23. Mai 1950: Unterredung des Bundeskanzlers Adenauer mit dem Leiter des französischen Planungsamtes, Monnet

Am Dienstag, den 23. Mai, nachmittags 16.30 Uhr fand die erste Aussprache zwischen Herrn Jean Monnet und dem Bundeskanzler über den Schuman-Plan statt. An der Unterredung nahmen außer den Genannten Herr Bérard, Herr Clappier, der Kabinettschef des französischen Außenministers, und ich teil.

Herr Monnet begann seine Ausführungen mit einer Schilderung der Aufnahme des Schuman-Plans in der öffentlichen Meinung der verschiedenen Länder. Die Aufnahme in den Vereinigten Staaten sei außerordentlich zustimmend gewesen. Er erinnere nur an die Stellungnahme des Präsidenten Truman. Aber auch in allen übrigen Ländern, vor allen Dingen England, habe man sich in wachsendem Maße für die Idee des Schuman-Plans ausgesprochen. Das Entscheidende sei bei der ganzen Frage nicht so sehr die Lösung der technischen Probleme, sondern vielmehr die Schaffung einer grundsätzlich neuen geistigen Haltung, aus der heraus allein die Verwirklichung des Plans sich ermöglichen lasse. Europa müsse wieder zu einer vitalen Kraft werden, die die Gegensätze zwischen den verschiedenen europäischen Nationen überwinde und dadurch einen positiven Beitrag für die Fortentwicklung der Welt leiste. Er habe heute seine Gedanken zunächst der Hohen Kommission vorgetragen. Diese habe den Wunsch ausgesprochen, daß die Bundesregierung in einem besonderen Schreiben die Genehmigung zu den bevorstehenden Verhandlungen beantrage. Man habe gleichzeitig auch die Frage erörtert, ob die Hohe Kommission auch durch einen Beobachter an diesen Verhandlungen beteiligt sein solle. Die Hohe Kommission habe sich negativ entschieden.

Es müßten also nun bald beide Länder Delegierte ernennen, die darangingen, eine Charta für die zu schaffende gemeinsame Behörde auszuarbeiten. Hier handele es sich in erster Linie um konstitutionelle Fragen. Alle wirtschaftlichen Teilprobleme würden später zu lösen sein. Der französische Delegierte werde nach Auffassung Herrn Schumans kein Industrieller sein. Er werde unabhängig sein von den politischen Parteien. Die französische Regierung schlage vor, daß folgendes gemeinsames Communiqué in der nächsten Woche herausgeben werde:

"Les Gouvernements ... sont décidés à poursuivre une action commune en vue des objectifs de paix, de solidarité européenne et de progrès économique et social par la mise en commun de leurs productions de charbon et d'acier et l'institution d'une Haute Autorité nouvelle dont et les pays qui y adhéreront.

Les négociations, sur la base des principes et des engagements essentiels figurant dans la proposition française du 9 Mai dernier, s'ouvriront à une date qui sera proposée incessamment par le Gouvernement français, en vue d'aboutir à l'établissement d'un traité qui sera soumis à la ratification des Parlements."

Zu diesem Kommuniqué werde man versuchen, außer der Zustimmung Deutschlands die Zustimmung der Benelux-Staaten und die Zustimmung Englands zu erwirken. Mit den Benelux-Staaten werde am Mittwoch, den 24. Mai, in Paris verhandelt. Gleichzeitig würden Besprechungen mit der britischen Regierung in London stattfinden. Er glaube, daß die Benelux-Staaten keine besonderen Schwierigkeiten machten. Anders werde vielleicht die Lage in England sein, wo die Dominien, das Präferenzsystem und auch die traditionelle Abneigung gegen allen Wechsel vielleicht Schwierigkeiten verursachten. Die Engländer hätten aber die gute Eigenschaft, wenn sie einmal Tatsachen in ihrer Tragweite erkannt hätten, sich schnell anzupassen. Er sei überzeugt, daß, wenn England jetzt gewisse Schwierigkeiten mache, es später sicher an der Verwirklichung des Plans mitwirken werde. Diese Regierungsverhandlungen müßten auf der Basis völliger Gleichberechtigung geführt werden. Das Ergebnis der Verhandlungen würde dann den gesetzgebenden Körperschaften der verschiedenen Länder vorgelegt werden.

Herr Clappier teilte mit, daß Herr Schuman Herrn Monnet zum französischen Unterhändler bestimmt habe und er das volle Vertrauen des französischen Außenministers genieße. Im übrigen mache er in Ergänzung der Ausführungen des Herrn Monnet auf den letzten Abschnitt des Schuman-Plans vom 9. Mai aufmerksam, nach dem der Regelung der Eigentumsverhältnisse der Unternehmer durch die Errichtung der Hohen Behörde nicht vorgegriffen werden dürfe.

Der Bundeskanzler erklärte, er sei kein Techniker. Er stehe auch völlig auf dem Standpunkt, daß der Schuman-Plan in erster Linie eine moralische Angelegenheit sei. Die deutschen und französischen Staatsmänner seien verpfichtet aus innerer Verantwortung gegenüber ihren Völkern, diesen Plan in Gang zu setzen. Der Plan sei in Deutschland enthusiastisch aufgenommen worden. Nur ein verhältnismäßig kleiner Teil der Bevölkerung, nämlich die Sozialdemokraten, fühlten sich zu einer gewissen Opposition verpflichtet. Schon seit 25 Jahren arbeite er an diesen Plänen, Eisen und Kohle als Grundlage einer friedlichen Lösung zwischen Frankreich und Deutschland auszuwerten. Es liege der Bundesregierung völlig fern, in irgendeiner Weise eine Suprematie anzustreben.

Monnet: Europa schulde der Welt einen geistigen Beitrag. Wenn es uns gelänge, die materiellen Ursachen der Kriege zu beseitigen, so würde damit der Beitrag geleistet sein. Es komme dabei darauf an, Europas Charakter, der von der "Diversité" bestimmt sei, zu erhalten.

Bundeskanzler: Er hoffe, daß auch England seine Rolle verstehe und sich bald zur Mitarbeit bereitfinde. Italien und die Beneluxstaaten würden bereit sein. Gewisse Schwierigkeiten ergäben sich aus der Wahl des deutschen Verhandlungsführers. Frankreich habe in der Person Monnets einen idealen Verhandlungsführer zur Verfügung, den Deutschland noch nicht besitze. Er werde einen Mann von hohen Fähigkeiten, ausreichendem Idealismus und der erforderlichen allgemeinen Übersicht über die Wirtschaftsprobleme aussuchen. Er denke dabei in erster Linie an seinen alten Freund [Dannie Heineman], der aber wegen Alters und der fremden Staatsangehörigkeit nicht in Frage komme. Genannt sei ferner Herr Merten, über dessen Eignung die Auffassungen aber etwas auseinandergingen.

Monnet: Er empfehle, daß man bei der Wahl des deutschen Verhandlungsführers mit großer Vorsicht zu Werke gehe. Der Verhandlungsführer müsse zum Bundeskanzler in direkter Verbindung stehen. Die Verantwortung für das Gelingen der Verhandlungen liege in Frankreich bei Herrn Schuman, der ausschließlich die Direktiven geben werde. Die technischen Minister würden in diesem Stadium nicht beteiligt werden.

Bundeskanzler: Er sehe durchaus die politische Bedeutung des Plans und werde die Angelegenheit selbst in die Hand nehmen. Er sei der Auffassung, daß die Angelegenheit schnell in Bewegung gesetzt werden müsse, je schneller desto besser. Er wolle einmal einen Namen für die Delegationsführung in die Debatte werfen. Nach seiner Auffassung sei ein sehr guter Mann der Präsident der Wiederaufbaubehörde, Herr Abs.

Monnet: Die Reaktion der französischen Öffentlichkeit auf die Amerikareise des Herrn Abs sei schlecht gewesen. Er könne von einer Kandidatur des Herrn Abs nur abraten.

[Bundeskanzler:] Eine andere Persönlichkeit, die in Frage komme, sei der frühere Staatssekretär im Reichsfinanzministerium, Herr Schäffer.

Monnet: Er halte Herrn Schäffer für einen ausgezeichneten Mann, der über eine eingehende Kenntnis allgemeiner Wirtschaftsfragen verfüge und dem es auch nicht an Phantasie fehle. Seine erste Reaktion auf diesen Vorschlag sei durchaus günstig.

Bundeskanzler: Ein anderer Name sei der Präsident Bernard von der Bank Deutscher Länder.

Monnet: Es sei besser, keinen Bankier zu wählen. Der Verhandlungsführer müsse völlig unabhängig sein. Dies sei auch für die Gewerkschaften nötig.

Bundeskanzler: Bernard werde auch bei den Gewerkschaften keinen Widerstand finden. Er sei frei von rein bankmäßigen Bindungen.

Monnet: Wenn man die psychologischen Voraussetzungen dazu benutze, könne man hoffen, den Frieden zu erhalten. Leider mache sich in den öffentlichen Meinungen der verschiedenen Länder der Gedanke der Unvermeidbarkeit des Krieges breit. Hiergegen müsse man sich entschieden wenden. Der Schuman-Plan sei ein revolutionärer Akt, der alles verändern könne. Ein solcher Akt sei nur in einer Demokratie möglich und sei in einem totalitären System undenkbar.

Bundeskanzler: Wenn Furcht beseitigt werde, werde Europa wie ein genesender Kranker seine Kräfte wiederfinden.

Monnet: Es gebe ein altes englisches Sprichwort: "The only thing to fear is fear itself." Es gelte, mit dem Plan die Furcht zu überwinden.

Am Ende der Unterhaltung wurde folgendes Pressekommuniqué beschlossen:

"Herr Jean Monnet, in Begleitung von Herrn Bernard Clappier, dem Kabinettschef des französischen Außenministers Herrn Schuman, wurde heute nachmittag vom Herrn Bundeskanzler zu einer längeren Aussprache empfangen.

Herr Monnet hat dem Herrn Bundeskanzler die Ziele und Grundlagen des Vorschlages entwickelt, die am 9. Mai vom französischen Außenminister im Namen der französischen Regierung gemacht wurde. Der Herr Bundeskanzler und Herr Jean Monnet haben völlige Übereinstimmung ihrer Auffassungen festgestellt, besonders auch hinsichtlich des Interesses an einer schnellen Verwirklichung des Vorschlages."

Quelle: Tagebucheintrag des Leiters der Verbindungsstelle zur Alliierten Hohen Kommission im Bundeskanzleramt, Blankenhorn, vom 24. Mai 1950, in: BArch, NL Blankenhorn N 1351/3, Bl. 293-295.