4. Oktober 1963: Interview mit Hans Wendt für die "Deutsche Welle"

Frage: Wenn unsere ausländischen Hörer Sie fragen könnten, Herr Bundeskanzler, worin Sie nach diesen vierzehn Jahren als deutscher Regierungschef die wichtigsten Abschnitte dieses Weges erblicken, was würden Sie unseren Freunden draußen antworten?

Bundeskanzler: Das wichtigste Ergebnis der deutschen Politik nach dem Kriege ist m. E. darin zu sehen, daß es gelungen ist, für Deutschland das Vertrauen der freien Völker wiederzugewinnen. Wir haben unser Schicksal entschlossen der Sache des Friedens und der Freiheit anvertraut und werden diesen Kurs unbeirrbar fortsetzen. Dank seiner wirtschaftlichen Kraft kann Deutschland auch ein zuverlässiger Partner all der in der Entwicklung befindlichen Nationen sein, deren Bürger nach einer besseren Zukunft verlangen.

Frage: Nun, in manchen Teilen der Welt, besonders in manchen Entwicklungsländern, ist noch zu wenig über die Politik der europäischen Einigung bekannt. Sie, Herr Bundeskanzler, haben diese Politik maßgeblich mitgestaltet. Wie denken Sie über die Fortsetzung des europäischen Zusammenschlusses, der für die ganze freie Welt so wichtig ist?

Bundeskanzler: Der Zusammenschluß Europas hat sowohl für die Erhaltung des Friedens in der Welt als auch für die wirtschaftliche Zusammenarbeit größte Bedeutung. Die beiden letzten Weltkriege sind durch Konflikte in Europa ausgebrochen. Durch den europäischen Zusammenschluß ist es gelungen, mögliche Ursachen eines neuen Krieges in Europa zu beseitigen. Wirtschaftlich hat der Gemeinsame Markt schon bewiesen, daß er nicht nur denen zugute kommt, die an ihm teilnehmen, sondern daß seine Bildung allgemein den Handelsaustausch und den wirtschaftlichen Fortschritt in der ganzen Welt gefördert hat. Die nächsten Schritte in Europa werden darin bestehen, daß dem wirtschaftlichen der politische Zusammenschluß folgt. Der deutsch-französische Freundschaftsvertrag ist die Grundlage und Voraussetzung aller Zusammenarbeit in Europa. Beide Völker bilden damit auch einen festen Damm gegen den aus dem Osten kommenden kommunistischen Druck.

Frage: Auf vielen internationalen Tagungen und Konferenzen, von der Beratenden Versammlung des Europarates bis zur UNO, sind Stimmen des Verständnisses für die deutsche Lage, für die Sorgen und Hoffnungen unseres geteilten Volkes laut geworden. Wie beurteilen Sie, Herr Bundeskanzler, diese Zeichen der Sympathie und des Verstehens? Und wie sehen Sie die Aussichten für Menschlichkeit und Selbstbestimmung?

Bundeskanzler: Die Unterstützung, die Deutschland bei der Verteidigung seines Anspruchs auf Selbstbestimmung bei allen freien Menschen findet, werte ich als einen Ausdruck der Kraft, die die Selbstbestimmung und die Freiheit heute in der ganzen Welt gewonnen haben. Deshalb bin ich auch zuversichtlich, daß es gelingen wird, Deutschland in Frieden und Freiheit wiederzuvereinigen. Keine Macht der Welt, und sei sie noch so stark, kann sich auf die Dauer gegen die Kräfte stemmen, die unsere Welt bewegen.

Frage: Darf ich fragen: Haben Sie nie einen Versuch gemacht, auf direktem Wege etwas weiter zu kommen?

Bundeskanzler: Ich habe in einem persönlichen Brief an Herrn Chruschtschew den Vorschlag gemacht, durch direkte Verhandlungen weiterzukommen. Auf diesen Brief habe ich keine Antwort bekommen.

Frage: Dürfen wir Sie, Herr Bundeskanzler, am Schluß noch um ein Wort für die getreuen Hörer der "Deutschen Welle" in Übersee bitten? Ihr Name, Ihre Stimme, Ihre Politik sind für viele davon seit Jahren ein fester Begriff und ein Sinnbild des Vertrauens zum ganzen deutschen Volk.

Bundeskanzler: Ich grüße alle Deutschen, die im Ausland leben und arbeiten. Ich grüße alle Freunde Deutschlands in der ganzen Welt. Sie dürfen sicher sein, daß Ihre Treue und Anhänglichkeit ihren Lohn darin findet, daß Sie Deutschland heute immer auf der Seite des Rechts, der Freiheit und der Menschenwürde finden werden. Darüber empfinde auch ich selbst, wenn ich auf meine Arbeit als Bundeskanzler zurückblicke, eine tiefe Genugtuung.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 178 vom 8. Oktober 1963, S. 1541.