25. November 1949: Artikel des Herausgebers Marx über das Interview mit dem Bundeskanzler für die "Allgemeine. Wochenzeitung der Juden in Deutschland"

Bekenntnis zur Verpflichtung

 

Es war der Wunsch Dr. Konrad Adenauers, in einem Interview mit dem Herausgeber der "Allgemeinen[.] Wochenzeitung der Juden in Deutschland", Karl Marx, einmal klar auszusprechen, wie er zu den die Juden bewegenden Fragen, insbesondere zur Frage des Antisemitismus steht. Bei dieser Unterhaltung, die am 11. November im Arbeitszimmer des Bundeskanzlers in Bonn stattfand, waren sein persönlicher Referent, Ministerialdirigent Blankenhorn, und Direktor Siegfried Seelig, Düsseldorf, anwesend.

Das nachstehende Interview wird dazu geeignet sein, in der Zukunft Klarheit in den uns besonders interessierenden Fragen zu schaffen. Wenn es darüber hinaus ein Pfeiler zu der Brücke zwischen der Bundesregierung und den Juden in Deutschland und der Welt sein wird, dann erfüllt sich damit nicht nur ein von Dr. Adenauer ausgesprochener Wunsch, sondern auch die Hoffnung vieler jüdischer Gemeinden.

Bundeskanzler Dr. Adenauer erwartete uns und begrüßte uns mit besonders warmen Worten. Er betonte einleitend, er freue sich, die Möglichkeit zu haben, mit uns über unsere Probleme zu sprechen. Ein für allemal wolle er den Standpunkt der Bundesregierung und darüber hinaus auch seinen persönlichen zu der Frage der Juden in Deutschland formulieren.

Während er sprach, beobachtete ich ihn. So bot sich Gelegenheit, die Schilderungen über diesen Mann mit meinen persönlichen Eindrücken zu vergleichen.

Dr. Adenauer gedachte mit echter Wehmut seiner vielen jüdischen Freunde, deren Freundschaft ihm über die vergangenen schrecklichen Jahre hinweg erhalten blieb. Mit besonderer Betonung sprach er von dem großen Anteil der Juden am kulturellen Leben im einstigen Deutschland, mit großer Verehrung nannte er Namen. In trauriger Erinnerung schob er ein: "Als ich 1933 aufhörte, Oberbürgermeister von Köln zu sein, da waren es zwei Kölner Juden, die am gleichen Tage zu mir kamen und mir ihre finanzielle Hilfe anboten. Ich werde das ebensowenig vergessen wie den Tod meiner engsten Freunde."

Als ich ihm sagte, daß wir seit viereinhalb Jahren vergeblich auf eine klare Stellungnahme einer der verantwortlichen Politiker - auch von ihm - gewartet haben, sagte er: "Es war 1945 mein größter Wunsch - ich brachte ihn dem damaligen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Köln gegenüber zum Ausdruck -, ich werde Eure Synagogen, Eure Krankenhäuser und Eure Schulen wiederaufbauen. Und die verbitterte Antwort lautete: 'Wir brauchen das nicht mehr in Deutschland.' Diese Antwort erschütterte mich, ich werde sie nie vergessen, und sie war vielleicht dafür maßgebend, daß ich glaubte, die Frage nicht mehr berühren zu dürfen, um nicht wieder alte Wunden aufzureißen. Ihr Bericht zeigte mir", so fuhr er fort, "daß dies falsch war. Die Fülle der antisemitischen Vorfälle veranlaßt mich, in der Zukunft eine klare und deutliche Sprache zu führen. Ich werde von nun an jüdische Fragen nicht verschweigen."

Und als ich Dr. Adenauer andeutete, daß die Äußerungen in seiner ersten Regierungserklärung, Antisemitismus in Deutschland sei unvorstellbar, in den jüdischen Kreisen in Deutschland und im Ausland tiefe Enttäuschung ausgelöst habe, da meinte er: "Ich glaube in dem Worte 'unvorstellbar' das Kräftigste meines Sprachschatzes gefunden zu haben. Es ist unvorstellbar, daß es in Deutschland noch Menschen gibt, die nach all dem, was geschehen ist, noch Antisemiten sind, die Friedhöfe oder gar Gotteshäuser schänden können."

Wir sprachen auch über die Konzentrationslager, über die vielen unvergeßlichen schrecklichen Namen, auch über Maidanek. Dr. Adenauer ließ sich im einzelnen sagen, was mir über die KZs bekanntgeworden ist. Immer wieder schüttelte er den Kopf und sagte: "unvorstellbar".

Siegfried Seelig erörterte mit dem Bundeskanzler einige wirtschaftliche Möglichkeiten, Fragen der Wiedergutmachung und des Transfers. Dr. Adenauer zeigte sich an allen diesen Fragen sehr interessiert.

Schließlich kam der Bundeskanzler auf die jüdischen Gemeinden in Deutschland zu sprechen. Er erkundigte sich nach dem Nachwuchs und der organisatorischen Zusammensetzung. "Jüdische Gemeinden", so meinte er, "sollen und müssen in Deutschland bestehenbleiben. Deutschland braucht das jüdische Element, braucht den jüdischen Geist."

Nach eineinhalb Stunden brachen wir - nicht Dr. Adenauer - mit Rücksicht auf die vielen Besucher im Vorzimmer die Unterhaltung ab. Aber noch eins sagte er: "Ich habe mit Bewunderung und Begeisterung die Entwicklung des Staates Israel beobachtet. Ich freue mich über die Erfolge und bin sicher, daß die Entwicklung dieses jungen Staates günstig sein wird."

Und hier die von mir gestellten Fragen und die Antworten Dr. Adenauers:

Frage: Gewisse Kreise vertreten immer wieder die These, daß die Betonung des christlichen Charakters der CDU eine antijüdische Tendenz umschließe. Wollen Sie, Herr Bundeskanzler, zu dieser Frage eine Erklärung abgeben?

Antwort: In der ersten Regierungserklärung vor dem Bundestag habe ich im Namen der Regierung und der hinter ihr stehenden politischen Kräfte betont, daß unsere Arbeit getragen sein wird von dem Geist christlich-abendländischer Kultur und der Achtung vor dem Recht und der Würde des Menschen. In der Zeit des Hitlerregimes ist die Achtung vor der Würde des Menschen gründlich zerstört worden. Die Entwertung des Menschen zu einem Objekt staatlicher Zwecke ist eines der erschreckendsten Symptome jener Zeit gewesen. Wir wollen als Christen die Achtung vor dem Menschen ohne Rücksicht auf seine konfessionelle, rassische oder völkische Zugehörigkeit wiederherstellen. Im Geiste dieser Toleranz sehen wir in unseren jüdischen Landsleuten vollberechtigte Mitbürger. Wir wünschen, daß sie mit gleichen Rechten und Pflichten am geistigen, politischen und sozialen Aufbau unseres Landes teilhaben. Wir können und wollen ihre Mitarbeit nicht entbehren. Darin sehen wir in diesem Zusammenhang den Sinn des Begriffs "christlich".

Frage: Glauben Sie, Herr Bundeskanzler, daß durch die gegen Deutsche nach dem Kriege getroffenen Maßnahmen, z.B. bei der Austreibung aus den Ostgebieten, das Unrecht, das im Namen des deutschen Volkes bis 1945 geschehen ist, kompensiert werden kann? Diese Auffassung wird vielfach vertreten.

Antwort: Unrecht und Leid, das über Menschen gebracht wurde, kann niemals kompensiert werden durch Unrecht oder Leid, das über andere Menschen gebracht wird. Das deutsche Volk ist gewillt, das Unrecht, das in seinem Namen durch ein verbrecherisches Regime an den Juden verübt wurde, soweit wiedergutzumachen, wie dies nur möglich ist, nachdem Millionen Leben unwiederbringlich vernichtet sind. Diese Wiedergutmachung betrachten wir als unsere Pflicht. Für diese Wiedergutmachung ist seit 1945 viel zu wenig geschehen. Die Bundesregierung ist entschlossen, die entsprechenden Maßnahmen zu treffen.

Frage: Für uns ist die Wiedergutmachung nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine moralische Frage. Was gedenkt die Bundesregierung zu tun, um diese Wiedergutmachung zu fördern?

Antwort: Die moralische Wiedergutmachung ist ein Teil unseres rechtsstaatlichen Wiederaufbaues.

Die Bundesregierung wird aufmerksam über die Einhaltung des Grundrechtsartikels wachen, der es verbietet, irgend jemand wegen seiner Abstammung, seiner Rasse oder seines Glaubens zu benachteiligen. Ich möchte keinen Zweifel darüber lassen, daß die Schändung jüdischer Kultstätten und die Verwüstung jüdischer Friedhöfe, die leider in den vergangenen Jahren immer noch vorgekommen sind, ohne Nachsicht geahndet und bestraft werden. Es ist Pflicht vor allem der Gemeinden, die jüdischen Kultstätten nicht nur in ihren Schutz zu nehmen, sondern, soweit nötig, den Wiederaufbau zu unterstützen. Ich habe in der ersten Regierungserklärung bereits angekündigt, daß wir gegen radikale Tendenzen nötigenfalls von den Rechten, die die Gesetze uns geben, entschlossen Gebrauch machen. Wir werden dies in aller Schärfe gegen antisemitische Tendenzen in der Presse oder im öffentlichen Leben tun, wenn sich dies als nötig erweist. Wir werden jeden Antisemitismus nicht nur bekämpfen, weil er uns innen- und außenpolitisch unerwünscht ist, sondern weil wir ihn aus Gründen der Menschlichkeit mit aller Entschiedenheit ablehnen. In Ausführung der Grundrechtsartikel des Grundgesetzes sind uns alle gesetzlichen Voraussetzungen gegeben, diesen unseren Willen in die Tat umzusetzen und die Juden vor jeder Diskriminierung zu schützen. Wir werden die Juden gegen jede Möglichkeit neuer Verfolgungen sichern.

Ihre besondere Aufmerksamkeit wird die Bundesregierung dem Ausgleich der den jüdischen Staatsangehörigen zugefügten wirtschaftlichen Schäden widmen. Die bestehende Gesetzgebung bedarf hier mancher Verbesserung und Ergänzung. Der Staat Israel ist die nach außen sichtbare Zusammenfassung der Juden aller Nationalitäten. Die Bundesregierung beabsichtigt, dem Staat Israel Waren zum Wiederaufbau im Werte von 10 Millionen DM zur Verfügung zu stellen, und zwar als erstes unmittelbares Zeichen dafür, daß das den Juden in aller Welt von Deutschen zugefügte Unrecht wiedergutgemacht werden muß.

Die lange Verfolgung der Juden in Deutschland während der nationalsozialistischen Zeit hat eine Reihe von Problemen entstehen lassen, über die die Bundesregierung sich laufend unterrichten lassen muß. Es wird deshalb im Bundesministerium des Innern ein Referat eingerichtet und einem deutschen Juden übertragen werden, das sich mit diesem Problem befaßt. Die Einrichtung dieses Referats soll gleichzeitig den in Deutschland lebenden Juden die Gewißheit geben, daß seitens der Bundesregierung alles geschieht, um ihre staatspolitischen Rechte in vollem Umfange zu wahren.

Frage: Die jüdischen Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung, insbesondere die Angehörigen der in Konzentrationslagern getöteten Juden, verfolgen mit Besorgnis die Tendenz, die für die Vernichtung verantwortlichen politischen Elemente zu amnestieren und die Verfolgung von Menschlichkeitsverbrechen einzustellen. Beabsichtigt die Bundesregierung, Schritte in dieser Richtung zu tun?

Antwort: Ich habe vor dem Bundestag bereits erklärt, daß die Bundesregierung der Auffassung ist, daß durch die Denazifizierung viel Unheil und Unglück angerichtet worden ist, daß jedoch die wirklich Schuldigen an den Verbrechen, die in der nationalsozialistischen Zeit und im Kriege begangen worden sind, mit aller Strenge bestraft werden sollen. Diese Auffassung wird von der Bundesregierung unverändert vertreten. Verbrecher, die sich der Vernichtung von Menschenleben schuldig gemacht haben, sind einer Amnestierung nicht würdig und werden auch in Zukunft der ihnen zukommenden Strafverfolgung ausgesetzt sein.

Quelle: Allgemeine. Wochenzeitung der Juden in Deutschland. 4. Jg. Nr. 33 vom 25. November 1949, S. 1.