16. September 1954: Gespräch des Bundeskanzlers Adenauer mit dem amerikanischen Außenminister Dulles

Mr. Dulles wies darauf hin, dass sich Amerika Frankreich gegenüber in einer heiklen Lage befinde. Man müsse einen gewissen Druck ausüben, doch dürfe dieser Druck nicht zu stark werden, um zu verhindern, dass Frankreich mit Russland zusammengehe. Wie könne dies geschehen? Die Vereinigten Staaten hätten bisher Frankreich wirtschaftlich sehr stark unterstützt, ebenso die Kriegsführung in Indochina, hierfür hätten sie fast eine Milliarde [US-Dollar] jährlich ausgegeben, und ein gewisser Druck lasse sich vielleicht am besten auf wirtschaftlichem Gebiet ausüben. Eine Möglichkeit hierzu bestehe auf der bevorstehenden Konferenz der Bankfachleute in Washington. Frankreich habe um finanzielle Unterstüt­zung für die Regierungen von Vietnam, Laos und Cambodia ersucht, doch wünsche Frankreich, die von den Vereinigten Staaten zur Verfügung gestellten Mittel selbst zu erhalten und anschließend an die jeweiligen Regierungen zu verteilen. Wenn die Ver­einigten Staaten diese Unterstützung unmittelbar den betreffenden Regierungen zu­kommen ließen, könnte dies einen gewissen Schock für die französische Wirtschaft, besonders für die Bank von Frankreich bedeuten.

Hierzu stellte der Herr Bundeskanzler fest, dass Mendès France eine derartige Maßnahme am besten verstehen werde, da sein erstes Ziel sei, die französische Wirtschaft zu stärken. Hierbei sei er auf Amerika angewiesen. Man müsse den Hahn etwas zudrehen, dürfe ihn jedoch nicht ganz abstellen. Frankreich dürfe nicht denken, dass die Abstimmung in der Nationalversammlung ohne Folgen bleibe. Es müsse zu der Überzeugung gelangen, dass es die Vereinigten Staaten dieses Mal ernst meinten. Mendès France habe vor verschiedenen Ausschüssen der Kammer erklärt, die Vereinigten Staaten drohten nur, jedoch würden ihre Drohungen nie in die Tat umgesetzt.

Mr. Dulles fragte den Herrn Bundeskanzler, ob es richtig gewesen sei, dass er nicht nach Paris geflogen sei. Der Herr Bundeskanzler bezeichnete diesen Schritt als mutig und sehr richtig. Mr. Dulles bemerkte, dass nach Berichten, die er aus Paris erhalten habe, Frank­reich hierdurch schockiert worden sei. Der Herr Bundeskanzler bemerkte, dass es besser wäre, von „beeindruckt" anstatt „schockiert" zu sprechen. Da Mendès France sehr emp­findlich sei, werde dieser Schritt seine Wirkung nicht verfehlen.

Mr. Dulles gab seiner Besorgnis über die Politik von Mendès France Ausdruck. Man sei in den Besitz von Nachrichten der Ho-Tschi-Minh-Truppen gekommen, aus denen her­vorgehe, dass die Franzosen mit Kommunisten zusammenarbeiteten und damit einver­standen seien, dass in Süd-Vietnam eine kommunistische Regierung eingesetzt werde, vorausgesetzt, dass diese die französischen Interessen und Investitionen schütze. Der Herr Bundeskanzler gab seiner Überzeugung Ausdruck, dass Mendès France mit Molotow Absprachen getroffen hätte.

Mr. Dulles fragte sodann, ob der Herr Bundeskanzler den Eindruck gewonnen habe, dass Eden eine „Dritte Kraft" mit neutralistischen Tendenzen aufbauen oder mit dem Westen zusammengehen wolle. Der Herr Bundeskanzler erwiderte hierauf, er glaube nicht, dass Eden eine neutralistische Politik verfolge. Er teilte Mr. Dulles vertraulich mit, was ihm Eden gesagt habe. Danach habe Churchill zwei Tage lang darum gerungen, aber nun habe sich Churchill endgültig von dem Russlandgedanken distanziert. Eden selbst habe einen guten Eindruck auf ihn gemacht. Er sei ihm sehr viel ernster vorgekommen als früher.

Der Herr Bundeskanzler erwähnte sodann Gespräche, die Herr von ... (Namen vergessen) mit Mr. Dulles oder Mr. Allen Dulles vor einiger Zeit geführt habe. Es seien zwei Themen behandelt worden, wovon das erste absolut vertraulich sei. Der Herr Bundeskanzler erkundigte sich, ob die aus Mehlem stammenden Berichte über die Lage in Deutschland wirklich so ungünstig und schlecht seien. Mr. Dulles konnte diese Frage nicht beant­worten, da er nicht wusste, worum es sich handelte.

Der Herr Bundeskanzler deutete sodann an, dass die Herren Hallstein und Blankenhorn aus einem Gespräch mit Herren aus der Begleitung von Mr. Dulles den Eindruck gewon­nen hätten, dass die Vereinigten Staaten glaubten, ohne Frankreich in der Frage der Wie­derherstellung der deutschen Souveränität und des Beitritts der Bundesrepublik zur NATO nichts unternehmen [zu können]. Mr. Dulles bezeichnete dies als ein offensicht­liches Missverständnis. Dieser Eindruck sei falsch. Es sei jedoch wichtig, in diesen Fragen mit England zusammenzuarbeiten, um ein zufriedenstellendes Ergebnis zu erzielen.

Noch einmal erwähnte der Herr Bundeskanzler die ernste psychologische Situation in Deutschland, die nach der Brüsseler Konferenz und der Abstimmung in Paris ent­standen sei. Wenn innerhalb der nächsten Wochen kein sichtbares Ergebnis vorgewiesen werden könne, bestehe die ernste Gefahr, dass Deutschland in den nächsten sechs bis zwölf Monaten nach Osten abgleite. Ihm selbst gehe es nur darum, in Deutschland die Demo­kratie zu festigen und die Bundesrepublik mit dem Westen fest zu verbinden, was er als seine vordringliche Aufgabe ansehe. Sonst würde er sich in seinem Alter gar nicht diese Mühe machen.

Mr. Dulles betonte abschließend, es sei ihm daran gelegen, sichergestellt zu wissen, dass der Herr Bundeskanzler keiner Kompromisslösung zustimme, die auf das Spiel setzen könne, was der Herr Bundeskanzler für richtig halte. Die vom Herrn Bundeskanzler geschilderten Gefahren müssten unter allen Umständen vermieden werden. Eine Orientierung des deutschen Volkes nach Osten dürfe nicht stattfinden, ebenso wenig wie ein neuer „Super­nationalismus" erstehen dürfe. Man wolle auch keine nationalistische deutsche Armee, die zwischen Osten und Westen schwanke. Er bitte um diese Zusicherung, weil die Ver­einigten Staaten den Herrn Bundeskanzler stets unterstützen würden. Zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland sei kein Kompromiss nötig. Der Herr Bundeskanzler versicherte Mr. Dulles, dass er einer solchen Kompromisslösung nicht zustimmen werde.

gez. Weber

Quelle: Aufzeichnung des Chefdolmetschers des Auswärtigen Amtes, Weber, vom 17. September 1954, in: StBKAH III/111.