in größerem Umfange seine Rohmaterialien, Fabrikate und Arbeitsleistungen für die réparation in einem gewissen zulässigen Prozentsatz in Anspruch nehmen könne. In Deutschland glaube man, Frankreich verhalte sich der Bereitwillig­keit des deutschen Volkes, die réparation zu leisten, gegenüber zu ablehnend. Das deutsche Volk dagegen erkenne rückhaltlos die Notwendigkeit der répa­ration des nördlichen Frankreichs an und wolle sich seiner diesbezüglichen Pflicht in keiner Weise entziehen. Auch die Regierung, dafür bürge er, stände auf diesem Standpunkt und tue ihr Möglichstes. Sie hätte aber mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen. Die während des Krieges bei der Post und den Staatseisenbahnen eingestellten Hilfsarbeiter seien nach dem Kriege meistens geblieben, und durch die aus dem Felde zurückkehrenden Beamten und Arbeiter sei die Zahl der Angestellten noch stark vermehrt worden. Allein bei der Post seien 70.000 überschüssige Angestellte, die zu 15.000 M. pro Kopf gerechnet, eine überflüssige Belastung von 1.050.000.000 M. ergäben. Bei der Staatseisenbahn wären diese Ziffern noch bedeutend größer. Von oben würden fortwährend Rescripte wegen Entlassung entbehrlicher Angestellter erlassen, aber immer mit dem Vermerk, daß dabei Schonung geübt werden solle. Es sei einleuchtend, daß dadurch die Vorgesetzten immer in eine pein­liche Lage versetzt würden und daß es gefährlich sei, rücksichtslos Beamte und Arbeiter brotlos zu machen, die heutige Regierung sei noch zu wenig stark, um entschieden durchgreifen zu können.

Was die neuen Steuern anbelange, so seien diese von geradezu furchtbarer Wirkung. Er könne an einem Falle zeigen, in welcher Weise große Vermögen dadurch zerstört werden. Ein Kölner, der vor dem Kriege ein Vermögen von 25.000.000 Goldmark besessen und davon als Rentner, etwa zu 5 %, M. 1.250.000 bezogen, müsse als Notopfer davon 60 % = M. 15.000.000 ab­geben, so daß ihm nur 10 Millionen M. verblieben. 5 % von dieser Summe ergäben M. 500.000. Hiervon gingen zuerst ab Kapitalrentensteuer 10 %, blieben M. 450.000. Hiervon hätte der Betreffende 60 % Einkommensteuer = M. 270.000 zu zahlen, so daß ihm ein Einkommen von M. 180.000, und zwar in Papiermark übrigbliebe, womit er auskommen muß. Er habe deshalb bereits sein Haus, Wagen und Pferde und sonstige Wertgegenstände verkauft, weil er die frühere Lebenshaltung nicht aufrechterhalten kann. Es müsse zur Bewältigung der vielen, zum Teil sehr verwickelten neuen Steuern ein neuer großer Beamtenapparat geschaffen und geschult werden, mit dessen Organi­sation man trotz aller Mühe noch nicht zum Ziele gekommen sei. Die deut­schen Städte hätten am meisten unter dieser Kalamität zu leiden. Denn den Städten sei bekanntlich das Recht, direkte Steuern zu erheben, durch das Reich genommen, und da das Reich den Städten keine Mittel zukommen lasse, weil es selbst noch keine nennenswerten Steuereinnahmen hat, so seien diese auf Bankkredite angewiesen. Man müsse Geduld haben. Es fehle vielfach an geeigneten Personen. Die Hauptsache, auch für die Entente, sei, die Regie­rung zu stärken und ihr dadurch die ihr noch mangelnde Autorität zu verschaffen. Nur wenn diese wiederhergestellt und konsolidiert werde, sei eine ersprießliche Entwicklung zu erwarten. Eine Fortsetzung der Drangsalierung Deutschlands schwäche die Regierung und werde sie schließlich stürzen, und dann würde man aus dem Wirrwarr gar nicht herauskommen.

Es sei namentlich zu bedauern, daß es einem Dr. Dorten erlaubt sei, mit phantastischen Plänen für eine Rheinlandrepublik Propaganda zu machen. Er kenne Dr. Dorten persönlich, der eine lächerliche Figur sei und von den Rheinländern verspottet werde. Je mehr Frankreich solche Bestrebungen unterstütze, desto mehr entfremde es sich die Gesinnung der Rheinländer, je mehr man die Rheinländer sich selbst überlasse, desto mehr würde Frank­reich sich bei ihnen Sympathien erwerben.

Die Unterhaltung, die stellenweise auf den Botschafter einen sichtlich tiefen Eindruck hervorbrachte, schloß damit, daß der Botschafter Dr. Adenauer dankte, indem er sagte, er hätte sich gefreut, ihn kennenzulernen, und hoffe, daß er bei seiner nächsten Anwesenheit in Berlin an seiner Tür nicht vorüber­gehen würde, ohne ihn wieder zu besuchen.

Der Botschafter begleitete uns bis zur Treppe, und der Botschaftsrat Saint Quentin ging mit uns bis zum Ausgang des Palais. Er sagte vor seiner Verab­schiedung zu Dr. Adenauer, daß dessen Ansicht über Dr. Dorten von ihm geteilt würde, und versicherte Dr. Adenauer, von dessen Einladung, ihn gelegentlich in Köln zu besuchen, gern Gebrauch machen zu wollen.

[eigenh.] J. Hamspohn

Quelle: Aufzeichnung Hamspohns vom 8. November 1920. HAStK 2/105/1. Erstschrift. Abgedruckt in: Erdmann, Karl Dietrich: Adenauer in der Rheinlandpolitik nach dem Ersten Weltkrieg. Stuttgart 1966, S. 293-298.