20. März 1950: Interview des Bundeskanzlers Adenauer mit dem Journalisten Kingsbury-Smith für die Nachrichtenagentur International News Service, veröffentlicht am 21. März 1950

Frage: Herr Bundeskanzler, das Angebot einer Union zwischen Deutschland und Frankreich hat ein solch weitverbreitetes Interesse gefunden, daß ich Sie gerne bitten möchte, sich näher über die Gründe zu äußern, warum eine so große historische Entwicklung gerade heute wichtig ist?

Antwort: Einer der wichtigsten Gründe ist die ständig steigende politische Spannung. Das verursacht mir schwere Sorgen. Es sollte allen Staatsmännern gleiche Sorge bereiten. Aber einige europäische Politiker scheinen blind gegenüber den bestehenden Gefahren zu sein. Ihre Blindheit erinnert mich an die Blindheit ihrer Länder, die diese gegenüber Hitler zeigten. Damals war es jedem denkenden Menschen klar, daß der Weg des Nationalsozialismus nur in einen furchtbaren Krieg hineinführen könnte und daß dieser Krieg unvermeidlich war. Ich komme nicht um das Gefühl herum, daß die Erfahrungen der Vergangenheit die Welt nicht klüger gemacht haben. Manchmal frage ich mich, ob die Welt wirklich aus den Lehren der Vergangenheit Gewinn ziehen will. Wenn das wirklich der Fall wäre, so müßte sie sich zu kühnen Entschlüssen durchringen. Der Wille dazu aber scheint heute zu fehlen. Darum versucht die Welt die Flucht ins Ungewisse.

Manchmal stellt man die Auffassung fest, der Westen habe Zeit, weil Sowjetrußland keinen Krieg wünsche und ihn darum nicht herbeiführen werde. Aber es wäre ein großer Fehler, wenn die Welt des Westens sich durch ein vielleicht falsches Gefühl der Sicherheit einschläfern ließe und Hoffnungen als Gewißheit hinnehmen würde.

Die Vereinigten Staaten und Sowjetrußland haben aufgerüstet. Die amerikanische Aufrüstung ist soweit gediehen, daß es keine große unmittelbare Gefahr für eine Eroberung der Vereinigten Staaten gibt. Jedoch zweifele ich, ob die sowjetischen Machthaber so überzeugt von dem Stand der amerikanischen Aufrüstung sind, daß sich für Sowjetrußland ein Krieg nicht lohnen würde. Es ist meine Überzeugung, daß sich für Sowjetrußland jeder Krieg lohnt, der Europa in seine Hand spielen könnte. Das kann sich auf verschiedene Art und Weise vollziehen, so z.B. durch eine militärische Eroberung. Wenn Westeuropa durch die sowjetischen Armeen besetzt werden würde, fielen wieder viele Millionen von Menschen unter russische Herrschaft. Damit hätte Rußland Westeuropa nicht nur geographisch unter seine Macht gebracht, zur gleichen Zeit würde die europäische Intelligenz und die europäische Arbeitskraft in die Sklaverei geraten. Alle diejenigen würden liquidiert, die das Herz des Widerstandes oder den Ansatz einer Wiedergeburt der westlichen Demokratie bilden könnten.

Ob die Vereinigten Staaten für die Befreiung eines in solchem Sinne "bereinigten" Europas kämpfen würden, scheint mir nicht nur fraglich, sondern sogar unwahrscheinlich. Darum glaube ich, daß der Anreiz, einen Krieg zu führen, für Sowjetrußland größer ist, als allgemein angenommen wird. Unter diesen Umständen kann der Friede nur dann gesichert werden, wenn die sowjetischen Führer von der Aussichtslosigkeit einer Eroberung Europas überzeugt sind.

Frage: Wenn ich Sie recht verstanden habe, glauben Sie, daß die Eroberung Europas durch Sowjetrußland die Beseitigung aller derjenigen Elemente bedeutet, auf die die USA sich, bei dem Versuch Europa zu befreien, stützen müßten.

Antwort: Ja. Man muß dieses Problem nüchtern betrachten. Warum sollten [die] USA unter solchen Voraussetzungen die schwere Aufgabe einer Befreiung Europas auf sich nehmen.

Frage: Angesichts der Gedanken, die Sie entwickelt haben, würde es mich sehr interessieren, Ihre Auffassung von der gegenwärtigen Lage in Westeuropa kennenzulernen.

Antwort: Die Lage ist nicht sehr vielversprechend. Großbritannien ist auf Grund der letzten Wahlen nicht in der Lage, wirklich kühne Entscheidungen zu treffen. Das läßt sich in bezug auf die Außenpolitik schon jetzt klar erkennen. Die Regierung und die Opposition haben, im Gegensatz zu der sonst üblichen englischen Tradition, sehr verschiedene Auffassungen von der Verteidigung Westeuropas. In Italien bestehen sehr ernsthafte innere Spannungen. In Frankreich folgt ein Streik nach dem anderen. Der Europarat kann bislang noch keine nennenswerten Ergebnisse aufweisen. Bei diesem Stand der Dinge in der alten Welt ist der echte Glauben an die Zukunft Europas nicht groß. Das weiß Sowjetrußland ganz genau. Ich bin jedoch überzeugt, daß die ganze Lage sich über Nacht ändern könnte, wenn die Welt einen wirklichen Beweis in der Hand hätte, daß Europa noch die Kraft für ein neues Leben besitzt.

Der kalte Krieg beruht auf psychologischer Kriegsführung. Wenn Sowjetrußland wirklich von der festen Entschlossenheit Westeuropas überzeugt werden könnte, einen neuen und entscheidenden Schritt tun zu wollen, hätte das einen sehr tiefgehenden Einfluß auf die sowjetische Politik gegenüber Europa und der Welt.

Frage: In der Annahme, daß Sie eine Union zwischen Deutschland und Frankreich als den Grundstein der Vereinigten Staaten von Europa und als den ersten Schritt in einer neuen Richtung ansehen, würde ich gerne wissen, was nach Ihrer Anschauung unmittelbar getan werden könnte, eine solche Union herbeizuführen.

Antwort: Lassen Sie mich für einen Augenblick das Deutschland am Ende der napoleonischen Kriege in Ihr Gedächtnis zurückrufen. Damals gab es eine Unzahl kleiner, unabhängiger deutscher Staaten. Jeder hielt sich für sich, hatte eigene Zollgrenzen, eine eigene Währung, eine eigene Armee usw. Dieser Zustand wurde durch die Bildung einer deutschen Zollunion und durch die Errichtung eines Zollparlaments überwunden, durch die der freie Austausch der Güter zwischen vielen Staaten sichergestellt wurde. Die Zollunion und das Zollparlament waren der Anfang der deutschen Einigung. An ein ähnliches Vorgehen denke ich, um die Bildung einer Union zwischen Frankreich und Deutschland herbeizuführen. Man sollte von einem allmählichen Verschmelzen der beiden Länder in bezug auf Zölle und Wirtschaft ausgehen.

Das Werkzeug für eine solche Union könnte ein gemeinsames Wirtschaftsparlament sein, dessen Mitglieder aus den gesetzgebenden Körperschaften beider Länder gewählt würden. Die beiden Regierungen könnten ihrerseits ein Organ bestimmen, welches gemeinsam mit dem Wirtschaftsparlament verantwortlich wäre. Die Aufgaben des Wirtschaftsparlamentes und der Regierungsvertretung würden sich im Laufe der Zeit erweitern können, um die Vereinigung beider Länder schrittweise herbeizuführen. Die Saarkonventionen geben ein Beispiel, auf welche Weise zwei Länder verschmolzen werden können.

Frage: Welche Auswirkungen würden diese Vorschläge, besonders in politischer Hinsicht, auf Westeuropa haben?

Antwort: Fraglos würde es einen großen Schritt vorwärts bedeuten, wenn Franzosen und Deutsche in einem Hause und an einem Tische säßen, um miteinander zu arbeiten und gemeinsame Verantwortung zu tragen. Die psychologischen Auswirkungen sind so groß, daß sie kaum abzuschätzen sind. Die französischen Ansprüche auf Sicherheit können so befriedigt und das Wachstum eines deutschen Nationalismus verhindert werden. Ich glaube, daß die Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich auf einer solchen Grundlage noch bedeutungsvoller ist als alle wirtschaftlichen Vorteile, die fraglos mit einer französisch-deutschen Union verbunden sind.

Frage: Wie stellen Sie sich die allgemeinen europäischen Auswirkungen einer solchen Union vor?

Antwort: Eine solche Union, wie sie von mir vorgeschlagen wird, vollzieht sich bereits in den Beneluxstaaten. Die skandinavischen Länder, Frankreich und Italien erwägen ähnliche Maßnahmen untereinander. Darum glaube ich, daß die von mir vorgeschlagene Vereinigung zwischen Frankreich und Deutschland in diesen Ländern begrüßt wird. Sicherlich werden sie bereit sein, sich einer solchen Union anzuschließen. Wenn Großbritannien sich wirklich als eine europäische Macht ansieht, so könnte es innerhalb des Rahmens der Vereinigten Nationen Europas denjenigen Platz einnehmen, der seiner Stellung und Stärke entspricht.

Die hier vorgeschlagene Union würde sich aber auch als ein Auftrieb für den Marshallplan erweisen. Frankreich und Deutschland würden die Ziele als erste erreichen, die den Vätern des Marshallplans vorschwebten, und darum den Weg für die anderen Teilnehmer des Marshallplans bahnen. Auf diese Weise würde das amerikanische Volk für die Milliarden von Dollars, die sie nach Europa hineingegeben haben, einen wirklichen Erfolg erzielen können, weil hier ein echter und bedeutungsvoller Beitrag zum Wiederaufbau und der Vereinigung Europas geleistet würde.

Auch auf den Europarat würde eine Union zwischen Frankreich und Deutschland einen fördernden Einfluß ausüben können. Nicht zuletzt ist die Wirksamkeit des europäischen Rates dadurch eingeschränkt worden, daß keine echte Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland herbeigeführt werden konnte. Ich glaube, es kann keinen vernünftigen Menschen geben, der nicht zu der Erkenntnis kommt, daß die hier vorgeschlagene Union dem Gedanken der europäischen Einigung neue Kraft und neues Leben geben wird.

Frage: Wie würde sich eine solche Union auf den Durchschnittsdeutschen und Durchschnittsfranzosen auswirken? Würde damit eine entscheidende Verbesserung der Lebenshaltung verbunden sein?

Antwort: Ich bin fest überzeugt, daß die Union der beiden Nationen zu einem wesentlich verbesserten Lebensstandard für beide Teile führen wird. Je größer ein Wirtschaftsgebiet ist, um so besser läßt es sich entwickeln. Das haben die USA bewiesen.

Frage: Glauben Sie, daß die von Ihnen vorgeschlagene Union auch zur Weiterentwicklung der westlichen Kultur beitragen kann?

Antwort: Nach meiner Auffassung könnte diese Union die westliche Kultur vor dem Untergang bewahren. Die gegenseitige Befruchtung zwischen Frankreich und Deutschland würde fraglos die kulturellen Leistungen beider Völker außerordentlich steigern. Auch in dieser Hinsicht würde eine französisch-deutsche Union sich als Wegweiser in unserer Zeit erweisen.

Frage: Was könnte man tun, um der sowjetischen Regierung die Sicherheit zu geben, daß die Vereinigung beider Länder keine Bedrohung gegen die Sowjetunion darstelle? Schließlich ist der Zweck einer solchen Union die Erhaltung des Friedens in Europa.

Antwort: Ein starkes Europa wird durch Rußland geachtet werden. Es wird aber nicht stark genug sein, um eine ernsthafte Bedrohung der Sowjetunion darzustellen.

Frage: Würden Sie bereit sein, Beobachter der Vereinten Nationen, unter Einschluß sowjetischer Vertreter, zu den Sitzungen eines französisch-deutschen Wirtschaftsparlamentes zuzulassen? Damit könnte erreicht werden, daß niemand an den friedlichen Absichten dieser Union zweifelt und der Verdacht aggressiver militärischer Zwecke ausgeschlossen wird.

Antwort: Da wir nichts zu verbergen haben, würden solche Beobachter willkommen sein.

Abschließend möchte ich nochmals betonen, daß in einer ernsten Lage die "Flucht nach vorn" am sichersten zu einem Erfolge führt. Europa darf die Augen nicht vor der Gefahr der Stunde verschließen. Blindheit bedeutet Kapitulation, weil sie die Kraft des Handelns lähmt. Die Zeit des Handelns ist gekommen. Möchte Europa die rechten Entschlüsse fassen, um einer besseren und gesicherteren Zukunft entgegenzugehen - tempus fugit.

Quelle: Mitteilung an die Presse. Nr. 347/50. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Pressearchiv F 1/25.