10. Oktober 1963: Interview des Bundeskanzlers Adenauer mit dem ZDF über seine künftige freizeitliche und politische Tätigkeit nach seinem Ausscheiden aus dem Kanzleramt

Frage: In einigen Tagen werden Sie dem exklusivsten Club der Welt angehören, dem Club der alten Staatsmänner, die aus ihrem Amte ausgeschieden sind. Ich könnte mir vorstellen, wenn man als Bonner Beobachter jahrelang gesehen hat, unter welchem Druck Ihr Terminkalender stand, dass es dann etwas mehr Zeit gibt für Dinge, die vorher nicht die Rolle in ihrem Leben spielen konnten, eben in der Zeit, als Sie noch unter politischem Druck standen. Glauben Sie, dass es Hobbys gibt, dass es Dinge gibt, angenehme Seiten des Lebens, die Sie dann mehr pflegen können als bisher?

Antwort: Heute Morgen, als ich von Haus wegging, begleitete mich mein Sohn, der bei mir wohnt. Und er sagte mir: "Wie freue ich mich doch, wenn ich hier den Garten sehe und sehe alle die Blumen und sehe auch noch die Rosen blühen und sehe die Sonne, dass Du dann mehr vom Leben haben wirst." Und ich habe ihm darauf geantwortet: "Ich bin bang, ich bin bang, es wird zuerst nicht so sein."

Frage: Glauben Sie nicht, dass Sie dem Ruf nun besonders nachgehen können, den der außerdienstliche Bundeskanzler gehabt hat, eben der große Rosenzüchter zu sein?

Antwort: Ich bin nie ein Rosenzüchter gewesen, sondern ein Rosenfreund. Der Rosenzüchter ist ein Mann, der sehr viel Geld darein stecken muss, denn Rosen zu züchten, d.h. neue Sorten zu züchten, ist ungemein schwer. Aber dass ich mich meinem Garten mehr widmen werde, dass ist jedenfalls sicher. Aber vergessen Sie nicht, ich muß meiner Fraktion, wenn sie mich ruft, zur Verfügung stehen.

Frage: Sie bleiben Bundestagsabgeordneter?

Antwort: Ich bleibe Bundestagsabgeordneter. Und übersehen Sie auch bitte nicht, dass ich meinem Nachfolger im Bundeskanzleramt, wenn er von mir irgendwie einen Rat hören will, auch zur Verfügung stehen muß. Und vergessen Sie nicht, dass ich meine Erinnerungen schreiben muß.

Frage: In welcher Form wird das geschehen, Herr Bundeskanzler? Man hat gesagt, Sie würden nicht so sehr an die Form der Memoiren denken, des Abschilderns der Ereignisse.

Antwort: Ich habe gesagt: "Memoiren, das ist so ein verbrauchtes Wort." Und ich habe weiter gesagt: "Bismarck hat gedacht: 'Gedanken und Erinnerungen'. Ich möchte nur Erinnerungen schreiben." Und da hat die eine Zeitung draus gemacht - oder ich habe etwas noch mehr gesagt: "Dann überlasse ich meinen Lesern, die Erinnerungen zu überdenken." Und sie hat das verkürzt gesagt: "Das Denken überlasse ich meinen Lesern." Und das habe ich nicht gesagt.

Frage: Herr Bundeskanzler, all das, was Sie jetzt gesagt haben, lässt eigentlich den Verdacht aufkommen, dass Sie es mit dem Abschied von der Politik nicht sehr ernst meinen. Gestern Abend hat im kleinen Kreise ein Bonner Journalist ein Gedicht verlesen, das diesen Verdacht - wenn ich das so ausdrücken darf - zum Ausdruck bringt. Er schreibt vom "König von Thule am Rhein". Und das sind zwei Strophen:

"Da nahm der alte Streiter

Das Glas und dann das Wort

Und sagte - scheinbar heiter-:

Sprecht nur von mir so weiter,

Ich geh ja noch nicht fort.

Ich geh auch nicht auf Reisen,

Wie mir so mancher rät.

Ich bleib in Euren Kreisen.

Ich werde Euch beweisen,

Was sich um wen hier dreht."

Kann man damit die Frage verbinden, Herr Bundeskanzler, wie Sie selbst Ihre Rolle in Zukunft im Bundestag umreißen würden?

Antwort: Ich stehe dem Bundestag dann zur Verfügung, wenn meine Fraktion das im Einzelfall verlangt.

Frage: Werden Sie aber noch Auslandsreisen unternehmen, wie es hier in diesem Gedicht verneint wird?

Antwort: Ich habe zur Zeit nichts vor. Und ein weiteres. Ich bin ja Vorsitzender der Partei. Und die Frage, ob ich Vorsitzender der Partei bleibe, bleiben will und bleiben werde, wird sich erst nächsten März entscheiden.

Frage: Wird es sich dann auch entscheiden, ob Sie im Jahre 1965 noch einmal für den Bundestag kandidieren werden?

Antwort: Das kann möglicherweise sein, dass die Frage dann gleichzeitig auftaucht.

Frage: Noch zuletzt die Frage, Herr Bundeskanzler: Was bleibt dann von den Freizeitbeschäftigungen für Sie übrig? Sie sind ein großer Boccia-Spieler.

Antwort: Ja, ich will Ihnen sagen, ich kam neulich - wo kam ich her? -, ich kam zurück von Rambouillet und sagte meinem Sohne: "Ich muß jetzt frische Luft haben. Wir spielen jetzt zunächst eine Partie Boccia." Die haben wir dann auch gespielt.

Quelle: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Mitschrift der Rundfunkaufnahme des ZDF vom 10.10.1963.