19. August 1961: Gespräch des Bundeskanzlers Adenauer mit dem amerikanischen Vizepräsidenten Johnson

Der Herr Bundeskanzler empfing am 19. August 1961 gegen 12.20 Uhr den amerikanischen Vizepräsidenten zu einer Unterredung, an der von deutscher Seite der Herr Bundesminister des Auswärtigen, Herr Staatssekretär Globke, Herr Ministerialdirektor von Etzdorf und von amerikanischer Seite General Clay und Botschafter Bohlen, Botschafter Dowling, Marineminister Conally u. a. teilnahmen.

Der Herr Bundeskanzler dankte zunächst den Herren, die aus Amerika gekommen seien, für ihren Besuch und hob hervor, dass die Begrüßung durch die Bevölkerung bereits eine Volksabstimmung gewesen sei, der er sich selbst nur anschließen könne.

Der nach seiner Meinung völlig unbegründete Tadel an den Vereinigten Staaten sei zunächst aus den Vereinigten Staaten selbst gekommen und nicht nur gegen Amerika, sondern gegen alle drei Westmächte gerichtet gewesen. Der Herr Bundeskanzler zitierte als Beispiel einen Leitartikel aus „New York Herald Tribune". Die Beunruhigung, die sich im deutschen Volk gezeigt habe, sei nicht zuletzt auf solche Nachrichten und auf den Schock zurückzuführen, den das Vorgehen Ulbrichts ausgelöst habe. Die deutsche Öffentlichkeit sei auf die außenpolitischen Entwicklungen, die jetzt erst an ihrem Anfang stünden, nicht genügend vorbereitet gewesen. Dies sei auch darauf zurückzuführen, dass gerade Ferienzeit sei und viele Menschen unterwegs seien.

Er selbst habe am Vorabend auf einer Versammlung von 7.000 Menschen in Essen über die politische Lage gesprochen. Es sei zwar eine Wahlversammlung der CDU gewesen, doch seien auch Andersdenkende unter den Zuhörern gewesen. Er habe in seiner Rede zunächst seiner Empörung über die Maßnahmen des Ulbricht-Regimes Ausdruck gegeben und dann ein Bild der weltpolitischen Lage gezeichnet, wobei er darauf hingewiesen habe, dass Chruschtschow bereits vor drei Jahren die erste Note zur Berlin-Frage an die Westmächte gerichtet habe. Dann habe Chruschtschow die zusätzliche Forderung erhoben, dass die SBZ als unabhängiger Staat anerkannt werden müsse. Schließlich habe er seinen Zuhörern dargelegt, dass man im nuklearen Zeitalter lebe, und habe ganz offen und freimütig gesagt, welche Wirkung diese modernen Waffen hätten. Er habe darauf hingewiesen, dass man jetzt am Beginn einer längeren Reihe wichtiger und ernsthafter Verhandlungen stehe, und seine Zuhörer seien alle mit ihm einig gewesen, dass verhandelt werden müsse. Wenn man aber verhandeln wolle, müssten solchen Verhandlungen diplomatische Aktionen vorausgehen. Daneben müsse man natürlich auch militärisch stark sein, da die Sowjetunion nur mit einem starken Gegner verhandle. Diese Verhandlungen würden durch Notenwechsel vorbereitet werden.

Er habe sodann seine Zuhörer darauf aufmerksam gemacht, was die Deutschen in der Bundesrepublik Deutschland den Vereinigten Staaten verdankten, und habe betont, dass die Amerikaner und die anderen Alliierten fest zu ihren Verpflichtungen stünden. Es sei ein ganz großes Unrecht, wenn man Zweifel darüber ausdrücke, ob die Vereinigte Staaten ihr Wort halten würden.

Er glaube, seine Ausführungen seien erfolgreich gewesen und von seinen Zuhörern verstanden worden. Selten habe er nach einer Rede soviel Beifall erhalten wie in Essen, wo er doch ein hartes, aber wahres Bild der Lage gezeichnet habe.

Der Herr Bundeskanzler versicherte dem Vizepräsidenten, dass die CDU/CSU diese Linie auf allen weiteren Wahlversammlungen vertreten werde.

Er habe seinen Zuhörern auch gesagt, er sei davon überzeugt, dass Chruschtschow verhandeln wolle, weil er wisse, dass es in einem nuklearen Krieg keine Sieger und Besiegten gibt.

Er versicherte dem Vizepräsidenten, dass die Zuverlässigkeit der Bundesrepublik Deutschland und ihre Treue zu den Vereinigten Staaten nicht nachlassen würden, und bat ihn, die jüngsten Äußerungen, die aus der deutschen Öffentlichkeit gekommen seien, zwar zu berücksichtigen, aber sich keine feste Meinung daraus zu bilden.

Er sei weit davon entfernt, die Schwierigkeiten, die die jetzige Situation biete, zu unterschätzen, aber je größer die Schwierigkeiten seien, je ernster die Lage sei, desto wichtiger sei es, einen klaren Kopf und starke Nerven zu behalten.

Bei all diesen Schwierigkeiten müssten aber auch die psychologischen Momente berücksichtigt werden. Es sei deshalb ein guter Gedanke gewesen, dass Präsident Kennedy den Vizepräsidenten und General Clay, der in Deutschland noch sehr gut bekannt sei, hierher geschickt habe. Er brauche nur an den begeisterten Empfang zu erinnern, den die Menschen ihm bereitet hätten, um zu sagen, wie sehr man diesen Besuch begrüße. Der Vizepräsident dürfe sicher sein, dass er in Berlin von allen Menschen ebenso herzlich empfangen werde. Als Präsident Eisenhower 1959 in Bonn gewesen sei, habe sich ein ähnliches Bild geboten, und wer die Äußerung des Volkes zu deuten verstehe, erkenne darin den Ausdruck einer großen inneren Freude und einer aufrichtigen Freundschaft zu den Vereinigten Staaten.

Herr Johnson dankte für die herzliche Aufnahme und sagte, die Gefühle der Freundschaft beruhten auf Gegenseitigkeit. Der letzte Besuch des Herrn Bundeskanzlers in den Vereinigten Staaten, und besonders in Texas, sei unvergessen, und die Herzlichkeit des Empfangs sei ein Zeugnis der Wertschätzung für den Herrn Bundeskanzler und der Freundschaft mit dem deutschen Volk gewesen.

In einer kritischen Zeit wie der gegenwärtigen gäbe es in allen Völkern Leute, die etwas nervös würden und dann Dinge sagten oder täten, die nicht der Haltung des ganzen Volkes entsprechen. Diese seien meistens isolierte Gruppen oder einzelne Personen, die die Mehrheit ihres Volkes nicht hinter sich hätten.

Man müsse sich vor Augen halten, dass man die Lösung der gegenwärtigen Schwierigkeiten nicht über Nacht finden werde. Man müsse aber auf weitere Nervenbelastungen der Art wie die jüngsten Geschehnisse in Berlin gefasst sein und auch die Völker darauf vorbereiten. Die amerikanische Regierung sei erst seit sechs Monaten im Amt und sei in dieser Zeit schon mit vielen alten und neuen Problemen konfrontiert worden. Der Präsident habe sich veranlasst gesehen, an den Kongress und das Volk der Vereinigten Staaten zu appellieren, um eine bessere und wirksamere Vorbereitung zu gewährleisten. Dies bedeute eine starke Belastung des Steuerzahlers. Aber nur, wenn diese Bereitschaft gewährleistet sei, könnten die Vereinigten Staaten ihre wirtschaftliche und militärische Verantwortlichkeit in allen Teilen der Welt wahrnehmen. Das amerikanische Volk habe auf diesen Appell überzeugend und ermutigend geantwortet. Dem Präsidenten seien vom Kongress die bisher umfangreichsten Mittel bewilligt worden, ja er habe sogar noch mehr bewilligt, als der Präsident gefordert habe. Die amerikanische Regierung sei nicht teilnahmslos, es fehle nicht an Vorbereitungen, und was er erwähnt habe, seien Aktionen, die für sich sprächen. Auch fehle es nicht an Vertrauen zu den Verbündeten, insbesondere zu der Bundesrepublik. Deshalb habe es der Präsident für wichtig erachtet, dass er als ein persönlicher Vertreter dem Bundeskanzler und dem deutschen Volk sage, dass die Vereinigten Staaten über die unerfreuliche Entwicklung der letzten Tage besorgt seien. Der Präsident sei leider nicht in der Lage gewesen, selbst in die Bundesrepublik zu kommen. Der Präsident wisse von der Verlässlichkeit und von dem Vertrauen, das das deutsche Volk in seine Partner setze. Deshalb habe der Präsident auch General Clay gebeten, in die Bundesrepublik zu reisen, um dem deutschen Volk zu demonstrieren, welche Haltung die amerikanische Regierung einnähme, da, wer General Clay kenne, wisse, dass er nicht gekommen sei, um einem Rückzug das Wort zu reden.

Er hoffe, der Besuch werde dazu beitragen, das deutsche Volk in seiner Haltung zu stärken, und werde auch helfen, dass die beiden Regierungen Schulter an Schulter weiter voranschreiten, bis die Freiheit für ihre Völker gewährleistet sei.

Der Präsident glaube, dass dieser persönliche Besuch mehr sage, als alle Worte oder alle Schreiben sagen könnten. Er habe zwar eine Botschaft an Herrn Brandt bei sich, in der der Präsident auf einige Vorschläge von Herrn Brandt antwortet. Das Wichtigere sei aber, dass führende Amerikaner in die Bundesrepublik gekommen seien.

Der Herr Bundeskanzler wisse, dass der Präsident die staatsmännische Haltung, die der Herr Bundeskanzler gezeigt habe, zu schätzen wisse und anerkenne und dass er vor seinem politischen Urteil große Achtung habe.

Der Besuch solle klarmachen, dass die Vereinigten Staaten weiterhin alles unternehmen, um ihr Programm der wirtschaftlichen und technischen Hilfe rasch in die Tat umzusetzen. Gegenwärtig liege dem Kongress das umfangreichste Programm dieser Art vor. Der Besuch solle ferner unterstreichen, dass die Vereinigten Staaten auch auf anderem Gebiet beschleunigte Anstrengungen unternähmen. Dies gelte für die Einberufung von Soldaten, für das Produktionsprogramm und für die Durchführung von wissenschaftlichen Forschungsprogrammen. Der Präsident habe vom Kongress etliche Millionen Dollar mehr angefordert, als es Präsident Eisenhower und er selbst noch im Januar für nötig gehalten hätten. Die amerikanische Regierung glaube, dass diese der Stärkung der militärischen Macht dienenden Maßnahmen ein Beweis dafür seien, dass sie die gegenwärtige Lage nicht ohne Sorge betrachten und ihrerseits handeln. Das deutsche Volk solle dies wissen und könne darüber hinaus sicher sein, dass die Vereinigten Staaten zu ihren Verpflichtungen stünden und diese honorierten.

Die von Präsident Kennedy beantragten Maßnahmen seien vom Kongress einstimmig gebilligt worden.

Der Vizepräsident überbrachte sodann Grüße von den Herren Rayburn, Dirkson und Hallick, die alle die Reise des Vizepräsidenten nach Bonn begrüßt hätten.

Der Herr Bundeskanzler sagte, er sei erfreut und dankbar für die Haltung, die der Kongress eingenommen habe. Was den Brief Brandts an Präsident Kennedy angehe, so habe er ihn nicht gekannt und erst über die Botschaft in Washington darüber erfahren. Erst dann habe man den Herrn Brandt um eine Kopie gebeten und auf diese Weise Kenntnis erhalten. Er selbst hätte einen solchen Brief nicht geschrieben. Außerdem seien einige Vorschläge unmöglich. Dies sei auch die Auffassung des Herrn Bundesministers des Auswärtigen. Die Bundesregierung habe natürlich geprüft, ob der Interzonenhandel unterbrochen werden könne. Dies sei aber nicht der Fall, da er mit einer Verpflichtung verknüpft sei, dass nichts geschehen dürfe, was den Verkehr nach Westberlin behindere. Wenn der Interzonenhandel eingestellt oder verzögert worden wäre, so hätte sich dies sofort auf den Verkehr mit Westberlin ausgewirkt.

Westberlin müsse wirtschaftlich stark gehalten werden, einmal im Hinblick auf die jetzige Lage, zum anderen im Hinblick auf künftige Verhandlungen. Der BDI habe seine Mitglieder aufgefordert, nicht auf die Leipziger Messe zu gehen, und der deutsche Sportbund habe seinen Mitgliedern empfohlen, die Verbindungen zur Zone abzubrechen. Wer die Sportler kenne, wisse, dass dies kein leichter Entschluss gewesen sei.

General Clay wies sodann darauf hin, dass, was Berlin angehe, sich vielleicht niemand so festgelegt habe wie er selbst. Er wisse, dass auch der Vizepräsident von jeher für die Aufrechterhaltung der ursprünglichen amerikanischen Position in Berlin eingetreten sei, vor allem während der Blockade 1948. Was das amerikanische Volk angehe, so könne er sagen, dass das amerikanische Volk die Entschlossenheit der Regierung, in der Berlin-Frage fest zu bleiben, voll und ganz unterstütze. In der jetzigen Lage dürfe man sich nicht dazu verleiten lassen, kleinere Maßnahmen, die im Augenblick vielleicht angezeigt erscheinen, zu ergreifen, weil man dabei das größere und wichtigere Ziel aus den Augen verlieren könnte. Man müsse in der Lage sein, im Ernstfall diejenigen Maßnahmen zu ergreifen, die wirksam und überzeugend seien. Er sei sicher, dass das amerikanische Volk ohne Rücksicht auf Parteizugehörigkeit die amerikanische Regierung unterstütze. Die amerikanische Öffentlichkeit erwarte aber auch Verhandlungen, und wenn jetzt seitens des Westens unbedeutende und in ihrem Erfolg zweifelhafte Gegenmaßnahmen getroffen würden, so könnte die Öffentlichkeit dies als eine Beeinträchtigung der Aussichten auf Verhandlungen betrachten.

Botschafter Bohlen sagte, die amerikanische Regierung verstehe die Gefühle und den Zorn der Bevölkerung Westberlins, sei doch jetzt aus einem Verwaltungsverfahren eine physische Tatsache geworden, die sich in der Errichtung von Stacheldraht-Hindernissen und im Einsatz von Panzerwagen zeige. Die amerikanische Regierung habe die möglichen Gegenmaßnahmen geprüft, sei aber aus den gleichen Überlegungen wie die Bundesregierung im Zusammenhang mit dem Interzonenhandel zu dem Ergebnis gelangt, dass die meisten vorgeschlagenen Gegenmaßnahmen die gegenteilige Wirkung hätten und der anderen Seite einen Vorwand oder sogar schon eine halbe Rechtfertigung für eine Blockade Westberlins geben würden. Deshalb habe die amerikanische Regierung keine dieser Maßnahmen getroffen. Stattdessen werde die amerikanische Garnison in Berlin um 1.500 Mann verstärkt. Der Besuch solle beweisen, dass die amerikanische Regierung ein wesentliches Interesse an der Lage in Westberlin habe. Wenn jetzt keine Gegenmaßnahmen ergriffen würden, so bedeute dies keine Schwächung der amerikanischen Entschlossenheit, die amerikanischen Rechte in Westberlin, die Freiheit der Bevölkerung und die Zugangsrechte zu verteidigen. Er stimme mit der Äußerung überein, die der Herr Bundeskanzler vor ein paar Tagen gemacht habe, wonach die eigentliche Berlin-Krise noch nicht begonnen habe und man sich erst in der Vorkrise befinde. So unangenehm die gegenwärtige Lage auch sei, man müsse den Blick auf das Wesentliche richten. Wenn im Augenblick auch der subjektive Wunsch nach dieser oder jener Gegenmaßnahme laut werde, so müsse man sich objektiv doch überlegen, welche Auswirkung sie haben werde und ob sie, im größeren Zusammenhang gesehen, nicht abträglich sei.

Der Herr Bundeskanzler sagte, er stimme mit diesen Überlegungen völlig überein und man werde die deutsche Öffentlichkeit in diesem Sinn auch aufklären und orientieren. Die Regierungserklärung vom Vortage habe die gleiche Linie verfolgt, der sich auch seine eigene Fraktion angeschlossen habe.

Die Unterredung endete gegen 13.30 Uhr.

Bonn, den 22. August 1961gez. Weber

Quelle: ACDP, NL Osterheld 01-724-003/3.