4. Mai 1950: Unterredung des Bundeskanzlers Adenauer mit dem amerikanischen Hohen Kommissar für Deutschland, McCloy

Das Abendessen bei McCloy im Familienkreise verlief wie immer sehr freundschaftlich. Anschließend an das Essen Aussprache des Herrn Bundeskanzlers mit McCloy, an der auch Riddleberger und ich teilnahmen. Herr McCloy entwickelte in diesem drei Stunden dauernden Gespräch, bei dem ich dolmetschte, seine Besorgnisse hinsichtlich der Demokratisierung Deutschlands. Er verweilte lange bei der Gewerbefreiheit, die er als eine unerläßliche Garantie für eine freiheitlichere Entwicklung in Deutschland bezeichnete. Militärkontrolle und alle sonstigen Garantien für eine Sicherheit bedeuteten nichts, wenn das deutsche Volk sich nicht entschließen könne, endlich sein Leben in Freiheit zu führen.

McCloy sprach im weiteren Verlauf über die Londoner Konferenz, von der man keine allzu großen Ergebnisse erhoffen dürfe. Es sei wohl möglich, daß Deutschland Zugeständnisse auf dem Gebiete des Schiffsbaus gemacht würden. Er hoffe auf eine vernünftige Entschließung hinsichtlich der Höhe der deutschen Stahlproduktion. Amerika werde immer bereit sein, diese heraufzusetzen, wenn der ehrliche Nachweis geführt würde, daß die bisherige Produktionsgrenze infolge des Bedarfs sogar überschritten sei. Er werde sich ferner bemühen, die Frage der Investitionskredite vorwärtszutreiben, die immer noch durch die gegensätzlichen Interessen von England und Amerika in der Schwebe gehalten würden. Er hoffe auch, daß es möglich sei, daß vorbereitende Arbeiten für eine Revision des Besatzungsstatuts in Angriff genommen würden. Im übrigen aber sei die Londoner Konferenz der Überprüfung des Verhältnisses der Westmächte zur Sowjetunion in allen Teilen der Erde gewidmet. Die Frage, die alle sehr beschäftige, sei die Aufrechterhaltung Berlins, denn niemand zweifle daran, daß, wenn Berlin aufgegeben werden müsse, den Russen der erste Einbruch in die westliche Welt gelungen sei. Er hoffe, daß die Bundesregierung die Verpflichtung gegenüber Berlin erfülle und daß es ihr gelinge, auch Zweifel an der Bereitschaft des Finanzministers Schäffer, die in alliierten und deutschen Kreisen Berlins weit verbreitet sei, zu zerstreuen. Im übrigen betrachte er die militärische Lage als nicht unmittelbar gefährdet. Es werde den Amerikanern gelingen, im Laufe dieses oder des nächsten Jahres hinreichende Antitankwaffen neuester Prägung nach Europa hereinzubringen, so daß die Russen sich noch stärker als bisher gehemmt fühlten, ihre Expansion nach Westen auszudehnen. Allerdings sei nicht damit zu rechnen, daß die Vereinigten Staaten im Laufe der nächsten Zeit schon wesentliche Verstärkungen ihrer Truppen vornehmen könnten. Mit Befriedigung stelle er fest, daß das Veto gegen das neue Einkommensteuergesetz habe zurückgenommen werden können. Er hoffe, daß man ebenso mit dem Veto gegen das Beamtengesetz verfahren könne, vorausgesetzt, daß noch gewisse Streitpunkte geklärt würden.

Im übrigen erneuerte er seine Kritik an dem Verhalten des Bundeskanzlers in Berlin (Rede und Deutschlandlied), die eine Spaltung zwischen Bevölkerung und Besatzung einerseits und unter der Bevölkerung andererseits herbeizuführen drohe. Ähnliche Kritik äußerte McCloy wegen der Rede in Bad Ems und wegen der Rede in München. Im großen Ganzen war die Aussprache, wie alle diese Aussprachen mit McCloy, ohne sehr konkretes Ergebnis. Sie zeigte auch wieder, daß McCloy zwar nicht schlecht im Bilde ist, daß er aber doch von den deutschen Verhältnissen noch zu wenig versteht. Ob er je gründlicher über diese Dinge informiert sein wird, vermag ich heute noch nicht zu übersehen. Ich habe das Gefühl, daß er stark beeinflußt ist von gewissen sozialistischen Kreisen aus der Umgebung des Präsidenten Truman.

Quelle: Tagebucheintrag des Leiters der Verbindungsstelle zur Alliierten Hohen Kommission im Bundeskanzleramt, Blankenhorn, in: BArch, NL Blankenhorn N 1351/3, Bl. 252.