17. Oktober 1951: Gespräch des Vorsitzenden des Rats der EKD Otto Dibelius mit Bundeskanzler Adenauer in Köln

Nachdem die Unterhaltung lange bei den parlamentarischen Vorgängen der letzten Tage in Bonn verweilt hatte, stellte ich kurzerhand die Frage, was sich in Bezug auf die Wiedervereinigung Deutschlands entwickelt habe. Das gab dem Bundeskanzler Anlass zu grundsätzlichen Ausführungen über seine Politik. Er sagte etwa Folgendes:

Der Gedanke an eine waffenlose Neutralisierung Deutschlands sei völlig unrealistisch. Ein solches Deutschland würde dem Zugriff des Ostens oder des Westens - vermutlich des Ostens - mit Sicherheit zum Opfer fallen. Die Einheit Deutschlands sei nur zu erreichen auf dem Wege über die Wiederherstellung der Souveränität, also zunächst des Westens, und des Eintritts in das europäische Verteidigungssystem. Wenn sich Russland einer so geschlossenen Macht gegenübersehe, werde es schließlich das Interesse an einem doch nicht kommunistisch zu machenden Ost-Deutschland verlieren u[nd] werde sich seinen ungeheuren inneren Aufgaben zuwenden - dies um so mehr, als der Lebensstandard in Russland eben doch sehr erbärmlich bleibe und den Russen zur Führung eines langen Krieges das Öl fehle. Weder Baku noch Rumänien könnten liefern, was ein solcher Krieg brauche.

Jedenfalls dürften die Verhandlungen zwischen Deutschland u[nd] den westlichen Alliierten durch nichts [gestört] werden. Diese Verhandlungen seien sehr schwierig. Die Außenminister-Konferenz in San Franzisko habe nur einen einzigen Tag gedauert u[nd] habe 13 Punkte gehabt, unter denen die Deutschland-Frage aber nur ein einzelner gewesen sei. Den Oberkommissaren [sic!] sei darüber nur kurz Mitteilung gemacht worden. Dann seien sie auseinandergegangen u[nd] hätten sich erst jetzt in Deutschland zur ersten Verhandlung mit ihm, dem Bundeskanzler, wieder zusammengefunden. Auf die ersten Mitteilungen über die Beschlüsse von S[an] Franzisko habe Adenauer nur antworten können: „Meine Herren, Sie werden vergebens einen deutschen Bundeskanzler suchen, der solchen Bedingungen seine Zustimmung gibt!" Man sei in eisiger Atmosphäre auseinandergegangen. Bei der 2. Besprechung sei man sich ein klein wenig näher gekommen. Gegenwärtig stünden die Verhandlungen folgendermaßen.

Von Deutschland werde ein Kontingent für die Europa-Armee in Stärke von etwas über 400.000 Mann erwartet. Dies Kontingent solle so aufgebracht werden, dass zunächst etwa 50.000 Mann aufgrund von freiwilligen Meldungen anzuwerben seien. Dafür werde der bestehende Fabrikschutz die Hälfte stellen, vielleicht noch mehr. Dann werde die allgemeine Wehrpflicht kommen. Diese werde von einem Gesetz über die [Conscientious objectors] begleitet sein, über das man die Meinung der Kirchen einholen werde. Ein starkes Echo für die Gegen-Agitation befürchtet der Kanzler nicht. Von den Parteien werde diese Gegen-Agitation vermutlich nicht gestützt werden, und der Jahrgang 32, um den es sich [wohl] zunächst handeln werde, denke bereits anders als die Studentenschaft von heute.

Die politische Gefährdung für diese Konzeption sah der Kanzler in einem doppelten Sorgen-Komplex:

Zunächst sei es immerhin nicht ausgeschlossen, dass sich die amerikanische Öffentlichkeit, wenn es zu viele Schwierigkeiten gebe, eines Tages an Europa desinteressiere und sich mit Russland aufgrund eines fernöstlichen Kuhhandels verständige. Das würde das Ende Deutschlands bedeuten.

Sodann sei Frankreich bisher nur unter amerikanischem Druck dazu zu bewegen gewesen, Deutschland eine gleichberechtigte Partnerschaft in der Europa-Planung zuzugestehen. Es sei nicht von der Hand zu weisen, dass ein Spiel, wie es mit Briand nach dessen Verständigung mit Stresemann getrieben worden sei, sich in Bezug auf Schuman wiederholen könne. Infolgedessen drängten die Amerikaner auf schleunigste Erledigung der ganzen Sache, bevor auch in Amerika die Präsidentenwahl alles politische Interesse in sich [verschlinge].

Vorläufig würden die amerikanischen-britischen Streitkräfte in Deutschland vermehrt. England stelle 10 Divisionen zu 18.000 Mann und 4 Panzer[-Divisionen] in erheblich größerer Stärke. Amerika stelle das [Entsprechende], sodass bis zum Ende des Jahres 500.000 Mann Europa-Armee in Deutschland stehen würden.

Auf Befragen erklärte der Bundeskanzler wieder, dass ein Geheimprotokoll - das am Tage danach in der West-Presse veröffentlicht wurde - ihn darüber ganz sicher gemacht habe, dass es den Russen bei der Grotewohl-Aktion lediglich auf die Eröffnung von Verhandlungen angekommen sei, die nach dem Muster von Korea ins Endlose gezogen werden sollten, um [derweilen] den westlichen Gegner zu ermüden u[nd] vor allem die französische Opposition zu beleben. Um wirkliche Wahlen sei es den Russen niemals gegangen.

Die Rede des SPD-Abgeordneten Lütkens sei ihm deshalb so unangenehm gewesen, weil alle seine Verhandlungen darauf basierten, dass die Teilnahme Deutschlands an einer gemeinsamen Verteidigung die Wiederherstellung der vollen Souveränität - nicht [die] einer inneren Autonomie - zur Voraussetzung habe. Er werde [dies] sein Ziel zwar vielleicht nicht hundertprozentig erreichen, ihm aber doch sehr nahe kommen.

Es war unverkennbar, dass die Überlegungen des Bundeskanzlers nach dem Westen hin sehr eindringend und gründlich gewesen sind, dass aber von den Problemen des Ostens ein Gleiches nicht gesagt werden kann. Die Frage z.B., was für Kandidaten die CDU bei gesamtdeutschen Wahlen im Osten aufstellen könne - die liberalen Parteien nicht minder -, ob also Nuschke oder Kaiser, war von ihm noch nicht durchdacht. Er rechnet offensichtlich mit der Realisierung solcher Wahlen für längere Zeit überhaupt nicht. Auch auf die naheliegenden Einwände, ob der imperialistisch gewordene Kommunismus sich jemals freiwillig wieder auf Aufgaben des inneren Aufbaus zurückziehen könne, ging er nicht ein.

Quelle: BArch, Nachlass Otto Dibelius, N 14393/3.