3. Februar 1961: Gespräch mit den Vorsitzenden der deutschen Frauenverbände (Auszug)

Meine sehr verehrten Damen,

ich heiße Sie hier herzlich willkommen. Ehe ich zu Ihnen kam, ist mir gesagt worden, ich möchte sagen, dass dieses Gespräch, das wir nun haben, nicht wegen der Wahlen gemacht werde. Meine Damen, ich schätze Sie so klug ein, dass Sie mir das doch nicht glauben würden, und deshalb sage ich ganz offen, es ist natürlich wegen der Wahlen. Das ist doch ganz selbstverständlich! Meine verehrten Damen, ich möchte die Fragen in der Reihenfolge beantworten, wie sie hier gestellt wurden. Ich beginne damit: Frauen gleichberechtigt als Minister und Staatssekretäre in den Ministerien. Ich vertrete seit Jahren absolut den Standpunkt, diese Frage mit ja zu beantworten, und ich würde es sehr begrüßen, wenn im Kabinett eine Frau wäre. Aber wie kommt ein Kabinett zustande? Ich möchte Ihnen doch einmal so aus dem Nähkästchen erzählen, wie das zugeht - nicht etwa nur bei der CDU/CSU, das würde auch bei jeder anderen Partei dasselbe sein. [...] Einen Wahlkampf zu führen ist ein Vergnügen, das tue ich gern noch mal, aber ein Kabinett zu bilden, das ist etwas Furchtbares, dabei kommt dann der Drang und der Druck der stärksten Ellenbogen. In einem gebe ich Ihnen da ohne weiteres Recht, meine sehr verehrten Damen: Auch ich beobachte mit Bedauern, dass im allgemeinen der Mann die Frau nicht als gleichberechtigt im öffentlichen Dienst anerkennen will, weil er in ihr eine Konkurrenz sieht. So ist es auch in den Fraktionen. Wenn ich Ihnen jetzt sagte, falls ich wieder Bundeskanzler werden würde, würde ich eine Frau als Minister nehmen, dann sage ich Ihnen dazu ganz offen, derartige Erwägungen habe ich schon gehabt, auch für ein neues Kabinett. Aber wie sich das dann alles gestalten wird, kann jetzt keiner sagen. Ich vertrete aber den Standpunkt, dass der Einfluss einer Frau bei den Kabinettssitzungen, auch auf Gebieten, die nicht unmittelbar aus dem Bereich des betreffenden Ministeriums herrühren, sehr wünschenswert ist. Die Frau sieht manche Dinge eben anders als der Mann; damit sage ich gar nicht, dass der Mann sie richtiger ansieht. Die Frau sieht in einer Frage eben noch andere Facetten, die da sind, und vielleicht ist ihr Gesamturteil noch besser als das des Mannes. Denn der Mann neigt zur Einseitigkeit, neigt dazu, das, was gerade in sein Ressort fällt, als das allein Wichtige anzusehen.

Quelle: Konrad Adenauer: „Die Demokratie ist für uns eine Weltanschauung". Reden und Gespräche 1946-1967. Hrsg. v. Felix Becker. Köln-Weimar-Wien 1998.