19. Januar 1924: Aufzeichnung Adenauers über die Unterredung mit Tirard in Koblenz

Am 19. Januar 1924 war ich auf Ersuchen des Herrn Tirard bei diesem in Koblenz. Er teilte mir folgendes mit:

Er habe mit Herrn Poincaré sich in Verbindung gesetzt wegen Vorbereitung der Reparationsverhandlungen durch Verhandlungen zwischen den Herren Stinnes und Vögler und den französischen Herren. Herr Poincaré habe ihm unter Bezugnahme auf den Fall Rechberg gesagt, er müsse sich davor schützen, daß die Reichsregierung, falls solche Verhandlungen stattfänden, nachher erkläre, die Herren seien Privatpersonen, die sie nichts angingen. Er sei aber bereit, Verhandlungen zur Vorbereitung der Lösung der Reparationsfrage zwischen den Herren Stinnes und Vögler einerseits und Herrn Seydoux und anderen französischen Herren andererseits herbeizuführen, wenn die Herren Stinnes und Vögler durch Herrn von Hoesch als offizielle Verhandler ein­geführt würden. Herr Tirard fügte hinzu, selbstverständlich müßten diese ganzen Dinge vollkommen geheimgehalten werden; auch die Anwesenheit der Herren in Paris dürfe nicht bekanntwerden, ebenso nicht die Tatsache ihrer Einführung durch Herrn von Hoesch.

Ich habe Herrn Tirard erklärt, daß ich dem Herrn Reichskanzler hiervon Mitteilung machen wolle. Herr Tirard sagte weiter, bei Überreichung der Note an die deutsche Regierung über die Herstellung eines modus vivendi an Rhein und Ruhr sei sowohl in Paris wie in Brüssel - in Brüssel von Herrn Präsidenten Jaspar - eine Verbalnote verlesen worden, die er auch gelesen habe. In dieser Verbalnote sei erklärt, daß die Finanzgesetze des Reichs und der einzelnen Staaten im besetzten Gebiete nur dann durch die Rheinlandkommission zugelassen würden, wenn das Reich sich verpflichte, die Besatzungskosten weiter zu zahlen und ferner die durch die Reparations­lieferungen im besetzten Gebiet entstehenden Lasten gleichmäßig auch auf das unbesetzte Deutschland zu verteilen.

Er erklärte weiter, es seien jetzt die sämtlichen Gesetze, die während des letzten Jahres in Deutschland, in Preußen und den übrigen Staaten ergangen seien, ihm vorgelegt worden. Es sei eine Unmenge; sie könnten damit über­haupt nicht fertig werden. Hoffentlich werde der Beirat, den er zu schaffen beabsichtige, bald ins Leben treten, da man dessen Hülfe bei der Beratung der Gesetze gar nicht entbehren könne. Diesem Beirat werde er auch die Frage des wertbeständigen Notgeldes der Stadt- und Landkreise vorlegen. Die Frage der Errichtung des Beirats liege zurzeit noch bei der englischen Regierung in London.

Quelle: HAStK 2/253/7. Aufzeichnung o.D. Erstschrift. Abgedruckt in: Erdmann, Karl Dietrich: Adenauer in der Rheinlandpolitik nach dem Ersten Weltkrieg. Stuttgart 1966, S. 367f.