3. Februar 1961: Gespräch mit den Vorsitzenden der deutschen Frauenverbände 

Bundeskanzler Dr. Adenauer: Meine sehr verehrten Damen,

ich heiße Sie hier herzlich willkommen. Ehe ich zu Ihnen kam, ist mir gesagt worden, ich möchte sagen, daß dieses Gespräch, das wir nun haben, nicht wegen der Wahlen gemacht werde. Meine Damen, ich schätze Sie so klug ein, daß Sie mir das doch nicht glauben würden, und deshalb sage ich ganz offen, es ist natürlich wegen der Wahlen. Das ist doch ganz selbstverständlich!

Anschließend berichtet Ministerpräsident von Hassel über das im Deutschen Presse-Club vorausgegangene zweistündige Gespräch. Dessen Hauptpunkte waren: Wunsch der Frauen, am politischen Geschehen, auch in den Ministerien, an sichtbarer Stelle wirken zu können. Weitere Wünsche in dieser Richtung sollen dem Bundeskanzler schriftlich vorgelegt werden. - Bei der Gesetzgebung möchten die Frauenverbände bereits im Stadium der Vorüberlegungen gehört werden. - Fragen des Notdienstes und des Notstandes. - Kulturpolitischer Beirat des AA. - Im Zusammenhang mit dem Notdienst die gesamten Fragen des Verteidigungswesens der BR und der Verpflichtungen in der NATO sowie die im politischen Bereich damit zusammenhängenden Fragen. - Lebensmittelgesetzgebung, in Anwesenheit von BML [?] Schwarz. Auf diesem Gebiet sollen zunächst in zwei bis drei Jahren Erfahrungen gesammelt werden. - Kulturarbeit im Ausland, Arbeit für die Entwicklungsländer, Ausbildung von Studenten aus Afrika und Asien in der BR. Von Hassel habe angeregt, bei der Vielschichtigkeit dieser Fragen eine Spezialtagung durchzuführen, insbesondere angesichts der Bedeutung des Themas Entwicklungshilfe. - Betreuung ausländischer Studenten in Deutschland im Hinblick auf die Agententätigkeit aus dem Osten. - Renten mit Blickpunkt auf Vertriebene und Flüchtlinge.

Frau Brauksiepe (MdB) dankt für die Einladung zu diesem Gespräch mit dem Bundeskanzler und regt an, Bedenken, Fragen und Wünsche vorzubringen, um Informationen zu erhalten für die weitere Mitarbeit in dem Ringen um die noch nicht gesicherte Freiheit.

Eine Vertreterin des Deutschen Akademikerinnenbundes stellt die Frage nach den Aufstiegsmöglichkeiten der Akademikerinnen im öffentlichen Dienst. Heute sei bei gleicher Leistung die Aufstiegschance der Frau geringer als die des Mannes. Besonders problematisch sei die Aufstiegschance bei der Universitätslaufbahn. Es gebe sehr viele qualifizierte Dozentinnen, die nur ausnahmsweise eine ordentliche Professur erhielten. Das sei zwar in erster Linie eine Aufgabe der Hochschulpolitik, die Frauenverbände könnten aber dabei mitwirken. Die Frage der Mitarbeit der Frauen in höchsten politischen Stellen, als Minister oder Staatssekretär, wird erneut gestellt.

Frau Betz, Stuttgart (Deutscher Staatsbürgerinnenverband e. V., Baden-Württemberg): Ihr Verband bemühe sich um die politische Bildung der Frauen im sogenannten vorpolitischen Raum. Diese Arbeit werde auch von solchen Männern nicht ernst genommen, die im politischen Leben stehen; sei seien der Verbandsarbeit nicht wohlgesonnen, so daß der Verband sich auf Kampf einstellen müsse, bei dem die Frau dem Manne natürlich unterlegen sei; sie wolle auch in diesem Sinne nicht kämpfen. Auch Frau Betz bittet den Bundeskanzler um seine Stellungnahme über die Mitwirkung der Frauen im öffentlichen Leben.

Frau Dr. Flitz, Wilhelmshaven (Deutscher Frauenring): Die Mittel für den zivilen Luftschutz in Höhe von 6% des Bundesverteidigungshaushaltes seien zu gering. In den Gemeinden würden zwar die Warnsysteme fertiggestellt, doch reichten die angesetzten Mittel nicht aus.

Frau Maria Weber, Düsseldorf (DGB), wünscht Einwirkung auf Familienministerium, Wirtschaftsministerium und Presse in Bezug auf die Erwerbstätigkeit der Frau und Mutter. Die Hauptabteilung „Frau im DGB“ wehre sich dagegen, daß bei der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation als letzte Arbeitskraftreserve um materieller Dinge willen die Mütter mit Kindern angesprochen würden. In einer großen, seriösen Zeitung sei am letzten Samstag eine Anzeige erschienen, die unter Verwendung des DGB-Slogans „Samstags gehört Vati mir“ die Mütter anrege, sich an diesem Tage ein „Taschengeld“ zu verdienen, weil ja der Vati zu Hause sei.

Frau Ueckermann, Herford (Deutscher Hausfrauenbund), teilt die Sorgen von Frau Weber im Hinblick auf die Hausfrauen im allgemeinen, insbesondere für die Vorbereitung der jungen Mädchen als kommende Hausfrauen und Mütter. Die Zahl der ehrenamtlichen Mitarbeiter sei zu klein und die finanzielle Kraft des Hausfrauenbundes zu gering, diese Vorbereitungszeit durchzuführen. Bitte um Unterstützung in dem Bestreben, junge Mädchen wieder mehr in die Haushalte zu bringen. Diakonisches Jahr - Soziales Jahr. Das Jahr, das der junge Mann bei der Wehrmacht abzuleisten habe, sei auch für das junge Mädchen in irgendeiner Form auf freiwilliger Basis zu schaffen. Den jungen Mädchen und den Eltern müsse ein gewisser wirtschaftlicher Anreiz gegeben werden, damit dieses Jahr realisierbar werde, die jungen Mädchen müßten in einem solchen Jahr wirtschaftlich gesichert sein.

Frau Dr. Spiess, (Vereinigung der Unternehmerinnen): Ein Fünftel aller Betriebe werde von Frauen geleitet. Die Privatindustrie führe einen sehr schweren Kampf gegen die Konzentration und fühle sich in den wirtschaftlichen Gremien, wie den Handelskammern, zur Wahrung der Anliegen kleiner und kleinster Firmen nicht in genügender Weise vertreten. Es bedeute einen Verlust für die Gesamtwirtschaft, wenn diese 20% der Privatindustrie nur deshalb nicht hinreichend gehört werde, weil sie von Frauen geleitet würden.

Bundeskanzler Dr. Adenauer: Meine verehrten Damen, ich möchte die Fragen in der Reihenfolge beantworten, wie sie hier gestellt wurden. Ich beginne damit: Frauen gleichberechtigt als Minister und Staatssekretäre in den Ministerien. Ich vertrete seit Jahren absolut den Standpunkt, diese Frage mit ja zu beantworten, und ich würde es sehr begrüßen, wenn im Kabinett eine Frau wäre. Aber wie kommt ein Kabinett zustande? Ich möchte Ihnen doch einmal so aus dem Nähkästchen erzählen, wie das zugeht - nicht etwa nur bei der CDU/CSU, das würde auch bei jeder anderen Partei dasselbe sein.

Nach dem Grundgesetz ist der Bundeskanzler dazu berufen, dem Bundespräsidenten Vorschläge zu machen. Der Bundespräsident wird dann diese Vorschläge akzeptieren und die Minister ernennen. Auf dem Papier sieht das alles glänzend aus. Aber Papier ist geduldig, auch das Papier, auf dem ein Grundgesetz steht, ist geduldig. Nach der Wahl des Bundeskanzlers, die ja durch das Parlament erfolgt, oder schon vorher - denn es sind ja Absprachen da -, kommen Wünsche, Minister zu werden oder einen Staatssekretär zu stellen, in Massen. Ich erinnere mich noch sehr gut, nach der Wahl 1957 habe ich gesagt: Einen Wahlkampf zu führen ist ein Vergnügen, das tue ich gern nochmal, aber ein Kabinett zu bilden, das ist etwas Furchtbares, dabei kommt dann der Drang und der Druck der stärksten Ellenbogen. In einem gebe ich Ihnen da ohne weiteres recht, meine sehr verehrten Damen: Auch ich beobachte mit Bedauern, daß im allgemeinen der Mann die Frau nicht als gleichberechtigt im öffentlichen Dienst anerkennen will, weil er in ihr eine Konkurrenz sieht. So ist es auch in den Fraktionen. Wenn ich Ihnen jetzt sagte, falls ich wieder Bundeskanzler werden würde, würde ich eine Frau als Minister nehmen, dann sage ich Ihnen dazu ganz offen, derartige Erwägungen habe ich schon gehabt, auch für ein neues Kabinett. Aber wie sich das dann alles gestalten wird, kann jetzt keiner sagen. Ich vertrete aber den Standpunkt, daß der Einfluß einer Frau bei den Kabinettssitzungen, auch auf Gebieten, die nicht unmittelbar aus dem Bereich des betreffenden Ministeriums herrühren, sehr wünschenswert ist. Die Frau sieht manche Dinge eben anders als der Mann; damit sage ich gar nicht, daß der Mann sie richtiger ansieht. Die Frau sieht in einer Frage eben noch andere Facetten, die da sind, und vielleicht ist ihr Gesamturteil noch besser als das des Mannes. Denn der Mann neigt zur Einseitigkeit, neigt dazu, das, was gerade in sein Ressort fällt, als das allein Wichtige anzusehen.

Daß Frauen in der Ministerialbürokratie ein sehr schweres Leben haben, ist mir bekannt. Das fängt aber schon früher an, auf den Universitäten, und zwar nicht erst bei den Professoren. Wenn wenig Platz da ist, bekommt die Frau, das junge Mädchen, keinen Platz; das ist mir von Ihnen mitgeteilt worden. Das ist ein sehr bedauerlicher Zug unserer Zeit, daß jeder rigoros sein Interesse allein verfolgt und die berechtigten Interessen anderer nicht achtet. Dagegen muß man auf der ganzen Linie ankämpfen. Das ist eine Frage der Erziehung und der Bildung - im guten Sinne des Wortes. Ich vertrete den Standpunkt, auch da, wo es die Beförderung angeht, kommt es auf die Leistungen an und nicht darauf, ob das ein Mann ist oder eine Frau.

Ich habe in meiner langen Laufbahn die Erfahrung gemacht, daß im allgemeinen sogar - jetzt werden Sie erstaunt sein -, wenn man die richtige Auswahl trifft, die Frauen zuverlässiger sind als die Männer. Ich will Ihnen jetzt kein Kompliment machen, meine Damen; ich weiß nicht, ob Sie zuverlässiger sind als Ihre Männer, falls Sie verheiratet sind; aber ich habe diese Erfahrung tatsächlich gemacht. Ich darf deshalb, nicht nur aus rechtlichen Gründen, den Standpunkt vertreten, daß es bei der Beförderung keine Rolle spielen darf, ob es sich um einen Mann oder um eine Frau handelt.

Ausländische Studenten. Ich würde nun nicht raten - das war vielleicht etwas kurz ausgedrückt, Herr Kollege von Hassel -, daß die Frauenverbände sich dieser Studenten annehmen, sondern daß sie helfen, daß Familien sich dieser Studenten annehmen. Es war hier gesagt worden, die Frauenverbände sollten sich dieser Studenten annehmen. Ich würde das nicht empfehlen, das sage ich ganz offen; da können Sie manche Schererei erleben. Wenn Sie aber dafür sorgen, daß Familien sich dieser Studenten annehmen, dann tun Sie ein gutes und notwendiges Werk.

Frauen im öffentlichen Leben, auch im Parlament. Die Dame aus Stuttgart hat gesagt, die Frauen würden nicht ernst genommen. Ich glaube, es kommt immer auf die Frau an!

(Zustimmung.)

Das ist nun wirklich eine rein persönliche Sache. Es gibt doch, wenn ich vom Bundestag ausgehe, da Frauen, die absolut ernst genommen werden, auf deren Wort sogar besonders geachtet wird. Es gibt da aber auch Männer, auf deren Wort gar nichts gegeben wird. Wenn nun zufällig auch auf das Wort einer Frau nichts gegeben wird, muß sie sich nicht von vornherein sagen: Das tut man, weil ich eine Frau bin, sondern sie soll erst einmal fragen: Ist das, was ich gesagt habe, auch klug gewesen, oder hat man mich mit Recht abgelehnt? Ich möchte das also nicht allgemein gelten lassen, das ist nach meinen Wahrnehmungen nicht richtig.

Über den zivilen Luftschutz kann ich Ihnen hier jetzt nichts sagen. Ich weiß, daß da Lücken sind. Aber lassen Sie mich hier doch folgendes einschalten, meine verehrten Damen! Als Herr von Hassel eben über das referierte, was drüben im Presse-Club heute gesprochen worden ist, kam mir schon der Gedanke: Ich bin einmal sehr neugierig, ob eine der Damen auch nach dem Stande der Finanzen gefragt hat. Das scheint nicht, und eben hat auch niemand nach dem Stand der Finanzen gefragt. Wer aber, meine verehrten Damen, im öffentlichen Leben auftreten und wirken will, der muß vor allem auch nach dem Stand der Finanzen fragen. Denn alles, was man tun soll, kostet Geld, und woher nimmt der Staat das Geld? Aus den Taschen der Bürger! Deswegen ist es gerade auch für eine Frau doch sehr wichtig, sich um den Stand der Finanzen zu kümmern. Wir haben das soeben von der Vorsitzenden des Vereins der Unternehmerinnen gehört: Es gibt auch Frauen, die in der gewerblichen Wirtschaft tätig sind, die sicher etwas von Buchführung verstehen. Wenn ich nun denjenigen unter Ihnen, die in eine Stadtverordnetenversammlung, in einen Landtag oder in den Bundestag kommen wollen oder kommen werden, einen Rat geben darf, um dort Einfluß zu gewinnen, dann rate ich Ihnen, wenden Sie sich den Finanzen zu! Das ist eine Aufgabe, die zuerst trocken erscheint, die aber tatsächlich alles andere als trocken ist, weil gerade der Überblick über die Finanzen gleichzeitig einen Überblick über das gibt, was getan wird, was geleistet wird, und da die meisten Parlamentarier zu faul sind, meine Damen, sich um die Finanzen zu bekümmern, kann die Frau, die sich wirklich um diese Dinge kümmert, im Parlament oder in der Stadtverordnetenversammlung einen sehr großen Einfluß ausüben.

Dann wurde namens des Gewerkschaftsbundes von Frau Weber gefragt. Ich weiß nicht, ob Sie recht haben, Frau Weber, ich glaube nicht, daß Sie recht haben. Sie haben die Unternehmer schlechthin angegriffen, weil sie solche Anzeigen aufgegeben haben, nach denen eine Mutter sich in fünf Stunden etwas Besonderes verdienen kann. Ich wüßte nicht, wo. Solche Annoncen finde ich dumm, denn Samstagnachmittag ist doch jetzt allgemein frei, oder der ganze Samstag, wenn der Vater dann zu Hause ist, sind die Betriebe doch geschlossen.

(Zuruf: Rechtsschutzgesellschaft [...] in Düsseldorf! Ich kann mehrere solcher Fälle nennen.)

Deswegen kann man nicht die ganze Wirtschaft angreifen oder die Unternehmer insgesamt. Wenn da jemand eine solche Annonce aufgibt, dann doch nicht, um nur für einige Stunden eine Frau daranzusetzen.

Aber die Sache liegt tiefer, Frau Weber. Warum gehen die Frauen zur Arbeit? Warum drängen die Mädchen - das wurde hier angeschnitten - zur Arbeit? Ich bin zwar der Auffassung, daß das, was eine der Damen eben über die jungen Mädchen gesagt hat, etwas übertrieben ist; aber es bleibt noch genug übrig, worüber man Sorge haben muß. Aber was soeben gesagt wurde, ist aus folgenden Gründen nach meiner persönlichen Erfahrung etwas übertrieben.

Vor kurzem war in meinem Haus eine obere Klasse einer Volksschule aus Köln, die mir einige Lieder singen wollte. Ich habe die jungen Mädchen nachher gefragt, was sie werden wollten. Ich habe zunächst feststellen müssen, daß 10 Prozent von ihnen sofort in die Arbeit gehen wollten, 90 Prozent wollten erst noch eine weitere Ausbildung haben für die verschiedensten Berufe. Also der Drang zur Fortbildung war bei den jungen Mädchen schon vorhanden, und das hat mich erfreut. Das war eine Volksschule aus Köln-Neuehrenfeld, also nicht etwa aus einem besonderen Viertel, aber immerhin aus einem Viertel, in dem Leute wohnen, die mit Geld nicht besonders gesegnet sind. Ich glaube also, daß, je nachdem die jungen Mädchen eine gute Lehrerin haben oder gute Eltern haben, sie also gut erzogen sind, in ihnen doch der Drang vorhanden ist, weiterzukommen und noch etwas zu lernen, wenn sie von der Schule kommen.

Damit komme ich zu einem Kapitel, das mir sehr am Herzen liegt; das ist die Erziehung der jungen Mädchen. Sie wissen, in welcher Zeit wir leben. Sie wissen, wie alles dazu angetan ist in der heutigen Zeit, den Menschen hin und her zu reißen, vom Radio angefangen, die Lichtreklame, der ganze Spektakel, das Fernsehen, auch wahre Nachrichten, lassen sie gar nicht zu sich selbst kommen, wenn sie nicht irgendwo eine kleine geistige Oase haben, wo sie sich auf sich selbst besinnen können. Leider haben sie das vielfach nicht mehr in ihrem Elternhaus, weil das Elternhaus sehr selten geworden ist. Am meisten tun mir immer die sogenannten Schlüsselkinder leid. Sie wissen, woher der Name kommt. Das sind die Kinder, die den Hausschlüssel bekommen, während Vater und Mutter arbeiten gehen, und die Kinder müssen dann sehen, wie sie fertig werden. Da sollten nach meiner Auffassung Ihre Verbände eingreifen, soweit sie zu solcher Arbeit berufen sind, und sich gerade solchen Kindern widmen. Auch die Landesverwaltung sollte da eingreifen über die Lehrerinnen. Das ist eine sehr große und wichtige Aufgabe für Lehrerinnen, die ihren Beruf wirklich so ernst nehmen, so ethisch nehmen, wie der Lehrerberuf genommen werden muß. Dann wird es sehr leicht sein, daß gerade die jungen Mädchen noch einmal zusammenkommen und eine Gemeinschaft mit ihnen hergestellt wird, und wenn es nur eine Stunde ist, nicht direkt nach dem Unterricht, aber später noch einmal. Es kommen ja öfter solche Klassen zu mir, wie ich es eben erwähnte, und ich habe immer wieder gefunden, daß es auch eine Sache der Lehrerpersönlichkeit ist, ob sie - die Mädchen sind ja dann noch halbe Kinder - die Kinder an sich fesseln können, ob sie sie zusammenbinden können oder nicht. Dahin, glaube ich, müssen die Schulen, d.h. die Lehrerinnen, gebracht werden, eventuell gegen besondere Bezahlung, daß sie sich der jungen Menschen auch noch nach der Schule, nach dem Lernen, annehmen, damit die Kinder eine Art Vertrauensverhältnis zu der erfahrenen Lehrerin bekommen.

Ich komme jetzt zu den Hochschulprofessoren. Ja, so etwas darf in diesen Räumen nicht gesagt werden, denn hier ist der Bund, und das ist ein Privileg der Länder, weil das Kultur ist!

(Von Hassel: Oho! - Allgemeines Lachen.)

Sie schreien jetzt „Oho", Herr von Hassel, aber wenn Sie mit den anderen Ministerpräsidenten zusammensitzen, dann schreien Sie „Aha!" Das geht dann ganz anders. - Aber Sie haben recht. Sie wissen, daß zunächst ein Vorschlag der Universität an den Kultusminister gemacht werden muß, und ehe sich ein Ordinarius dazu versteht, eine Frau als ordentlichen Professor vorzuschlagen, da muß sich schon vieles ereignen. Aber auch hier würde ich nicht verzweifeln. Mir fällt gerade ein, ich habe eine Hausärztin, die früher bei meinen Kindern und bei meiner Frau war und die ich dann auch weiter behalten habe. Sie hat mir einmal erzählt, als sie Medizin studierte, wurde sie von einem Professor - sie hat mir auch den Namen genannt, ich will ihn nicht nennen - nicht angeredet: Fräulein oder Frau Soundso, sondern sie wurde mit „Herr" angeredet! Dadurch wollte dieser Ordinarius zu erkennen geben, daß es unter seiner Würde wäre, eine Studentin zu lehren. Aber der tut das eben nun schon lange nicht mehr, und so wollen wir daraus vielleicht auch entnehmen, daß ja doch eine Entwicklung eingesetzt hat, die es auch einer Frau ermöglicht, Professor zu werden. Allerdings muß ich Ihnen auch das eine offen sagen: Ob eine Frau als Professor unter Studenten ein glückliches Leben führen wird, das weiß ich nicht, das kommt natürlich auf die Frau an, meine verehrten Damen; entweder sie ist zu charmant - das ist nicht gut, meine Damen! -, oder sie ist gar nicht charmant, und das ist auch nicht gut.

(Lachen.)

Ja, meine Damen, Sie sehen, ich spreche ganz offenherzig.

(Frau Weber: Charmant darf sie ruhig sein!)

Waren Sie immer charmant, Frau Weber?

(Lachen. - Frau Weber: Ich bin ja auch nicht Professor geworden!)

Nun will ich Ihnen aus ihrer Lebensgeschichte etwas verraten. - Frau Weber hat mich einmal sehr enttäuscht, als ich Oberbürgermeister von Köln war. Es ist ja gut, wenn ich Ihnen das sage, dann werden Sie ersehen, daß ich immer für die Gleichberechtigung war.

(Frau Weber: Damals war ich dann noch charmant!?)

Das ist eine Sache unter uns beiden!

(Lachen.)

Damals war Frau Weber an einem städtischen Lyzeum, und ich wollte Frau Weber zur ersten Direktorin eines Lyzeums in Deutschland machen. Das habe ich ihr angeboten unter einer Bedingung: Sie müßte dann der Politik entsagen, denn eine Direktorin als Abgeordnete könnte nicht ihrer Pflicht genügen, die sie als Direktorin hat,

(Frau Weber: Da haben Sie ganz recht!)

und gerade, weil dann zum ersten Male eine Frau ein solches Amt bekäme, müßte sie beispielhaft sein; wenn sie da versagen würde, würde das sehr böse Konsequenzen haben. Nun, sie hat mir einen Korb gegeben und gesagt, nein, ich bleibe bei der Politik; sie war schon Abgeordnete, und sie wollte bei der Politik bleiben.

(Frau Weber: Aber heute sind Sie doch zufrieden dabei!)

Ob die Entscheidung gut war oder schlecht war, wer kann das sagen? Wer weiß, was Sie als Direktorin geleistet haben würden!

(Frau Weber: Aber Sie wissen, was ich in der Politik leiste!)

In der Politik haben Sie viel geleistet und viel gelitten. - Aber ich habe das gesagt, um darzutun, daß ich immer für die Gleichheit im öffentlichen Leben gewesen bin und daß es mir damals wirklich eine große Genugtuung gewesen wäre, daß durch mich zum ersten Male in Deutschland eine Frau die Direktorin eines neunklassigen Lyzeums geworden wäre. Da habe ich also ein Alibi bekommen,

(Von Hassel: Das reicht fürs ganze Leben!)

wie ich es besser gar nicht präsentieren kann.

Nun wurde gesagt, die Unternehmerinnen seien nicht genügend in den entsprechenden Gremien, Handelskammern usw. vertreten. Das glaube ich auch, aber daran können wir ja nun gar nichts machen, da müssen Sie sich schon selbst Ihrer Haut wehren und dafür sorgen, daß einige Frauen an diese Stellen kommen. Mit Konzentration hat das aber gar nichts zu tun. Ich lasse jetzt gerade einmal eine Untersuchung über Konzentration anstellen, über die Notwendigkeit einer gewissen Konzentration und über den Schaden einer solchen Konzentration. Ich will hier kein vorschnelles Urteil abgeben. Ich bin auch noch gar nicht dazu in der Lage, ein Urteil abzugeben, weil die Untersuchung noch nicht zu Ende geführt wurde. Nur ist eines klar: Es gibt bestimmte Arten von Industrien, bei denen eine Konzentration auf Seiten eines großen Unternehmens unbedingt notwendig ist, und zwar im volkswirtschaftlichen Interesse, daß diese Konzentration dadurch, daß das Produkt billiger hergestellt wird, auch den kleinen Unternehmungen zugutekommt, weil sie dann auf dieser Grundlage billiger produzieren. Ob darüber hinaus aus einem gewissen Sport heraus, aus reinem Machthunger, überflüssigerweise Konzentrationen stattfinden - das wird zweifellos der Fall sein -, das muß man aber wirklich auch richtig und objektiv untersuchen, und wenn die Untersuchung dieses Ergebnis hat, dann wird hoffentlich der neue Bundestag zu dieser Frage Stellung nehmen.

Jetzt möchte ich Sie bitten, Herr von Hassel, die zweite Serie der Fragen herbeizuführen.

Von Hassel weist zum Thema Ausbildung der jungen Mädchen als Resümee einer dreijährigen Überlegung in Schleswig-Holstein darauf hin, daß dort angestellte Untersuchungen ergeben hätten, daß junge Ehen sehr oft daran scheiterten, daß die jungen Frauen nicht gelernt haben, einen Haushalt zu führen und dem Manne ein Heim zu bieten. Bei der Diskussion dieses Themas sei in seinem Lande unterstellt worden, Schleswig-Holstein wolle wieder ein Pflichtjahr einführen. Die Reminiszenzen der Vergangenheit schlössen jedoch die Konzipierung eines solchen Gedankens aus. Die Frage, warum nicht auch junge Mädchen ein Dienstjahr ableisten sollten, wie die jungen Männer ein Jahr Wehrdienst zu leisten hätten, sei aber noch nicht verstummt. Es sei versucht worden, den jungen Mädchen und den Eltern klar zu machen, daß es einfach zum guten Ton gehöre, sich nach seiner Schulzeit mit den Fragen der Haushaltsführung und der Sozialarbeit zu befassen. Hinweis auf den halbjährigen Besuch einer Heimvolkschule in Dänemark; auf ein diakonisches Jahr, ein hauswirtschaftliches Jahr, auch in einem anerkannten Lehrbetrieb; Ausbau von Frauenfachschulen im Anschluß an das 9. Schuljahr. Solche Überlegungen sollten den jungen Mädchen und ihren Eltern stärker als bisher nahegebracht werden.

Bundeskanzler Dr. Adenauer: Meine Damen, ich sprach Ihnen eben von meiner Erfahrung und erwähnte die Zahlen, die ich von der letzten Klasse behalten habe, die bei mir war, das Ergebnis war aber auch früher ähnlich wie jetzt. In einem haben Sie recht: Auch von der letzten Klasse, die ich befragt habe - und ich habe jedes einzelne Kind besonders gefragt -, sprach kein Kind davon, in eine Haushaltsschule zu gehen. Alle sind sehr strebsam, wollen aber nicht in den Haushalt. Woran liegt das? Zum Teil doch wohl daran, daß sie glauben, sie könnten in dem Beruf nicht weiterkommen. Nach meiner Meinung irren sie dabei. Namentlich wenn es ihnen gelingt, später an einer Haushaltsschule ein Examen zu machen und dann weiterzukommen, haben sie ausgezeichnete Aussichten für die ganze Zukunft. Ich glaube, da müßte man mehr an Aufklärung tun. Ich glaube, die Kinder, die das nicht so genau wissen, meinen, sie müßten da schrubben und putzen.

(Zuruf: Das müssen sie natürlich auch!)

Sie meinen aber, das allein müßten sie, was gar nicht richtig ist. Da ist also eine Lücke, kein einziges Kind sprach davon. Ich habe dann auch nicht weiter danach gefragt. Hier kann vielleicht auch von den Verbänden mehr aufgeklärt werden, daß gerade dieser Beruf dem jungen Mädchen in der heutigen Zeit viel bessere Aussichten bietet als irgendeine Arbeit in einer Fabrik. Eine gute Hausgehilfin wird ja heute - und das wird noch lange Zeit so bleiben - mit Sammethandschuhen angefaßt, und sie hat auch einen Lohn und ein sonstiges Einkommen, das mindestens an den Lohn eines Durchschnittsarbeitnehmers herankommt, wenn man Kost und Logis usw. dazurechnet. Das müßte also noch mehr überlegt werden.

Die Diskussion um die Ausbildung junger Mädchen wird zunächst mit der Feststellung weitergeführt, daß diese im Haushalt abhängiger seien als z.B. in der Fabrik oder im Büro mit bestimmten Dienstzeiten. Ferner wird auf den ungeheuren Notstand an Arbeitskräften in kinderreichen Familien, in den Hauswirtschaften der Krankenhäuser, Kinderheime und Altersheime hingewiesen. Nach dem Aufruf „Aktion Gemeinsinn“ hätten sich 70.000 junge Mädchen gemeldet, an einem Werktag oder Sonntag in Krankenhäusern kurzfristig Dienst zu tun. Diese erfreulich hohe Zahl beweise, daß bei den jungen Mädchen auch noch Idealismus zum Dienst vorhanden sei. Trotzdem müsse versucht werden, den hauswirtschaftlichen Beruf attraktiver zu machen, indem man etwa den jungen Mädchen, die bereit sind, ein hauswirtschaftliches Jahr in einer kinderreichen Familie oder in einer gemeinnützigen Anstalt durchzumachen, eine Beihilfe zur Aussteuer oder zur Weiterbildung gibt. Dieser Vorschlag habe auf der einen Seite starken Beifall gefunden, im Bundesarbeitsministerium aber starke Skepsis ausgelöst aus Sorge über die erforderlichen Kosten. Ein weiterer Vorschlag gehe dahin, ein solches Jahr an die hauswirtschaftliche Lehre anzuschließen, die nicht den erhofften Widerhall gefunden habe. Nach Mitteilung des BMA seien bisher noch keine 10.000 Lehrverträge abgeschlossen worden. Es fehle noch an Meisterhaushalten.

Frau Rudolph, Frankfurt (Evangelische Frauenarbeit in Deutschland): Hinweis auf Eingabe an den Bundestag, durch Heraufsetzung der Anrechnungsfreigrenze für Witwen oder Rentnerinnen das Interesse zur Arbeitsaufnahme zu fördern.

Frau Dr. Flitz zitiert den Text eines Werbeplakates der Deutschen Bundesbahn: „Wähle Sicherheit – werde Eisenbahner!“ und fragt, ob es richtig sei, daß ein Bundesunternehmen so werbe. Damit werde einmal jeglicher Idealismus getötet, zweitens: „Was sollen die mittelständischen Betriebe, die handwerklichen Betriebe machen, die mit dieser berühmten Sicherheit in keiner Weise werben können?“

Frau Gescher (Akademie für Arbeiterinnenbildung): Die katastrophalen Zustände, unter denen ausländische Arbeiter und Arbeiterinnen in Bochum leben, erinnerten fast an einen modernen Sklavenhandel. Ob es nicht möglich sei, diesen Leuten eine gewisse Sicherheit hinsichtlich des Lebens und eine bessere Unterkunft zu geben?

(Abg. Frau Weber erbittet hierzu schriftlichen Bericht.)

Frau Magen (Arbeitsgemeinschaft der Frauen im Bund vertriebener Deutscher e.V.) bittet darauf hinzuwirken, daß die groß angesagten Gesetzgebungsprojekte für die Heimatvertriebenen und geflüchteten Rentner schnell zur Durchführung kommen, sie würden damit noch größeren Beifall finden. Sie wende sich dabei an den Bundeskanzler nicht nur als Regierungschef, sondern auch als Parteivorsitzenden, als der er eingeladen habe.

Bundeskanzler Dr. Adenauer: Der Lastenausgleich war ein Experiment, wie es, soweit man zurückdenken kann, noch niemals in irgendeinem Lande gemacht wurde. Daß man bei den ersten Schätzungen dann nicht sofort das Richtige traf, wird man verstehen können. Erst nachdem sich im Laufe der Zeit gezeigt hat, daß man tatsächlich zu gering geschätzt hat, sind die Ausschüttungen erfolgt.

Was die Rentensache angeht, so ist auch da unsere Zeit im Blick auf den heiligen Bürokratius eine furchtbare Zeit; der feiert Triumphe, wie er sie wahrscheinlich vorher niemals in Deutschland gefeiert hat. Der heilige Bürokratius läßt sich nicht töten! Mit jeder amtlichen oder jeder größeren privaten Verwaltung ist er notwendig verbunden, wobei ich ohne weiteres zugebe, daß höchstwahrscheinlich - bestimmt weiß ich das von den Einkommenssteuerveranlagungen - viel zu viel gefragt wird, was nachher doch nicht untersucht wird, so daß man zuerst den Steuerzahler ärgert, wenn er das alles schreiben muß, und nachher den Beamten, wenn er das in die Hände bekommt und doch nichts damit tun kann. Das zu vereinfachen wird z.B. auf steuerlichem Gebiet unbedingte Notwendigkeit sein; das unterschreibe ich vollkommen.

Zum Lastenausgleich möchte ich noch einmal sagen, es ist eine ganz große Sache, die auch für das deutsche Volk ein Ruhmesblatt ist, daß diese große Verschiebung der Vermögenswerte vor sich gegangen ist, ohne daß große Klagen laut geworden sind.

Vielleicht darf ich hier eines Mannes gedenken, dessen Name auch wieder längst vergessen ist, des Abg. Kunze, der sich der Sache jahrelang mit einer solchen Hingebung gewidmet hat, die geradezu bewundernswert war. Dieses Werk war ihm ein solches Herzensanliegen, und daß es gelungen ist, ist zum großen Teil sein Verdienst. Sein Name wird kaum mehr genannt, und ich freue mich, heute einmal hier diesen Namen aussprechen zu können.

(Abg. Frau Weber: Ich danke Ihnen dafür, Herr Bundeskanzler!)

Auf ein weiteres Vorbringen, für die Fremdarbeiter nicht nur materiell zu sorgen, sondern in ihrem Hiersein auch eine menschliche Begegnung zu sehen, antwortet

Bundeskanzler Dr. Adenauer: Dafür muß die Industrie sorgen, die die Leute hat; da können wir nichts tun.

Frau Brauksiepe erinnert in ihrem Dank- und Schlußwort an die große Aufgabe der Verbände, der verallgemeinernden Kritisiersucht aufgrund besserer Information entgegenzutreten. Sie zitiert dann einen Ausspruch Ulbrichts auf der 33. Vollsitzung der SED, wonach die Fortsetzung des Sozialismus in ganz Deutschland eine Schlacht sei, die nur an der pädagogischen Front gewonnen werden könne, und sie fügt hinzu, ob diese Schlacht an der pädagogischen Front gewonnen werde, das hänge wesentlich von der Frau ab, die an dieser Erziehungsaufgabe arbeite. Dem heutigen Trend zur Maßlosigkeit müsse seitens der Frauenverbände das Streben nach Maßhalten entgegenwirken.

Bundeskanzler Dr. Adenauer dankt abschließend den Vertreterinnen der deutschen Frauenverbände für ihren Besuch. 

Quelle: StBKAH I/02.23, unkorrigiertes Manuskript. Auszug abgedruckt in: Konrad Adenauer: „Die Demokratie ist für uns eine Weltanschauung.“ Reden und Gespräche 1946-1967. Hg. von Felix Becker. Köln-Weimar-Wien 1998, S. 174-182.