17. September 1954: Gespräch des Bundeskanzlers Adenauer mit dem amerikanischen Außenminister Dulles während der Autofahrt von Bonn nach Wahn

Herr Foster Dulles hatte den Wunsch ausgesprochen, die Fahrt zum Flugplatz mit dem Herrn Bundeskanzler gemeinsam zu machen. Im Wagen waren ferner Botschafter Conant und Staatssekretär Hallstein.

1. Herr Dulles interessierte sich besonders für die Bemerkungen, die der Bundeskanzler über die Sofortmaßnahmen gemacht hatte, und wünschte darüber genauere Angaben.

Staatssekretär Hallstein warf ein, dass diese Frage nach der technischen Seite gestern abend eingehend zwischen Herrn Blank und Herrn Hensel besprochen worden sei, der darüber Bescheid wisse.

Herr Dulles erwiderte, Herr Hensel habe ihm darüber berichtet.

Der Bundeskanzler erläuterte: Es handele sich um die erforderlichen Wehrbauten (Infrastruktur), die Ausbildung von Spezialisten und die Kaderbildung, wobei die Ausbildungshilfe der Engländer und der Amerikaner eine wichtige Rolle spiele.

Herr Dulles wollte wissen, ob die Engländer dazu positiv Stellung genommen hätten (was der Bundeskanzler mit der Bemerkung beantwortete, die Engländer hätten sich weder positiv noch negativ dazu geäußert) und ob es sich um Ausbildung in Deutsch­land oder in Amerika und England handele (Bundeskanzler: beides). Herr Dulles begründete seine Fragen damit, dass es für Amerika sehr schwer sein werde, diese Sofortmaßnahmen durchzuführen, wenn die Engländer sich dem versagten. Dann ständen in der Alliierten Hohen Kommission in Deutschland die Amerikaner allein gegen die Engländer und die Franzosen. Auch mit Rücksicht auf ihre öffentliche Meinung müssten sie mindestens die Engländer auf ihrer Seite haben.

2. Herr Dulles fragte, ob der Bundeskanzler nach London gehen werde, falls eine Ein­ladung zu einer Konferenz kommen werde.

Bundeskanzler: Nur dann, wenn Sie, Herr Dulles, kommen.

Dulles: Ich wollte nur fahren, wenn Sie hinfahren.

3. Der Bundeskanzler wies noch einmal darauf hin, dass bei den Gesprächen mit Herrn Eden „volle Gleichberechtigung" stets bedeutet habe „volle Souveränität".

4. Es habe ferner im Gespräch mit den Engländern Einverständnis darüber bestanden, dass wir gleichberechtigt in NATO eintreten.

5. Der Bundeskanzler unterstrich nachdrücklich, dass ein Einverständnis über die Aus­dehnung des Brüsseler Pakts keinesfalls in sich schließe den Verzicht auf die europäi­sche Integration. Er, der Bundeskanzler, habe die Besorgnis, dass Mendès France der Bereitschaft Englands, an der europäischen Einigung teilzunehmen, die Deutung geben werde, dass künftig nur noch solche europäischen Einigungsmaßnahmen ergriffen würden, bei denen die Engländer zustimmten. Das aber laufe auf einen Verzicht auf das supranationale Prinzip hinaus, den er, der Bundeskanzler, nicht aussprechen werde.

Dulles: Er verstehe das sehr wohl. Mendès France sage, man nehme die Engländer herein und das supranationale Prinzip heraus.

6. Der Bundeskanzler sagte, er stimme Herrn Dulles darin zu, dass der NATO-Pakt im Ernstfalle vielleicht eine sehr schwere Belastungsprobe nicht bestehen werde. Nach seiner Meinung seien völlig zuverlässig die folgenden Länder: Benelux, die Türkei, Griechenland, Spanien (obwohl nicht Mitglied von NATO), die Bundesrepublik.

7. Bundeskanzler: Zustimmung zum Eintritt in den Brüsseler Pakt bedeutete keinesfalls Verzicht auf gleichberechtigte Zugehörigkeit zur NATO.

Herr Dulles hielt alle diese Bemerkungen durch Notizen fest.

8. Herr Dulles sagte, er habe gestern abend die Telegramme aus Paris gelesen. Er habe den Eindruck, Mendès France werde der Aufnahme Deutschlands in NATO zu­stimmen, aber daran [eine] ganze Anzahl von Forderungen knüpfen, zum Beispiel Erklärungen des Bundeskanzlers, Kontrollen; ferner werde er verlangen, dass Amerika sich verpflichte, für geraume Zeit Truppen in Europa zu lassen. Er, Dulles, sei sehr zweifelhaft, ob diese Zusicherung, die von Amerika gegeben worden sei, um die Ratifikation der EVG zu erleichtern, jetzt noch einmal gegeben werden werde. Die Enttäuschung sei in der öffentlichen Meinung und unter den Politikern Amerikas zu groß.

9. Im Anschluss daran entspann sich ein Gespräch über die Förderung des Nationalismus durch die Sowjets. Herr Dulles verwies dafür auf einen Artikel von Stalin in dessen gesammelten Werken „Das nationale Problem". Hieraus ergebe sich, dass die Russen den Nationalismus förderten, weil er die Völker in Gegensatz zueinander bringe, infolgedessen zur Aufsplitterung des Westens führe und die einzelnen Völker wehrlos gegen den Zugriff der Sowjets mache.

[Hallstein]

Quelle: Aufzeichnung des Staatssekretärs des Auswärtigen Amts, Walter Hall­stein, in: StBKAH III/111.