8. Juni 1950: Unterredung des Bundeskanzlers Adenauer mit dem französischen Hohen Kommissar in Deutschland, François-Poncet

Gegen Abend lange Aussprache zwischen Herrn François-Poncet und dem Bundeskanzler.

Der Bundeskanzler macht im großen und ganzen die gleichen Ausführungen wie bei den Gesprächen mit McCloy und General Robertson. Er legt besonderen Nachdruck auf die Beurteilung der militärpolitischen Lage in Westeuropa, wie sie sich aus dem Bericht des Generals Graf Schwerin ergibt, und regt bei François-Poncet an, sich zu dem Gedanken einer Bundespolizei und einer etwaigen internationalen Legion in Frankreich zu äußern.

François-Poncet bedauert zunächst die Veröffentlichung, die von amerikanischer Seite über eine Bundespolizei gemacht worden ist. Er könne nur betonen, daß der Bundesregierung vielleicht die Möglichkeit gegeben werden würde, den Zoll- und Grenzschutz um etwa 11.000 Mann zu verstärken. Außerdem würden sich die Alliierten wohl bereitfinden, eine Polizei in Höhe von 5.000 Mann für die Bundeshauptstadt zu genehmigen. Eine Gendarmerie in Stärke von 25.000 Mann überschreite jedoch das im gegenwärtigen Moment Erreichbare; denn sowohl die Außenminister als auch alle Fachleute würden in einer solchen Kraft den ersten Ansatz zu einer deutschen Armee sehen. Er persönlich glaube, daß Rußland in einer Frist von ein bis zwei Jahren noch nicht bereit sei, sich nach Westen auszudehnen. Es sei eine kurze Spanne, die von den Alliierten unter allen Umständen dazu benutzt werden müßte, um die militärischen Kräfte in Mitteleuropa zu reorganisieren. Frankreich verfüge heute im ganzen über 500.000 Mann. Von diesen 500.000 Mann stünden aber etwa 120.000 Mann im Kampf in Indochina und würden dort so gut wie völlig verbraucht. Auf dem Kontinent stünden etwa 80.000 Mann, in Nordafrika noch 150.000 Mann. Der Rest sei Verwaltung und technisches Personal. Dies sei sehr wenig, um die Russen wirksam zu bekämpfen, um so mehr, als diese Einheiten bis heute noch nicht über ausreichende moderne Waffen verfügten. Denn - wie der Bundeskanzler wisse - Frankreich sei arm; die sozialen Lasten drückten sehr und hätten vor den Ausgaben für die Ausrüstung den Vorrang. In Anbetracht dieser Situation müsse man alles vermeiden, was den Russen unnötig reizen könne, und deshalb sei er nicht einverstanden mit den gelegentlichen Schärfen der amerikanischen Politik an die Adresse Rußlands.

Der einzige Weg sei der Zusammenschluß Europas. Dieser könne nur in folgenden Etappen vor sich gehen: Es müsse zunächst die nötige wirtschaftliche Basis gelegt werden, und darauf bauten sich der politische und schließlich auch der militärische Zusammenschluß auf. Eben sei man im Begriff, den wirtschaftlichen Zusammenschluß einzuleiten, und er hoffe, daß der politische und militärische in Kürze darauf folgen werde. Dann sei auch der Moment gekommen für Deutschland, daß Deutschland ein nennenswertes Kontingent in die zu bildende europäische Armee entsende. Gewiß sei die Unzufriedenheit unter den Offizieren und Mannschaften des früheren deutschen Heeres begreiflich. Hier könne nur helfen, daß man den Offizieren und Unteroffizieren, soweit sie nicht mehr arbeitsfähig sind, eine auskömmliche Pension zahle. Andere Möglichkeiten, sie zu befriedigen, sehe er zur Zeit nicht.

Quelle: Tagebucheintrag des Leiters der Verbindungsstelle zur Alliierten Hohen Kommission im Bundeskanzleramt, Blankenhorn, in: BArch, NL Blankenhorn N 1351/5, Bl. 18.