11. Dezember 1950: Interview des Bundeskanzlers Adenauer mit dem europäischen Generalsekretär der INS, Kingsbury Smith, für die Nachrichtenagentur Inter­national News Service

Dr. Konrad Adenauer, der Bundeskanzler der westdeutschen Bundesregierung, sagte heute, daß Westdeutschland den neuen französischen Plan für beschränkte Verwendung deutscher Kampfgruppen in der atlantischen Armee ablehnen wird.

Der westdeutsche Regierungschef sagte, daß er bereit sei, die Frage der Integration deutscher Truppen in die atlantische Armee dem Ermessen eines amerikanischen Oberkommandeurs zu überlassen, sofern Frankreich und die anderen Westalliierten das Prinzip der vollkommenen Gleichberechtigung für die deutschen militärischen Streitkräfte insbesondere auch in bezug auf Waffen und Kommandogewalt akzeptierten.

Die Verkündung dieser Richtlinien, die von entscheidender Wichtigkeit sind, machte Bun­deskanzler Adenauer in einem exklusiven Interview mit dem europäischen Generalsekretär der INS, Kingsbury Smith, am Vorabend des Londoner Treffens des Militärkomitees der Nord­atlantikpaktmächte. Dieses Komitee tritt zusammen, um den Plan für die Verwendung deutscher Kampfgruppen in der westlichen Verteidigungsorganisation zu erörtern.

Unter Betonung seines Wunsches, keineswegs eine lediglich ablehnende Stellungnahme einzunehmen, machte Adenauer einen Vorschlag, der nach seiner Auffassung die europäische Einheit festigen könnte.

Adenauer sagte, daß Deutschland nicht auf einer zahlenmässigen Gleichheit in der Atlantikar­mee bestehe.

"Zahlen sind nicht entscheidend. Wenn unser Beitrag an Menschenkräften auf ein Zehntel der Gesamtzahl der Soldaten in der Atlantikarmee festgesetzt wird, soll es uns recht sein.

Aber in bezug auf Waffen und Befehl müssen wir völlig gleichberechtigt mit den anderen sein. Dieses muß getan werden, um den Eindruck zu vermeiden, daß unsere Truppen lediglich als Kanonenfutter verwendet werden. Ohne eigene schwere Waffen hätten die Deutschen keine Chance, sich selber zu verteidigen, und sie würden sich nur als Kanonenfutter betrach­ten.

Ohne eigenes deutsches Kommando würden sie das Gefühl zweitrangiger Soldaten haben. Damit würde vielleicht gerade das Gegenteil erreicht werden, was Frankreich wünscht. Solche unzufriedene Kampfgruppen sind schwer in der Hand zu behalten.

Ich bin kein Soldat, aber ich weiß, wie der Soldat denkt. Ich glaube, daß die französischen Pläne auch vom militärischen Standpunkt aus nicht zweckmäßig sind."

Adenauer wies darauf hin, daß er auch gegenüber dem Vertreter der französischen Regierung die Auffassung vertreten habe, daß ein solcher Plan, wie er am vergangenen Donnerstag [7. Dezember 1950] veröffentlicht wurde, einstimmig von Westdeutschland abgelehnt würde.

"Der Plan würde", fügte er hinzu, "von der deutschen Öffentlichkeit, der deutschen Bundes­regierung und dem deutschen Parlament abgelehnt werden.

Ich habe nicht die Absicht, die Verhandlungen der Atlantikpaktmächte zu stören, ich habe vielmehr den Wunsch, zu verhindern, daß ein solcher Plan uns formell unterbreitet wird.

Wenn dies der Fall wäre, würden wir uns in der unglücklichen Lage befinden, ihn ablehnen zu müssen."

Adenauer warnte auch davor, daß dies die deutsche Unterstützung zu dem Schumanplan beeinträchtige. Er kam auch auf den Plan einer Neutralisierung Deutschlands zu sprechen.

"Welches wäre die Situation eines neutralisierten Deutschlands ohne Waffen?", so fragte er. "Wir hätten auf der einen Seite ein starkes Rußland und auf der anderen ein schwaches Europa. Nach meiner Meinung bestünde dann die große Gefahr, daß der stärkere Magnet Deutschland in seinen Wirkungskreis zieht.

Ich halte die gegenwärtige Situation für außerordentlich ernst, nicht nur für Deutschland, sondern auch für Europa und die USA.

Wenn Frankreich und besonders Jules Moch sich nicht der deutschen Gleichberechtigung widersetzt hätten, so hätte eine Vereinbarung im September zustande kommen und wir hätten anfangen können, eine europäische Armee aufzubauen, die die Stellung der West­mächte bei der vorgeschlagenen baldigen Konferenz mit Rußland gestärkt hätte.

Ich kann mir nicht vorstellen, daß Frankreich sich vor 150 000 deutschen Soldaten fürchtet. Es wäre töricht, sich einzubilden, daß diese kleine Streitmacht in Frankreich einfallen würde, mit Rußland im Rücken und Westeuropa und USA auf der Seite der Franzosen."

Adenauer sagte, die Westalliierten sollten nicht die Bildung einer Atlantik-Armee abwarten, ehe sie einen Oberkommandierenden ernennen.

"Ich bin dafür, daß der Oberkommandierende ein Amerikaner ist", fügte er hinzu, "und er sollte sofort ernannt werden, damit er die Armee aufstellen kann.

Was den deutschen Beitrag zu dieser Armee anbetrifft, so glaube ich, daß eine Einigung schnell erzielt werden könnte, wenn die drei Alliierten Hohen Kommissare autorisiert würden, direkt mit der Bundesregierung zu verhandeln.

Was meinen Sie wohl, was es für das deutsche Volk bedeutet, zu hören, daß in Washington, Paris oder London Verhandlungen stattfinden, bei denen über sein Schicksal verhandelt wird, an denen es aber nicht beteiligt wird.

Eins ist sicher, das deutsche Volk wird nicht einfach das tun, was andere Völker über es beschließen."

Adenauer sagte, daß er glaube, es könnte mit der Schaffung einer französisch-deutschen Armee ein Anfang gemacht werden, indem gemeinsame Militärschulen errichtet würden, in denen die französische und die deutsche Jugend zusammen ausgebildet und schließlich in eine europäische Armee als gleiche Einheiten aufgenommen werden könnten. Auf diese Weise würden sie zusammenstehen und, wenn notwendig, Schulter an Schulter wie Brüder für die Verteidigung Europas und der westlichen Zivilisation kämpfen.

Abschließend bemerkte Adenauer, er habe offen gesprochen "und die geheimsten Winkel seines Herzens nicht verborgen, denn es sei sein dringender Wunsch, über dieses Problem Klarheit zu schaffen".

Quelle: Mitteilung an die Presse. Nr. 1041/50. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Pressearchiv F 1/25.