20. Januar 1963: Interview von Bundeskanzler Adenauer mit Paul Maugain, dem Korrespondenten des Französischen Rundfunks und Fernsehens

Frage: Herr Bundeskanzler, Sie werden in den kommenden Tagen neue und wichtige Gespräche mit Präsident de Gaulle führen, die wahrscheinlich und im wesentlichen die deutsch-französische Zusammenarbeit, Europa und die atlantischen Fragen betreffen. Wollen Sie uns bitte sagen, in welchem Geist Sie diesen Gesprächen entgegensehen und was Sie davon erwarten?

Antwort: Als Staatspräsident de Gaulle im September des vergangenen Jahres die Bundesrepublik besuchte, haben wir beschlossen, der deutsch-französischen Zusammenarbeit, die schon seit geraumer Zeit bestand, eine umfassendere und dauernde Form zu geben. Beide Regierungen haben in der Zwischenzeit über ihre Botschaften und in Gesprächen der Außenminister ihre Vorstellungen klargelegt, und wir haben uns ohne große Schwierigkeiten verständigt.

Unser bevorstehendes Treffen in Paris soll nun diese Vorbereitungen zum Abschluß bringen. Allein aus dem Umstand, daß auf beiden Seiten mehrere Minister teilnehmen, kann man ersehen, um welch umfangreiche Abkommen es sich handeln wird.

Franzosen und Deutsche wollen, wenn sie in dieser neuen Form gemeinsam planen und ausführen, auch ein gutes Beispiel geben für die künftige umfassende Zusammenarbeit der europäischen Staaten. Freiheit und Sicherheit Europas und der ganzen westlichen Welt hängen davon ab, daß wir die Gemeinsamkeit unserer Interessen, unser Ideal erkennen, durch gegenseitige Anpassung noch bestehende Hindernisse überwinden und vereint unsere geistigen und materiellen Kräfte in die Waagschale legen.

Wenn wir einmal den Blick abwenden von dem oft sehr verwirrenden besonderen Geschehen der einzelnen Tage, so erkennen wir, daß die Völker selbst, Männer und Frauen, Alter und Jugend, von ihren Regierungen verlangen, daß sie eine gute Zusammenarbeit begründen, die Freiheit und Frieden allen garantiert. Die denkwürdige Reise des Staatspräsidenten de Gaulle durch Deutschland, die vorangegangene Reise des Bundespräsidenten Lübke durch Frankreich und meine Reise durch Frankreich haben bewiesen, daß es sich nicht nur um einen Wunsch und ein Anliegen der beiden Regierungen handelt, sondern daß es sich hier um ein Verlangen beider Völker an die verantwortlichen Politiker handelt, sich bei ihren Verhandlungen dieses Auftrags ihrer Völker bewußt zu bleiben. Dann werden sich die Schwierigkeiten, die zwangsläufig jeder bedeutenden geschichtlichen Veränderung entgegenstehen, leicht und schnell überwinden lassen.

In dieser Überzeugung weiß ich mich mit Staatspräsident de Gaulle einig, und deshalb bin ich sicher, daß wir eine freundschaftliche erfolgreiche Zusammenkunft haben werden, deren Ergebnisse nicht nur für Frankreich und Deutschland, sondern für alle unsere Verbündeten von sehr großem Nutzen sein werden.

Ein neues Blatt der Geschichte, meine verehrten Zuhörerinnen und Zuhörer, wird aufgeschlagen. Über vier Jahrhunderte hindurch haben zwischen dem französischen und dem deutschen Volke Streit und Spannungen bestanden, die oft zu blutigen Kriegen geführt haben. Diese Zeit ist nun vorbei, sie ist für immer vorbei. Das französische und das deutsche Volk stehen in Zukunft zusammen in gemeinsamem Vertrauen, in gemeinsamer Arbeit für Frieden und Freiheit, für Frieden zwischen ihnen und für Frieden in Europa und in der Welt.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 13 vom 22. Januar 1963, S. 101.