7. Juni 1950: Unterredung des Bundeskanzlers Adenauer mit dem amerikanischen Hohen Kommissar für Deutschland, McCloy

Nachmittags 3.30 Uhr fand in Rhöndorf im Hause des Bundeskanzlers eine Unterredung mit dem amerikanischen Hohen Kommissar Mr. McCloy statt. An dieser Unterredung nahm ich ebenfalls teil. Der Bundeskanzler entwickelte in einer längeren Darstellung die am Vortage General Robertson vorgetragenen Gedankengänge über die militärpolitische Lage in Mitteleuropa und die sich daraus für Westdeutschland ergebenden großen Gefahren. Er unterbreitete Herrn McCloy hierbei auch die Vorschläge über eine internationale Legion, die auf französischem Boden aufgestellt und in die freiwillige deutsche Offiziere und Soldaten aufgenommen werden sollten. Eine solche Legion würde den Vorteil haben, daß sie in unauffälliger Weise aufgestellt werden könnte und daß sie von Franzosen nicht beanstandet werden könnte, da sie einmal der eigenen Sicherheit dienen und zum anderen von ihnen jederzeit kontrolliert werden könnte.

Herr McCloy teilte im wesentlichen die Sorgen, die der Herr Bundeskanzler zum Ausdruck gebracht hatte, die militärischen Kräfte in Westeuropa, vor allem in Frankreich seien völlig unzureichend. Fortschritte seien in letzter Zeit leider nur in sehr geringem Umfange gemacht worden. Auf der anderen Seite glaube er nicht, daß die Schaffung einer internationalen Truppe in Frankreich, für die sich eine ganze Reihe führender Franzosen, aber auch englischer Militärs einsetzten, das Problem lösen könne. Es bestehe die Gefahr, daß die Franzosen in ihren Anstrengungen zur eigenen Aufrüstung erlahmten, wenn beachtliche deutsche Kontingente auf französischem Boden gebildet würden. Er glaube, daß es nötig sei, zunächst einmal die nationalen Armeen der westlichen Völker neu aufzubauen, und daß man mit Fortschreiten der Integration der europäischen Staaten in eine Föderation der Schaffung einer internationalen Armee, die auch deutsche Kontingente umfasse, nähertreten könne. So wie die Dinge heute ständen, müsse man damit rechnen, daß die Russen Westeuropa überrennen würden, vorausgesetzt, daß sie dabei die sofort einsetzenden furchtbaren Repressalien der Bombardierung aller russischen Zentren mit Atombomben in Kauf nähmen. Amerika besäße außerdem heute bereits in wachsendem Maße Waffen, mit denen Soldaten der Landstreitkräfte ausgerüstet würden und die sich dazu besonders eigneten, gegen die Panzerkräfte eingesetzt zu werden. Alles komme darauf an, daß Zeit gewonnen würde, damit die vorbereitenden Maßnahmen vorwärtsgetrieben werden könnten. Den Plan des Grafen Schwerin werde er aber mit dem amerikanischen Oberkommandierenden Handy besprechen. Er habe auch keine Bedenken, daß eine Zusammenkunft zwischen Handy und Schwerin stattfinde, werde aber darauf noch zurückkommen.

Das Pfingsttreffen in Berlin habe ihn stark beeindruckt. Es sei den Russen gelungen, 500.000 junge Menschen auf die Beine zu bringen, im ganzen eine Demonstration, die sehr zu denken gebe. Auf der westlichen Seite sei nichts Gleichwertiges vorhanden und er bitte dringend, daß die Bundesregierung sich überlege, wie man die Jugend in ihrer Abwehrkraft gegen die Ideen des Ostens stärken könne, ohne sie dem gleichen militärischen totalitären Zwang zu unterwerfen, wie dies in der Ostzone der Fall sei. Er verfüge über gewisse Gelder, und er sei gerne bereit, so wie er es bereits oft getan habe, Jugendverbände aller Art, Pfadfinder ebenso wie Verbände kirchlichen Gepräges, mit Geldmitteln zu fördern. Er bitte um Vorschläge. Der Bundeskanzler teilte die Auffassung des amerikanischen Hohen Kommissars und betonte mit Nachdruck, daß die Bundesregierung bis jetzt für die Jugend immer noch zu wenig getan habe. Man müsse die Kriegerwaisen, die sich zum Teil in einer hoffnungslosen Lage befänden, wirksam unterstützen. Man müsse die Jugendverbände und die Jugendherbergen soweit irgend möglich fördern und man müsse sehen, daß man durch eine geschickte Aufklärung die Jugend noch mehr als bisher für den europäischen Gedanken westlicher Prägung begeistere. Er behalte sich vor, Herrn McCloy entsprechende Anregungen und Vorschläge zuzuleiten.

Beide Herren besprachen dann eine Reihe von laufenden Angelegenheiten, die in diesem Zusammenhang nicht erwähnt zu werden brauchen.

Quelle: Tagebucheintrag des Leiters der Verbindungsstelle zur Alliierten Hohen Kommission im Bundeskanzleramt, Blankenhorn, in: BArch, NL Blankenhorn N 1351/5, Bl. 16f.