19. September 1952: Interview mit Manfred George für die „Neue Zeitung" (Auszug)

Frage: Als Sie kürzlich das Haager Abkommen mit Israel über die Wiedergutmachung unterzeichneten - was empfanden Sie da?

Antwort: Die Unterzeichnung des Abkommens war für midi ebenso persönliches wie außerordentliches Erlebnis. Wie ich da dem Minister Sharett gegenübersaß und daran dachte, dass ich als ein absoluter Gegner des Nazismus, dieser Schande vor Deutschland, die ich mit allen Kräften bekämpft hatte, dass ich nun hier dem Vertreter des Volkes gegenübersaß, das so Unsägliches durch den Nazismus erlebt hatte, da war ich innerlich ebenso erschüttert wie aber auch zugleich froh darüber, dass ich wenigstens etwas zur Tilgung des Unheils beitragen konnte. Natürlich ist es mir klar, dass es sich hier nur um ein Symbol der Wiedergutmachung handelte, dass es ein Versuch war, Deutschland in dieser Frage zu rehabilitieren. Aber bei allem Fragmentarischen empfand ich vor allem vom moralischen Standpunkt aus, dass wir einen Schritt weitergekommen waren.(Anmerkung des Autors: In diesem Zusammenhang dürfte es manche Leser interessieren, dass der Bundeskanzler zu einem anderen Journalisten geäußert hat, dass besonders starken Eindruck auf ihn eine Äußerung des Außenministers Sharett gemacht habe, nach der „das jüdische Volk ein besonders gutes und langes Gedächtnis habe, sowohl für seine Freunde wie für seine Feinde, sowohl für das Gute wie für das Böse, das man ihm antäte". - Als Sharett übrigens von den Haager Verhandlungen nach Israel zurückkam und gefragt wurde, in welcher Sprache er sich privat mit dem Bundeskanzler unterhalten hätte, hat Sharett geantwortet: ,,In der Sprache Goethes, die Herr Adenauer und ich gesprochen haben, bevor jemand etwas von Herrn Hitler wusste."} Auch für einen anderen jüdischen Verhandler hat Bundeskanzler Adenauer hohe Worte des Lobes, für Nahum Goldman: „Das ist ein prächtiger Mann, und seine Verdienste um sein Volk und um dieses Abkommen können gar nicht überschätzt werden."

Frage: Und wie denken Sie sich die Zukunft israelisch-deutscher Beziehungen?

Antwort: Wir müssen Hoffnung und Geduld haben. Das Thema ist zu delikat, um nicht mit äußerster Behutsamkeit behandelt zu werden. Jedenfalls kann ich eines sagen: Bei uns steht der Mann auf der Straße, von relativ wenigen Ausnahmen abgesehen, dem Abkommen durchaus positiv gegenüber.

Frage: Betrachten Sie die arabischen Angriffe auf Deutschland anlässlich des Abkommens als eine ernsthafte Bedrohung der arabisch-deutschen Beziehungen?

Antwort: In der arabischen Welt wird das Abkommen mit Israel unter einem Gesichtswinkel betrachtet, der von dem unsrigen naturgemäß verschieden ist. Die arabischen Staaten fürchten offenbar, dass die deutschen Lieferungen an Israel zum Teil reexportiert werden könnten und dass Israel von ihrem Erlös in harter Währung Waffen und anderes Kriegsmaterial einkaufen könnte. Diese Gefahr ist meines Erachtens gering. Nur rund 10 v. H. der Waren, die an Israel geliefert werden sollen, sind sogenannte harte Waren, die für eine Wiederausfuhr in Frage kommen. Außerdem untersagt das Abkommen eine Wiederausfuhr ausdrücklich und belegt sie mit Konventionalstrafen. Ich hoffe sehr, dass sich auch in der arabischen Welt die Auffassung durchsetzt, dass die Wiedergutmachung in erster Linie ein moralisches und kein politisches Problem ist. Unsere Leistungen sollen ja nicht dem Staat Israel als solchem, sondern in erster Linie den durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft vertriebenen Juden, die in Israel eine Heimstätte gefunden haben, zugute kommen. Auch könnte unser Versuch, verletztes Recht wiederherzustellen, vielleicht andere Staaten ermutigen, die Frage der arabischen Flüchtlinge einer befriedigenden Lösung zuzuführen. Zugeben muss ich, dass sich das deutsch-israelische Abkommen zunächst als eine Belastung für die Beziehungen der Bundesrepublik mit den arabischen Staaten erwiesen hat, die auch materielle Verluste nach sich ziehen kann. Da aber Deutschland zu den Mächten gehört, die im Vorderen Orient keinerlei politische oder gar totalitäre Aspirationen haben, bin ich davon überzeugt, dass sich das Verhältnis sehr bald wieder normalisieren wird. [...]

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, Nr. 182. 21. Nov. 1952, S. 1603f.