17. September 1954: Aufzeichnung des Bundeskanzlers Adenauer über das Gespräch mit dem amerikanischen Außenminister Dulles

Am 17. morgens bin ich mit Staatssekretär Dulles in dessen Auto zum Flugplatz Wahn gefahren, um noch eine sehr vertrauliche Besprechung abzuhalten. Im Wagen waren ferner anwesend Botschafter Blankenhorn und Staatssekretär Hallstein, der dolmetschte. Da das Gespräch bei der Ankunft vom Flugzeug noch nicht zu Ende war, blieben wir noch eine Zeit lang im Wagen.

Staatssekretär Dulles bat mich zunächst um Erläuterung, was ich unter „sofort zu treffen­den Maßnahmen" gestern verstanden habe. Ich erwiderte ihm, diese Direktmaßnahmen, das hieße Maßnahmen, die getroffen werden müssten, ehe das ganze Vertragswerk fertig sei, sollten folgenden beiden Zwecken dienen:

1) aller Welt, auch Sowjet-Russland, zeigen, dass wir aus dem Stadium der ewigen Ver­handlungen hinausgetreten seien.

2) sollte durch sie die Zeit, die durch die bisherigen und kommenden Verhandlungen verbraucht sei, in etwa wieder eingeholt werden.

Ich schlüge vor: Bau von Kasernen für die zukünftigen deutschen Truppen, Bau von Exerzierplätzen, Flugplätzen usw.

Ausbildung von deutschen Freiwilligen für Spezialwaffen in der amerikanischen und in der britischen Armee, und zwar sowohl hier in der Bundesrepublik wie in Amerika und England.

Ausbildung von deutschen Freiwilligen zum Zwecke der Bildung der Kader.

Staatssekretär Dulles sagt, dass die Berichte, die er über Nacht aus London bekommen hätte, nicht günstig seien. Er hielte es für unbedingt notwendig, dass eine etwaige Konfe­renz in London sehr gut vorbereitet werde. Auch wenn sie zu einem etwas späteren Termin stattfinde. Ich pflichtete ihm bei. Auch die Berichte, die wir über Paris erhalten hätten, seien nicht günstig. Wenn die Konferenz nicht sehr gut vorbereitet werde, werde sie mit einem Misserfolg enden. Man müsse daran denken, ob nicht Mendès France hier auf dieselbe Weise vorgehen werde, wie bei der Brüsseler Konferenz. Er werde im letzten Augenblick unerfüllbare Forderungen stellen, um das erreichen zu können. Er habe zwar gewollt, aber die anderen seien infolge ihrer Hartnäckigkeit diejenigen, die Schuld seien, dass Frankreich nicht zustimmen könne.

Ich sagte Staatssekretär Dulles, dass ich auf keinen Fall nach London gehen werde, wenn nicht auch er hinkommt. Herr Dulles gab mir umgekehrt die gleiche Erklärung ab.

Ich: Nach der Botschaft Winston Churchills und den Verhandlungen mit Eden könne kein Zweifel daran bestehen, dass Großbritannien unter voller Gleichberechtigung auch „die volle Souveränität" verstanden hätte. Es sei auch bei den Verhandlungen nur von einem Eintritt in NATO als gleichberechtigtes Mitglied die Rede gewesen. Von einer Assoziierung sei nie gesprochen worden.

Der Brüsseler Pakt dürfe nicht den Verzicht europäischer Integration in sich schließen. Nach den letzten telegraphischen Meldungen sei es nicht ausgeschlossen, dass Mendès France die „volle Teilnahme" Englands an allen europäischen Verständigungen forde­re, weil er wisse, dass Großbritannien an Vereinigungen, die supranationale Organe enthielten, nicht teilnehmen werde. Herr Dulles erwiderte, er habe aufgrund seiner Be­richte einen ähnlichen Eindruck. Man müsse vorsichtig sein.

Ich sagte, dass nach meiner Auffassung Mendès France durch effektive finanzielle Maß­nahmen gelenkt werden könne. Ich erinnerte ihn dabei daran, was er mir in einer sehr vertraulichen Unterredung am gestrigen Abend über die Wünsche Frankreichs bei der Sitzung der Weltbanken im Oktober gesagt habe.

Ich: Ich hätte mir seine Ausführungen über die Zuverlässigkeit der Struktur von NATO über Nacht durch den Kopf gehen lassen. Ich teile seine Auffassung, dass die NATO in ihrer heutigen Struktur im Falle einer ernsten Krise nicht richtig funktionieren werde. Von europäischen Ländern hielte ich für absolut zuverlässig: die Benelux-Staaten, die Türkei, Griechenland, Spanien, Deutschland. In eingeschränktem Maße auch England.

Quelle: BArch, NL Blankenhorn N 1351/33a, Bl. 56-58.