6. Juni 1950: Unterredung des Bundeskanzlers Adenauer mit dem britischen Hohen Kommissar für Deutschland, Robertson

Nachmittags 17 Uhr fand in Rhöndorf eine längere Aussprache zwischen dem Bundeskanzler und General Robertson statt, an der neben dem Dolmetscher Lederer auch ich teilnahm.

Der Bundeskanzler begann die Unterhaltung mit dem Ausdruck seines Bedauerns, daß die britische Regierung ihre Teilnahme an den Verhandlungen über den Schumanplan versagt habe. Er hoffe dringend, daß es der britischen Regierung zu einem späteren Zeitpunkt möglich sein werde, den Verhandlungen beizutreten. General Robertson erwiderte darauf, daß der britische Außenminister Bevin zur Zeit krank sei, daß der Premierminister und Schatzkanzler von London abwesend gewesen seien und daß dies zweifellos die Entscheidung ungünstig beeinflußt habe. Man dürfe die Bindungen Großbritanniens zum Commonwealth nicht unterschätzen. Zweifellos habe auch die Überlegung mitgespielt, daß Großbritannien sich nur schwer bereit finden würde, das höhere Lohnniveau des britischen Arbeiters an den kontinentalen Standard anzupassen. Auch er hoffe jedoch, daß dies nicht das letzte Wort sei, denn die britische Regierung sei sich in zunehmendem Maße ihrer Verantwortung für die europäischen Dinge bewußt.

Der Bundeskanzler behandelte hierauf ausführlich die gegenwärtige militärpolitische Lage in Mitteleuropa und verwandte hierbei die Ausführungen einer Denkschrift, die der General Graf Schwerin vor kurzem für ihn gefertigt hat. Er wies insbesondere auf die Folgen hin, die sich aus einer russischen Invasion ergeben würden. Zweifellos müsse man damit rechnen, daß sich eine erste Welle von 8-10 Millionen Flüchtlingen dem Rhein zu und über den Rhein hinaus bewegen würde, womit sie nicht nur das gesamte Verkehrssystem völlig lahmlegten, sondern auch für die Operationen der alliierten Truppen eine außerordentliche Behinderung darstellten. Es sei dann wohl nach einiger Zeit mit einer zweiten Welle von Flüchtlingen zu rechnen, die sich aus ihren Gebieten nach Westen zu aufmachten, sobald die Russen beginnen würden, die arbeitsfähige Bevölkerung nach Sibirien in die Uranbergwerke abzutransportieren. Er als Bundeskanzler müsse sich seiner Verantwortung ganz klar sein, und nur aus ihr heraus bitte er General Robertson, zu dieser Frage einmal Stellung zu nehmen. Er habe aus der Denkschrift des Grafen Schwerin ferner entnommen, daß die Abwehr einer russischen Invasion nur dann Aussicht auf Erfolg verspreche, wenn Deutschland in gewissem Maße zur Aufrüstung zugelassen werde. Zwischen Rhein und Elbe müßten nach den Berechnungen des Grafen Schwerin 10-12 deutsche Panzerdivisionen aufgestellt sein, die den ersten Stoß der Russen auffangen könnten und die schon allein durch die Tatsache ihrer Existenz dem Russen die Planung eines Angriffs auf Westeuropa erschwerten. Zweifellos sei der Zeitpunkt für eine deutsche Aufrüstung noch nicht gekommen. Man solle aber doch einmal sich überlegen, ob es nicht möglich sei, in Frankreich eine Legion aufzustellen, in die solche deutschen Kräfte, die sich hierzu bereit finden würden, zur Ausbildung aufgenommen werden könnten.

General Robertson antwortete auf diese Ausführungen etwa wie folgt:

Er stimme den Ausführungen des Grafen Schwerin durchaus zu. Zweifellos bedeute es eine außerordentliche Gefahr, wenn die russischen Armeen sich in Marsch setzten. Kein vernünftiger Mensch in England, Amerika und Frankreich zweifle auch daran, daß eine deutsche Aufrüstung notwendig sei - und trotzdem scheue man sich, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, weil diese geradezu wie ein Schock auf die öffentliche Meinung der Welt wirken würden. Zudem würde eine deutsche Aufrüstung vielleicht gerade das, was man durch sie vermeiden wollte, beschleunigen, denn es bestehe dann die Gefahr, daß die Russen, um diese Aufrüstung im Keime zu ersticken, ihre Positionen nach Westen hinausschieben würden. Für ihn und den britischen Generalstab sei zunächst maßgebend, daß die französische Armee, die sich immer noch in einem äußerst schlechten Zustand befinde, so rasch wie möglich mit den nötigen Waffen versehen werde; denn ohne eine leistungsfähige französische Armee würden weder Frankreich noch aber auch die übrigen Länder bereit sein, Deutschland die Aufstellung von militärischen Verbänden zu gestatten. Das Wichtigste sei also zunächst einmal die Belieferung Frankreichs mit ausreichenden Waffen.

Im übrigen könne er aber den Bundeskanzler in einer Hinsicht beruhigen: Nach ihren Beobachtungen der russischen Verhältnisse - und da stimmten die führenden Militärpolitiker Großbritanniens durchaus mit ihm überein -, sei Rußland für einen dritten Weltkrieg wirtschaftlich noch nicht vorbereitet. Es handele sich ja doch nicht darum, daß die russischen Armeen in der Ostzone und in Polen den Befehl erhielten zu marschieren, sondern es handele sich darum, daß Rußland in der Lage sei, einen Krieg wirtschaftlich durchzuhalten, der sich auch nach russischer Überzeugung viele Jahre hinziehen würde. Allerdings hätte Rußland in den letzten Jahren erstaunliche Fortschritte gemacht; zwar genüge es natürlich nicht, daß es die Atombombe erfunden hätte; auch hier bedürfe es für eine ausreichende Produktion dieser Waffe längere Zeit. Deshalb sei er überzeugt, daß eine unmittelbare Gefahr von Rußland in den nächsten ein bis zwei Jahren nicht drohe. Allerdings glaube er, daß mit einer russischen Invasion nach dieser Zeit mit erheblicher Sicherheit zu rechnen sei. Es blieben also wenige Jahre, die von den Westmächten unter allen Umständen genutzt werden müssen, um die Verteidigung des westlichen Europa so wirksam wie möglich zu gestalten.

Die britische Abwehr hätte eine ganze Kette von Tatsachen festgelegt, die, wenn sie nach den Beobachtungen der Intelligence auf russischer Seite eintreten, als rotes Licht gewertet würden und die unmittelbare Gefahr anzeigen. Bis jetzt seien derartige rote Lichter noch nicht zu sehen, und der Bundeskanzler solle sicher sein, daß von dem britischen Intelligence Service täglich diese verschiedenen "Tatsachen" überwacht und registriert würden.

Der Gedanke des Herrn Bundeskanzlers, in Frankreich eine ausländische Legion zu errichten, sei sehr zweckmäßig. Er werde diesen Gedanken mit den leitenden Persönlichkeiten des englischen Generalstabs erörtern. Er glaube, daß man die militärische Bereitschaft in Deutschland Schrittchen für Schrittchen entwickeln müsse, ähnlich wie dies Herr Hitler in so vorbildlicher Weise verstanden habe. Eines dieser Schrittchen sei die Entwicklung des Grenzschutzes, ein anderes die Aufstellung einer deutschen Gendarmerie. Hier sei in Washington mit der Veröffentlichung des deutschen Wunsches zur Errichtung einer Polizei ein unbegreiflicher Fehler passiert. Die Veröffentlichung habe ihm geradezu den Atem verschlagen. - Zweifellos würde aber Deutschland eine Polizei zugestanden bekommen. England sei einverstanden, die Vereinigten Staaten seien es ebenfalls, und nur Frankreich habe noch hinsichtlich der Größe dieser Polizei gewisse Bedenken.

Wie dem Herrn Bundeskanzler vielleicht nicht bekannt sei, verfügten die Alliierten in Westdeutschland über ca. 80.000 Mann Dienstgruppen, deutsche Einheiten, die der Besatzung bei der Durchführung der technischen Aufgaben behilflich seien. Er werde diese Dienstgruppen langsam verbessern, ihnen zunächst einmal bessere Uniformen geben, sie allmählich mit Waffen ausrüsten, ihre Organisation straffer zusammenfassen und sie allmählich zu militärischen Verbänden ausbilden. Hier läge auch eine Möglichkeit, der deutschen Sicherheit zu dienen.

Im ganzen dürfe er zusammenfassend sagen, daß er an einen unmittelbaren russischen Angriff nicht glaube, daß er aber mit einem Angriff in einigen Jahren bestimmt rechne und daß für diesen Fall alles getan werden müsse, damit alle Verteidigungsmöglichkeiten vorbereitet seien.

Zum Abschluß wolle er den Herrn Bundeskanzler bitten, seine Aufmerksamkeit einmal dem Problem der Nationalhymne zu widmen. Deutschland brauche eine Nationalhymne. Er halte es für zweckmäßig, wenn ein interfraktionelles Gremium des Bundestags diese Frage einmal studieren würde. Es gebe so viele gute Texte und so viele würdige Melodien in der deutschen Musik, daß man sich nicht scheuen dürfe, einmal an dieses Problem heranzutreten. Im übrigen sei es ein deutsches Problem. Er habe lediglich darauf hinweisen und eine Anregung geben wollen.

Bei der Verabschiedung sprach General Robertson die Hoffnung aus, der Bundeskanzler möge sich in Zukunft etwas stärker entlasten als bisher; die Krankheit, die er gerade durchgemacht habe, sei deshalb so bedenklich, weil er sich in den letzten Monaten zu viel zugemutet habe. Er dürfe aber nicht vergessen, daß er sich nicht selbst gehöre, sondern daß er eine Verantwortung trage, die über die Grenzen Deutschlands hinausreiche. Er bäte ihn deshalb dringend, seine Kräfte mehr zu schonen als bisher.

Quelle: Tagebucheintrag des Leiters der Verbindungsstelle zur Alliierten Hohen Kommission im Bundeskanzleramt, Blankenhorn, in: BArch, NL Blankenhorn N 1351/5, Bl. 13-15.