6. Dezember 1923: Aufzeichnung Adenauers über die Unterredung mit Reichskanzler Marx in Berlin

Heute vormittag 10 Uhr waren Herr Mönnig und ich zusammen bei dem Herrn Reichskanzler Marx in der Reichskanzlei. Ich habe ihn gefragt, ob er es als für Deutschland tragbar ansehe, wenn gleichzeitig die Reparationsfrage in einer annehmbaren Weise gelöst und ein westdeutscher Bundesstaat mit den Rechten und Pflichten der übrigen Bundesstaaten unter Fortfall der Rheinlandkommission und Ersatz der militärischen Besatzung durch eine internationale Gendarmerie zwecks Kontrolle der Entmilitarisierung auf eine Reihe von Jahren errichtet werde. Herr Marx erklärte, daß er diese Lösung theoretisch für sehr gut, aber praktisch nicht für durchführbar halte. Ich habe ihm darauf gesagt, ich hätte Verhandlungen, nicht über Herrn Tirard, ein­geleitet, um festzustellen, ob Frankreich zu einer solchen Lösung bereit sei; falls das der Fall sei, müßten die Verhandlungen in einem gewissen Stadium von der Reichsregierung aufgenommen werden. Herr Marx erklärte, daß nur auf diesem Wege - zunächst private, dann offizielle Verhandlungen - zum Ziele zu kommen sei. Ich habe zugesagt, ihn von dem Fortgange der von mir eingeleiteten Verhandlungen so bald wie möglich unterrichten zu wollen.

Adenauer

H. Mönnig

Quelle: HAStK 2/253/4. Eigenhändig. Abgedruckt in: Erdmann, Karl Dietrich: Adenauer in der Rheinlandpolitik nach dem Ersten Weltkrieg. Stuttgart 1966, S. 327.