14. August 1961: Fernsehinterview des Bundeskanzlers mit Bundesminister von Brentano über Berlin

Der Bundeskanzler führte mit dem Bundesminister des Auswärtigen Dr. von Brentano im Deutschen Fernsehen folgendes Gespräch:

Der Bundeskanzler: Was ich gestern über RIAS gesagt habe an alle Deutschen jenseits des Stacheldrahts - Stacheldraht jetzt im buchstäblichen Sinne des Wortes -, das möchte ich zu Beginn des Gesprächs auch hier unseren Zuhörern sagen: Zu einer Panik besteht kein Anlaß. Daß es eine ernste Situation ist, ist natürlich für jeden klar, aber es besteht kein Anlaß zu einer Panik. Von seiten der Bundesregierung sind wir seit gestern in intensiver Arbeit - vielleicht würden Sie, Herr von Brentano, einige Worte darüber sagen.

Außenminister von Brentano: Herr Bundeskanzler, ich kann hier wiederholen, was ich Ihnen bereits sagte, daß ich heute morgen die drei Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika, Frankreichs und Großbritanniens bei mir hatte, die außerordentlich ernst und besorgt waren. Wir haben uns über die möglichen Maßnahmen, die wir gemeinsam zu ergreifen haben, unterhalten. Wir haben bereits unsere Missionen angewiesen. Die Arbeitsgruppe in Washington, die ja von den vier Außenministern in Paris beauftragt worden ist, die ganze Entwicklung zu verfolgen, wird sich nun mit den Überlegungen beschäftigen, die die vier Regierungen angestellt haben. Ich möchte den Entscheidungen nicht vorausgreifen, aber ich glaube, ich kann nach diesem Gespräch ohne weiteres schon feststellen, daß wir genau, wie wir in Paris über alle Fragen einig geworden sind, auch über die Maßnahmen einig werden, die wir gegenüber diesem Rechtsbruch, dieser Verletzung des Viermächte-Status, die wir gegenüber diesen ungeheuerlichen Maßnahmen ergreifen, die in der Tat die ganze Sowjetzone einschließlich des Ostteils von Berlin in ein Konzentrationslager verwandelt haben.

Der Bundeskanzler: Die NATO wird sich natürlich auch noch mit der Frage beschäftigen.

Außenminister von Brentano: Wir haben uns ausdrücklich darüber unterhalten, daß wir bereits jetzt den Ständigen Rat und den Generalsekretär der NATO unterrichten. Ich rechne damit, daß sich morgen der Rat in Paris mit den Vorschlägen beschäftigen wird, die die Arbeitsgruppe ausarbeiten wird, und vielleicht kann ich Ihnen morgen abend schon über die Ergebnisse berichten.

Der Bundeskanzler: Ich habe das Kabinett für morgen vormittag zu einer Sitzung zusammengerufen, um die ganze Frage zu erörtern. Ich möchte aber auch am Schluß unserer heutigen Unterredung - und ich hoffe, Sie stimmen mit mir darin überein - nochmals sagen: Zu einer Panikstimmung besteht gar kein Anlaß, aber wir werden diese ernste Situation zusammen mit unseren Verbündeten meistern.

Außenminister von Brentano: Ich glaube, Herr Bundeskanzler, Sie haben vollkommen recht, zu einer Panikstimmung besteht bestimmt kein Anlaß. Wir müssen diese Maßnahmen als einen Teil des Nervenkriegs betrachten, und ich glaube, der Westen wird diese Auseinandersetzung solidarisch und geschlossen durchfechten.

Der Bundeskanzler: Das ist auch meine Überzeugung.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 151 vom 16. August 1961, S. 1461.