29. März 1951: Aufzeichnung über den Besuch des britischen Parlamentarischen Unterstaatssekretärs für Auswärtige Angelegenheiten, Lord William W. Henderson, bei Bundeskanzler Adenauer in Rhöndorf

Lord Henderson drückte dem Herrn Bundeskanzler eingangs sein Bedauern über seine derzeitige Unpässlichkeit aus. Der soeben aus dem Amt geschiedene Außenminister Bevin habe ihn in seiner letzten Unterredung gebeten, dem Herrn Bundeskanzler mitzuteilen, wie sehr er es bedauere, dass er sein Versprechen, Deutschland zu besuchen, nicht mehr habe einlösen können. Er habe ferner den Auftrag, vom neuen Außenminister Morrison eine Botschaft des guten Willens zu überbringen und gleichzeitig Morrisons Besuch zu einem sehr baldigen Zeitpunkt anzukündigen.

Der Herr Bundeskanzler bedauerte ebenfalls, dass es ihm nun nicht mehr möglich gewesen sei, Außenminister Bevin noch einmal zu sehen. Er habe ihn vor zwei Jahren das erste Mal getroffen und in ihm einen aufrechten Verfechter seiner Ideen bewundert. Er wisse aber auch, dass Außenminister Morrison ein gutes Verhältnis zu Deutschland habe, und hoffe sehr, dass dieses gute Verhältnis auch nach außen hin in Erscheinung treten möge. Wir haben, so fuhr der Herr Bundeskanzler fort, die europäische Linie, über die er seinerzeit mit Außenminister Bevin gesprochen habe, weiter fortgesetzt. Als Ergebnis dieser Politik sei der Schuman-Plan paraphiert worden, und über den Pleven-Plan werde verhandelt. Sir Ivone Kirkpatrick habe ihm bereits vor längerer Zeit gesagt, wenn der Schuman-Plan fertig sei, würde sich auch Großbritannien in seiner Nähe bewegen. Dürfte er wohl fragen, wie sich Großbritannien heute dazu stelle.

Lord Henderson entgegnete, die britische Haltung zum Schuman-Plan sei unverändert. Aus den bekannten Gründen halte sich Großbritannien vorerst abseits. Es habe auch in die Verhandlungen nicht eingegriffen, um sie nicht zu präjudizieren oder abträgliche Einflüsse auszuüben. England warte ab, was bei dem Schuman-Plan herauskommen werde. Vielleicht würde es die Regierung später für nötig befinden, sich der neu entstehenden Situation anzupassen. Vorerst müsse der Schuman-Plan jedoch geprüft werden, und erst nach Abschluss dieser Prüfung könne man sehen, wie weit man sich ihm anschließen könne.

Hierauf entgegnete der Herr Bundeskanzler, er habe den Eindruck, Großbritannien dürfe bei dem nun angelaufenen Zusammenschluss Europas nicht beiseite stehen, sondern müsse auf allen wichtigen Gebieten seine Auffassung von Beginn an zur Geltung bringen.

Lord Henderson erklärte hierzu, er wolle noch einmal den Punkt herausstellen, der England den Beitritt zum Schuman-Plan und ähnlichen Vertragswerken unmöglich mache. Großbritannien sei nicht in der Lage, eine supranationale Behörde hinzunehmen. Dies habe es bei allen möglichen Gelegenheiten öffentlich verkündet, und daran halte es auch heute nach wie vor fest. Habe man aber erst einmal das Schema des Schuman-Plans einer eingehenden Prüfung unterzogen, dann könne der Gedanke eines losen Anschlusses gegebenenfalls in Erwägung gezogen werden. Großbritannien habe jedenfalls bei den Verhandlungen daran festgehalten, sich nicht einzumischen, die Partner soviel wie möglich zu ermutigen und die gemeinsamen Werte der europäischen Völker stets herauszustellen; es habe seine eigene Auffassung von einer Integration Europas, nicht auf dem Wege über eine supranationale Behörde, sondern durch eine so eng wie möglich gestaltete Zusammenarbeit zwischen den europäischen Völkern mit dem Ziel der Erhaltung unserer gemeinsamen demokratischen Lebensformen. An diesem Ziel halte England unverrückbar fest, und der Herr Bundeskanzler dürfe ihm glauben, dass es durch keinerlei Erwägungen kontingenter Art davon abzubringen sei.

Der Herr Bundeskanzler dankte Lord Henderson für seine offenen Ausführungen und erklärte ihm, er wisse wohl, dass dies nicht nur die Haltung der Regierung, sondern auch der Opposition sei. Seine Einwände seien jedoch von der Besorgnis eingegeben, bei der sich nun anbahnenden Entwicklung in Westeuropa könne Großbritannien abseits stehen. Der Schuman-Plan habe zu einer praktischen Gemeinschaft auf dem Gebiet von Eisen und Kohle geführt. Der Pleven-Plan werde ebenfalls eine praktische Gemeinschaft auf dem Gebiet der Verteidigung verwirklichen. Damit sei in zwei wesentlichen Punkten, nämlich auf dem Gebiet der Grundindustrien und der Verteidigung, eine gemeinsame Grundlage der europäischen Völker geschaffen worden, die auch für Großbritannien tragbar sei. Es müsse seiner Ansicht nach daher versuchen, einen Weg zu finden, seine bisherige Stellungnahme abzuändern, ohne seinen Prinzipien untreu zu werden.

Lord Henderson bat den Herrn Bundeskanzler, ihm zu glauben, dass Mr. Bevin dem Gedanken eines föderierten Europas immer mit Sympathie gegenübergestanden habe. England selber bevorzuge jedoch die funktionelle Methode der europäischen Integration. Wenn der Herr Bundeskanzler ihm gestatte, noch einmal den Schuman-Plan und den Pleven-Plan zu zitieren, so wolle er sagen, seine einfache Antwort auf die Gedankengänge des Herrn Bundeskanzlers sei die, dass auch diese beiden Pläne keine funktionelle Lösung darstellten, insofern, als auch ihr Funktionieren von der Errichtung einer supranationalen Behörde abhängig sei. Großbritannien sei jedoch nicht bereit, seine nationale Souveränität aufzugeben. Wenn andere Nationen ihre eigenen Schuman- oder Pleven-Pläne aufstellen wollten, würde ihnen Großbritannien seine Sympathien nicht versagen, wenn diese Pläne nur durchführbar seien. Es würde immer versuchen, sich mit ihnen zu identifizieren.

Hierzu bemerkte der Herr Bundeskanzler lächelnd, wer ein Omelett backen wolle, müsse vorher die Eier dazu zerschlagen. Mr. Sandys habe sich vor einiger Zeit ihm gegenüber ähnlich geäußert. Habe aber nicht England, indem es das Haager Gericht und einen internationalen Schiedsspruch für Ägypten anerkannte, sich ebenfalls eines Teils seiner Souveränität begeben?

Lord Henderson verneinte dies. Ein internationaler Gerichtshof sei nicht mit einer supranationalen Behörde auf politischem Gebiet zu vergleichen. Obwohl er wisse, dass er den Herrn Bundeskanzler nicht überzeugen könne, wie der Herr Bundeskanzler auch ihn nicht überzeuge, sei es vielleicht lohnend, einmal die Ausgangspunkte festzuhalten, weil sich daraus ihre verschiedenen Auffassungen ergäben. Der Herr Bundeskanzler glaube an eine föderative Lösung in der Frage der europäischen Integration, während Großbritannien von der Richtigkeit der funktionellen Methode und der als Vorbedingung dazu erforderlichen Zusammenarbeit der verschiedenen Regierungen überzeugt sei. Eine solche Zusammenarbeit führe es bereits im Rahmen der OEEC und des Atlantikpakts durch. Das Beispiel vom Omelett sei sicherlich auf verschiedene Lebensbezirke sehr gut anwendbar. Hier käme es jedoch in erster Linie darauf an, den Tatsachen ins Auge zu sehen. So habe denn auch der Herr Bundeskanzler klar erkannt, dass Regierung sowohl wie Opposition gegen einen Verzicht auf Souveränitätsrechte seien. Beide verbinde die ablehnende Haltung gegenüber dem Prinzip, das den Abschluss des Schuman-Plans herbeigeführt habe. Was die Zukunft bringe, sei ungewiss, aber nach dem jetzigen Stand der Dinge zu urteilen, würde sich Großbritannien niemals an derartigen Einrichtungen, wie sie der Schuman-Plan schaffe, beteiligen.

Der Herr Bundeskanzler äußerte nochmals sein Bedauern darüber, dass England bei der Integration Europas, die durch Schuman-Plan und Pleven-Plan angelaufen sei, abseits stehe, er habe den Eindruck, dass ohne die Beteiligung Großbritanniens ein wichtiger Faktor fehle. Er wolle jedoch die Hoffnung noch nicht aufgeben, dass Großbritannien vielleicht einige Grundsätze über Bord werfe, um sich dem gemeinsamen großen Werk doch noch anschließen zu können.

Lord Henderson erklärte, er habe die klaren und sachlichen Ausführungen des Herrn Bundeskanzlers gut verstanden und sei dafür dankbar. Er hoffe jedoch, der Herr Bundeskanzler glaube nicht, England sei gegenüber dem Schicksal und den Ansichten eines Vereinigten Europas gleichgültig. Es genüge vielleicht, sich die hervorragende Rolle Mr. Bevins noch einmal vor Augen zu führen, die dieser im Sinne einer Integration Europas wiederholt übernommen habe. So sei beispielsweise die schnelle Verwirklichung der Marshallhilfe einer Initiative Bevins zu verdanken. Bevin gebühre der Ruhm, die Brüsseler Konferenz, den Brüsseler Pakt und die Nordatlantikorganisation in rascher Folge veranlasst zu haben. Es genüge nicht nur, an Westeuropa zu denken, man müsse auch an die atlantische Gemeinschaft denken. Beide Begriffe, Westeuropa und atlantische Gemeinschaft, müssten sich gegenseitig durchdringen. Auf allen Gebieten, in denen England seine Zusammenarbeit in Westeuropa und der Atlantikpaktorganisation betreibe, halte es immer an der hohen Zielsetzung der Festigung der demokratischen Lebensordnung in Europa fest. Die Zusammenarbeit der europäischen Völker sei sicherlich ein wichtiges Mittel, die politische und wirtschaftliche Entwicklung im Sinne einer Integration voranzutreiben. Genau besehen, bestehe daher kein wirklicher Unterschied weder im Geist noch in der Zielsetzung zwischen der britischen und der kontinentalen Methode. Auch das letzte Ziel der Engländer sei ein voll integriertes Westeuropa.

Der Herr Bundeskanzler betonte, er habe nie daran gezweifelt, dass auch Großbritannien dieses Ziel vorschwebe, er halte es nur für wesentlich, dass England in der europäischen Entwicklung von vornherein die Rolle spiele, die ihm auf Grund seiner Lebensform, seiner Politik, seines Denkens und seiner Methode gebühre.

Lord Henderson erklärte, er sei den Ausführungen des Herrn Bundeskanzlers genauestens gefolgt und habe volles Verständnis dafür; im Anschluss daran wiederholte er so ziemlich noch einmal seine eigenen Gedankengänge und unterstrich dabei, dass mannigfaltige Wege zum gleichen Ziel führen könnten. Es sei Englands feste Absicht, für die Entwicklung eines demokratischen Europas den vollsten Beitrag zu leisten, dabei wolle es sich jedoch nicht unter den Schirm (umbrella) einer supranationalen Behörde stellen.

Der Herr Bundeskanzler erkundigte sich im Anschluss an diese Ausführungen nach dem Befinden von General Robertson, dem es, wie Lord Henderson versicherte, auf seinem neuen Posten im Mittleren Osten ausgezeichnet gehe. Anschließend daran bekundete Lord Henderson noch sein persönliches Interesse, wie er sagte, an der bevorstehenden Aufnahme der Bundesrepublik als gleichberechtigtes Mitglied in den Ministerausschuss des Europarats. Er wisse nicht, ob der Kanzler an ihr Gespräch vor zwei Jahren eine so lebendige Erinnerung bewahrt habe wie er. Jedenfalls habe er damals dem Herrn Bundeskanzler den baldigen Beitritt zur Generalversammlung des Europarats vorausgesagt und nun die Genugtuung gehabt, diese Voraussage nach knapp einem Jahr in Erfüllung gehen zu sehen. Ehe ein anderes Jahr herum sei, werde die Bundesrepublik nun auch in den Ministerausschuss aufgenommen. Seinerzeit habe er schon dem Herrn Bundeskanzler gesagt, man könne zwar sein Ziel festlegen, aber nicht einen Stundenplan für die einzelnen Etappen der Verwirklichung, und er entsinne sich genau der Antwort des Herrn Bundeskanzlers: ich verstehe es, Geduld zu üben. Was damals Plan und Idee gewesen sei, habe jetzt Früchte getragen. Darüber freue er sich und wolle nicht unterlassen, dem Herrn Bundeskanzler seine Genugtuung darüber zum Ausdruck zu bringen. Er sei ihm ungemein dankbar, dass er trotz seiner Unpässlichkeit Zeit gefunden habe, ihn zu empfangen und alle die ihn interessierenden Dinge mit ihm zu besprechen. Er denke gern an seine erste Begegnung mit dem Herrn Bundeskanzler bei dessen erstem Zusammentreffen mit Mr. Bevin im Hause von General Robertson in Ostenwalde und freue sich schon auf sein nächstes Zusammensein mit dem Herrn Bundeskanzler, wenn er, wie er hoffe, Außenminister Morrison auf seiner Deutschlandreise begleite.

Hiermit Herrn Ministerialdirektor Blankenhorn vorgelegt.

Bonn, den 31. März 1951

Noack

Quelle: StBKAH III/96.