4. Dezember 1951: Besprechung zwischen Bundeskanzler Adenauer und dem britischen Premierminister Churchill in London (Auszug)

Bundeskanzler: Die Sowjetunion ist gegen die Integration der Bundesrepublik in Europa. Um dies zu verhindern, unternehmen die Sowjets alle möglichen Winkelzüge. Durch gesamtdeutsche Wahlen wollen Sowjets die Integration der Bundesrepublik verhindern. Eine Integration Europas ohne Deutschland ist nicht möglich. Ich bin für Westeuropa und die Integration Deutschlands in Westeuropa. Unter diesem Gesichtspunkt begrüße ich den Schuman-Plan. Der Schuman-Plan gibt Deutschland keine besonderen Vorteile, im Gegenteil, Deutschland muss vorweg leisten. Dasselbe gilt auch für den Pleven-Plan. Das Entscheidende ist ein Zusammengehen zwischen Deutschland und Frankreich. Ich will keine nationale deutsche Armee. Diesen Grundsatz habe ich immer vertreten. Die deutschen Kräfte müssen in die europäische Armee eingegliedert werden.

Einwurf Churchills: Also aufgeben!

Bundeskanzler: Ich bin mir der besonderen Lage Englands bewusst. In Frankreich sind gewisse Kreise besorgt in dem Gedanken, mit Deutschland allein zu tun zu haben. Daher sind sie für eine Teilnahme Großbritanniens. Ich glaube, dass eine starke Sympathie für die europäische Einigung seitens Großbritanniens ausreichend ist. Wenn der Westen stark ist, ist eine Entspannung ohne Krieg möglich.

Churchill stimmt dem zu.

Bundeskanzler: Man kann aber niemals ganz sicher sein und muss seine Vorkehrungen treffen.

Churchill: Die Entspannung wird langwierig sein.

Bundeskanzler: Der Druck vom Osten wird lange Jahre bestehen bleiben.

Churchill stimmt dem zu.

Bundeskanzler: Das beste Mittel für die Erhaltung des Friedens ist der feste Zusammenhalt Westeuropas. Ich bin etwas enttäuscht über Mr. Morrison's Bemerkung vom guten Nachbar. Ich war betroffen, dass wir nur Nachbarn sind.

Churchill: Mit Europa, aber nicht in Europa.

Bundeskanzler: In Europa ohne Paragraphen. Die Erfahrung Großbritanniens muss Europa zugute kommen. Es ist ausreichend, wenn Großbritannien sagt, wo seine Sympathien liegen.

Churchill: England muss das Gleichgewicht herstellen. Deutschland ist stärker als Frankreich. Sorge Frankreichs vor einem Angriff Deutschlands. Dann würden wir uns auf die Seite Frankreichs stellen. Ich nehme allerdings nicht an, dass es passieren wird.

Bundeskanzler: Diesen Gedanken darf man gar nicht aussprechen. Ich bitte, Deutschland zu vertrauen. Deutschland ist manchmal schwer richtig einzuschätzen. Der Deutsche neigt zum Extremen. Er ist oft zu theoretisch. Wir haben aber teueres Lehrgeld gezahlt. Die Deutschen sind nicht mehr in der alten Mentalität befangen. Jetzt müssen sich Deutschland und Frankreich zusammenschließen. Dies muss in den nächsten zwei Jahren geschehen. Deutschland ist eine Masse, die zu formen ist. Es kommt darauf an, ob von guten oder schlechten Händen.

Churchill: Es ist nicht möglich, die nationalen Gefühle ganz auszumerzen. Frankreich und Deutschland müssen zusammenwirken. Truppen müssen unter dem Klang der Marseillaise und der Wacht am Rhein zusammenmarschieren.

Eden: Wir hoffen auf eine europäische Armee. Wir werden ihr zur Seite stehen. Wir gehen mit, ohne ganz dasselbe zu sein. Churchill ist der Vater des Vereinigten Europas.

Churchill: Meine Grundauffassung, warum ich für ein Vereinigtes Europa bin, ist, dass Deutschland und Frankreich Freunde sein müssen. Großbritannien wird mit zu dieser deutsch-französischen Freundschaft beitragen. Deutschland ist stärker als Frankreich. Das Gleichgewicht wird mit Englands Hilfe hergestellt werden.

Bundeskanzler: Überschätzen Sie Deutschland nicht, auch wir haben Schwächen.

Churchill: Ich weiß, Sie haben 9 Millionen Flüchtlinge. Was Sie geleistet haben, ist wunderbar.

Bundeskanzler: Die größte Gefahr ist der Osten, die Sowjetunion. Außerhalb Deutschlands haben die Menschen keine Vorstellung, wie die Sowjetunion die Bundesrepublik zu unterminieren versucht. Der kommunistischen Partei Deutschlands stehen monatlich 20 Millionen DM zur Verfügung.

Eden: Deutschland braucht nicht zu befürchten, an die Sowjetunion verkauft zu werden. England wird nur im Einverständnis mit der Bundesrepublik handeln.

Churchill: Wir werden Euch nicht verraten.

Eden: Wir werden die Bundesrepublik nicht preisgeben, um einen Frieden mit der Sowjetunion zu erlangen. Eine Verständigung mit der Sowjetunion wird nur mit Ihrem Einverständnis erfolgen.

Churchill: Wenn der Westen stärker ist, wird die Sowjetunion vielleicht zurückweichen und eine Vereinigung Deutschlands zulassen. Keine Verständigung mit der Sowjetunion auf Kosten Deutschlands. Aus einem Verrat kann nur falsche Freundschaft wachsen.

Bundeskanzler: Wir können also auf die Unterstützung Großbritanniens rechnen.

Churchill: Wir stehen zu unserem Wort. Warum hat sich die Sowjetunion so töricht benommen, warum nur? Die Sowjets fürchten unsere Freundschaft mehr als unsere Feindschaft. Der Konflikt mit uns würde ihren Zusammenbruch herbeiführen. Die Berührung der Bewohner der Sowjetunion mit dem Westen würde das Ende des [...] Systems bedeuten.

Bundeskanzler pflichtet dem bei: Der Kommunismus ist erledigt, wenn die Bevölkerung mit der freien Welt in Berührung kommt. Die Sowjetunion ist mit einer chinesischen Mauer umgeben. Die Kommunisten sind klug. Sie wissen, warum sie für die Abschnürung sind.

Churchill kommt auf die Oder-Neisse-Linie zu sprechen: Es ist für Deutschland ein Fehler, jetzt von der Oder-Neisse-Linie zu reden. Die Alliierten hätten immer an die andere Neisse gedacht. Er könne die Versicherung abgeben, dass dies bei der künftigen Friedensregelung geklärt werden würde. Man sollte diese Frage jetzt nicht aufwerfen.

Bundeskanzler: Wir sprechen im Augenblick auch nicht davon. Wir wollen abwarten, bis es soweit ist.

Auf eine Frage Churchills erklärt der Bundeskanzler, dass ein gutes Verhältnis zwischen Deutschland und Polen möglich ist. Churchill nicht erfreut.

Eden wirft ein: Wenn Deutschland seine Nachbarn in Schrecken versetzt, so spielt es der Sowjetunion in die Hände. Die Satellitenstaaten werden dann durch die Angst vor Deutschland zusammengeschweißt.

Bundeskanzler weist auf eine positiv verlaufende Zusammenkunft junger Deutscher und Polen hin.

Eden spricht sich dafür aus, [...] den Vereinten Nationen den Kontakt mit Polen und den Satellitenstaatenstaaten zu pflegen.

Bundeskanzler weist darauf hin, dass in Polen die Mehrzahl der Bevölkerung gegen das sowjetische System eingestellt sei.

Eden stimmt ihm zu.

Bundeskanzler weist auf die andersgearteten Verhältnisse in der Tschechoslowakei hin, wo kein nennenswerter Widerstand bestehe.

Churchill: Die Tschechoslowakei stand 400 Jahre unter der Herrschaft von Europäern.

Bundeskanzler unterstreicht auch seinerseits, dass die Polen ein stärkeres Nationalgefühl haben.

Churchill erklärt, die Polen sind nur schwer umzubringen. Sodann fährt er fort: Haben Sie volles Vertrauen zu England, wir werden nicht hinter Ihrem Rücken Geschäfte machen.

Bundeskanzler: Ich habe immer Vertrauen gehabt zu Großbritannien. Ich danke für diese Erklärung.

Churchill: Verlassen Sie sich darauf. Die Friedenssehnsucht ist bei allen Menschen groß, ebenso die Angst vor der Sowjetunion. Man muss die Tür offen lassen zu einer Verständigung mit der Sowjetunion, aber nicht auf Kosten Deutschlands. Wenn die Bundesrepublik zum Westen steht, werden die Vereinigten Staaten und Großbritannien dies honorieren.

Churchill kommt sodann auf die Frage der gefangenen Generale zu sprechen.

Bundeskanzler bemerkt, dass es sich nicht nur um die Generale handele. Alles in allem seien etwas über 200 Personen in Werl.

Churchill: Ich bin immer ritterlich gewesen. Ich habe mich für Manstein eingesetzt. Ich habe für seinen Anwalt gezahlt. Eden hat einen Plan für seine Freilassung ausgearbeitet. Dieser Plan darf nicht mit Ihrem Besuch in Verbindung gebracht werden. Es darf nicht wie ein Geschäft aussehen. Die Freilassung darf nicht als direktes Ergebnis der Unterhaltung erscheinen. Erklären Sie lediglich, dass Sie diese Frage angeschnitten haben.

Bundeskanzler stimmt zu.

Eden: Nächsten Donnerstag wird das Kabinett mit der Freilassung der Kriegsgefangenen befasst werden. Mein Vorschlag geht dahin, dass die gesamte Haftzeit angerechnet wird. Das würde bedeuten, dass 1/6 sofort freigelassen wird. Vielleicht sogar mehr. Dies wird bald verkündet werden.

Auch Eden bittet den Bundeskanzler, sich nach seiner Rückkehr nach Deutschland auf die Feststellung zu beschränken, dass er die Frage angeschnitten habe. Es dürfe nicht der Eindruck eines Kuhhandels [ent]stehen.

Bundeskanzler erklärt, dass in Deutschland der Eindruck entstehen müsse, dass ein neuer Abschnitt erreicht sei. Dies könne geschehen, wenn bis Weihnachten ¼ der Gefangenen begnadigt würde.

Churchill erklärt, Manstein sei es in der Gefangenschaft gut gegangen. Er habe Golf gespielt. Dann habe ihn die Labour-Party plötzlich eingesperrt. Es müsse eine würdevolle Lösung gefunden werden, die die ehrenwerten Soldaten in England und Deutschland zusammenbringe.

Eden fasst noch einmal zusammen: Die Frage der Gefangenen ist angeschnitten worden. Mehr soll nicht gesagt werden.

Bundeskanzler kommt auf die innere Lage Deutschlands zu sprechen. Über Remer und die Neonazisten brauchten sie sich keine Sorgen zu machen. Die Bundesregierung habe die Lage fest in der Hand. Wir werden eine Wiederholung 1930 - 1933 nicht zulassen. Auch Schumacher darf man nicht zu ernst nehmen. Er ist ein extremer Nationalist auf marxistischer Basis.

Churchill: Schumacher hat Deutschland einen schlechten Dienst erwiesen, als er Vergleiche über die verschiedenen Besatzungsmethoden im Kriege anstellte.

Bundeskanzler stellt fest, dass die Labour-Party Schumacher groß gemacht habe. Bundeskanzler weist auf die Gefahren des Flüchtlingsproblems hin. Diese Gefahren könnten nur mit Hilfe Amerikas bekämpft werden.

Churchill fragt: Was kann man machen?

Bundeskanzler: Wohnungsbau und Ausdehnung der industriellen Produktion sind die beste Abhilfe. Es bestehe immer die Gefahr der Radikalisierung der Flüchtlinge, wenn ihre Ansprüche nicht befriedigt werden könnten. Eine Gefahr bedeutet auch die Haltung der jungen Leute bis zu 35 Jahren gegenüber dem Staat. Sie sind ablehnend. weil sie zuviel erlebt haben. Je stärker die Bundesrepublik als gleichberechtigter Partner in Europa eingeordnet wird, desto anziehender wird sie für die jungen Leute sein.

Churchill: Die Jugend braucht ein Symbol. Sind Sie Preuße? Die Preußen sind Bösewichter. Ich habe Angst vor ihnen.

Bundeskanzler lachend: Ich bin kein Preuße, Schumacher ist ein Preuße.

Churchill: Die Preußen haben aber einen guten kämpferischen Geist.

Bundeskanzler: Man muss die Einbildungskraft der jungen Leute auf Europa konzentrieren.

Bundeskanzler betont die Wichtigkeit eines gegenseitigen deutsch-englischen Austausches. So müssten viel mehr Deutsche nach England kommen. Bisher sind so gut wie keine englischen Studenten nach Deutschland gekommen.

Eden spricht sich für den gegenseitigen Austausch aus.

Abschließend gibt Churchill der Hoffnung auf eine günstige Entwicklung Ausdruck.

Bundeskanzler: Ich habe nicht nur die Hoffnung, sondern auch das Vertrauen.

Churchill: Wir werden alle vernichtet werden, wenn wir uns nicht einigen. Aber wenn wir zusammenhalten, dann werden wir, so Gott will, bestehen bleiben. Sollten wir doch untergehen, so wird es wenigstens nicht unsere Schuld sein.

Bundeskanzler: Wenn wir stärker werden, werden wir nicht vernichtet werden.

Quelle: StBKAH III/96.